Stille. Gerade hat der Philharmonische Chor mit sanfter Eleganz das »Amen« verklingen lassen, da ist die ausverkaufte Isarphilharmonie in München von Stille erfüllt. Drei, vier, fünf Sekunden lang ist nichts zu hören. Wirklich nichts, es herrscht tiefes Schweigen. Dann braust der Applaus der 2000 Gäste durch den Saal. Leonard Bernsteins »Chichester Psalms« ist das ungewöhnlichste Werk auf dem Programm an diesem besonderen Abend, mit dem Lahav Shani in diesem September als neuer Chefdirigent der Münchner Philharmoniker startet.
Der Jubel, die glücklichen Gesichter im Publikum und auf der Bühne, das Strahlen des Mannes am Pult, die flirrende Stimmung im gesamten Haus – all das macht spürbar, was vor drei Jahren gemeint war, als das Orchester den Israeli als seinen künftigen Chef vorstellte: Von einer »Liebesheirat« war die Rede. Der Auftakt jetzt zeigt, dass das kein PR-Blabla war.
Man hat sich gefunden, keine Frage. Doch ist es mehr als das. Shani – der »seit 100 Jahren jüngste Chefdirigent der Philharmoniker«, wie Oberbürgermeister Dominik Krause (ebenfalls der jüngste, den die Landeshauptstadt je hatte) zur Begrüßung bemerkt – will den Aufbruch. Und sein neues Orchester geht mit. Ein Glück.
Ausschließlich Musik des 20. Jahrhunderts, die von den Vorlieben des neuen Chefs erzählt
Das beweist nicht zuletzt das Programm des Antrittskonzerts: Ausschließlich Musik des 20. Jahrhunderts, die von den Vorlieben des neuen Chefs erzählt. Die »Chichester Psalms«, das seriöse, mitunter durchaus an Musicals erinnernde Sakralwerk des Broadway-Mannes Bernstein für die anglikanische Kirche, mag da die überraschendste Wahl sein.
Doch dazu gleich. Eröffnet wird der Abend mit Ravels Konzert für Klavier und Orchester in G-Dur. Im Jahr 1932 uraufgeführt, blitzt immer wieder der Jazz auf, den Orchester und Solistin mit großer Lässigkeit, doch in jedem Moment klangschön zu seinem Recht verhelfen. Martha Argerich, unglaubliche 85 Jahre jung, reiht am Flügel die Läufe perlend aneinander und findet vor allem im dritten Satz einen herrlich kecken Anschlag. Es ist ein packender Dialog zwischen der Pianistin und den Philharmonikern.
Martha Argerich, unglaubliche 85 Jahre jung, reiht am Flügel die Läufe perlend aneinander und findet vor allem im dritten Satz einen herrlich kecken Anschlag.
Sie musizieren hier mit großer Klarheit, gerade auch bei Strawinskys Wunderwerk »Le Sacre du printemps« mit seinem Wahnwitz, den vertrackten Rhythmen, der Gegenläufigkeit und opulenten Fülle. Klar, Shani und seine »Philis«, wie sie in München genannt werden, haben in den vergangenen Jahren regelmäßig miteinander gearbeitet. Dennoch überraschen das enorme Verständnis und Vertrauen, die von Beginn an herrschen.
Die Präzision geht dabei nie auf Kosten der Emotionalität. Dazu trägt auch der Stil des neuen Chefs bei, der 1989 in Tel Aviv geboren wurde. Shani sucht und hält Blickkontakt zu seinen Musikerinnen und Musikern. Sein ganzer Körper lebt den Klang, durchdringt die Komposition – ein leidenschaftliches Dirigat.
Ein brausendes Finale mit Strawinsky, das mit Standing Ovations gefeiert wird
Das treibt nach der Pause auch den Strawinsky an. Tempo, Theatralität, Technik: Shani stellt in diesem Werk, das bei seiner Uraufführung 1913 vielen als Zumutung galt und noch heute zauberhaft zeitgemäß ist, immer wieder die einzelnen Instrumentengruppen heraus, ohne das Gespür für den Gesamtklang zu verlieren. Ohne Partitur (als 14-Jähriger hat er sie auswendig gelernt, in zwei Wochen) entfesselt er die Wucht der Komposition. Ein brausendes Finale, das mit Standing Ovations gefeiert wird.
Mit diesem Konzert enden bei den Philharmonikern rund vier cheflose Jahre. Valery Gergiev verließ die Stadt, weil er nicht von seinem Freund Wladimir Putin lassen wollte. Für Oberbürgermeister Krause ist Shani, der als Nachfolger von Zubin Mehta seit 2020 auch das Israel Philharmonic Orchestra leitet, ein »echter Glücksfall für München«. Das sagt er in seiner kurzen Rede und versichert den Philharmonikern wie ihrem neuen Leiter persönlich und im Namen der Landeshauptstadt uneingeschränkte Solidarität. Antisemitismus, Hass, Hetze werde man nie akzeptieren.
Wie berichtet, hatte das Flanders Festival Ghent im vergangenen Jahr das Orchester und seinen designierten Chef ausgeladen – wegen Israels Gaza-Politik. Ein Schritt, der nicht nur in Deutschland als antisemitisch kritisiert wurde. Belgiens Regierungschef sprach damals vom Schaden für sein Land. Beim Antrittskonzert sitzt jetzt demonstrativ der belgische Honorarkonsul in der Isarphilharmonie.
Daher zurück zu Bernsteins »Chichester Psalms« (1965), die Lahav Shani so punktgenau leitet, und die der Philharmonische Chor mit klarer Diktion und Verve interpretiert. Wer mag, kann aus der Tatsache, dass die hebräischen Verse in Übertiteln auf Deutsch und Englisch übersetzt werden (und zudem im Programmheft auf Hebräisch und Deutsch abgedruckt sind), eine Botschaft des Neuen herauslesen. Eine Botschaft, die jeder verstehen soll. Das Werk endet mit dem Auftakt von Psalm 133: »Siehe, wie fein/ Und lieblich es ist,/ wenn Brüder einträchtig/ Beieinander wohnen./ Amen.«
Vor dem Jubel kommt die Stille. Und in diesen langen Sekunden steckt so vieles: Freude, Glück, vor allem das Versprechen auf eine glänzende musikalische Zukunft der Münchner Philharmoniker.