Nachruf

Bekehrter Optimist

Hat polarisiert: Bernard Lewis (1916–2018) Foto: dpa

Nachruf

Bekehrter Optimist

Zum Tod des britisch-amerikanischen Islamwissenschaftlers Bernard Lewis

von Martin Riexinger  28.05.2018 20:41 Uhr

Der Tod eines Islamwissenschaftlers und Nahosthistorikers – oder Orientalisten, wie man bis vor 40 Jahren ganz unverfänglich sagte – wird normalerweise außerhalb von Fachkreisen nicht bemerkt. Als am 18. Mai, zwei Wochen vor seinem 102. Geburtstag, der britisch-amerikanische Ge­lehrte Bernard Lewis verstarb, wurde dies in den Medien Israels und der englischsprachigen Welt an zentraler Stelle vermeldet. Es folgten zahlreiche Nachrufe, und auch in den sozialen Medien war das Echo gewaltig.

Ins Auge fiel dabei, dass fast alle Wortmeldungen entweder von tiefer Verehrung oder Verachtung geprägt waren. Das große Interesse spiegelt wider, dass Lewis sich, anders als die meisten Fachgenossen seiner Generation, an die breitere Öffentlichkeit wandte, statt nur an den kleinen Kreis der Fachkollegen. Die Polarisierung rührt daher, dass die Standpunkte, die er vertrat, der nachfolgenden Generation nicht ins Konzept passten.

Hebräisch Das Interesse an Sprachen führte den in einer jüdischen Mittelklassefamilie in London aufgewachsenen Lewis zur Beschäftigung mit der islamischen Welt. Wie für andere bedeutende jüdische Islamwissenschaftler vor ihm bildete der Hebräischunterricht die Grundlage für seine Beschäftigung mit dem Arabischen. Nach seinem Militärdienst im Zweiten Weltkrieg wandte er sich der Wissenschaft zu. Hatte er sich zunächst mit dem mittelalterlichen Islam beschäftigt, widmete er sich bald neueren Entwicklungen, speziell dem Übergang vom Osmanischen Reich zur Türkischen Republik.

Lange war das auf diesen Studien aufbauende Buch The Emergence of Modern Turkey (1961) ein Standardwerk. Wie viele Studien zum modernen Nahen Osten aus dieser Periode kennzeichnet dieses Werk modernisierungstheoretischer Optimismus: Die islamische Welt schien dem Westen auf dem Wege der Säkularisierung und institutionellen Modernisierung zu folgen. 1974 wechselte Lewis von der Londoner School of Oriental and African Studies nach Princeton (USA).

Islamismus Von Modernisierungsoptimismus rückte Lewis in den 70er-Jahren ab. 1976, drei Jahre vor der Islamischen Revolution im Iran, legte er in einem Artikel für das Monatsmagazin »Commentary« dar, dass für die meisten Muslime der Islam, nicht der Nationalstaat oder säkulare Ideologien, der zentrale politische Bezugspunkt geblieben war. Der Literaturkritiker Edward Said warf ihm deswegen in seinem zwei Jahre später erschienenen Buch Orientalism vor, den »Orientalen« ein unveränderliches Wesen und mangelnde Entwicklungsfähigkeit zuzuschreiben.

Die Entwicklung der folgenden Jahrzehnte zeigte allerdings, dass Lewis die Tendenz richtig erkannt hatte: Der Islamismus drängte den säkularen arabischen Nationalismus, wie ihn Edward Said vertrat, zusehends an den Rand. 1990 griff Lewis dieses Thema in seinem Aufsatz »The Roots of Muslim Rage« wieder auf. Die Radikalisierung vieler Muslime führt er dort auf zwei Gründe zurück: Der eigene Überlegenheitsanspruch kontrastiert mit der realen Machtlosigkeit, und Versuche, durch Anpassung aufzuholen, waren gescheitert. Die Unzufriedenheit hierüber führe zu Aggressivität gegen den Westen, speziell die USA.

Diesen Gedanken arbeitete Bernard Lewis 2002 in dem Buch What went wrong? aus. Hier weist er zudem darauf hin, dass mit dem Aufstieg Asiens eine weitere Demütigung hinzugekommen war. Indem Chinesen und Koreaner zeigten, dass es möglich ist, aufzuholen, führten sie das Versagen der islamischen Welt umso deutlicher vor Augen.

Opferdiskurs Zu einem Opferdiskurs, der alle Probleme des Nahen Ostens dem westlichen Imperialismus zuschreibt, stehen Lewis’ Analysen unverkennbar im Widerspruch. Dabei leugnete er die verheerenden Wirkungen der westlichen Kolonialherrschaft überhaupt nicht. Er hob nur hervor, dass die Kolonialisierung selbst ein Resultat des ökonomischen, politischen und kulturellen Niedergangs gewesen sei. An den amerikanischen Universitäten trat der Opferdiskurs gleichwohl seinen Siegeszug an. Verbunden mit Lewis’ Unterstützung Israels führte dies zu seiner Entfremdung vom Mainstream der Nahostwissenschaft in den USA. Nicht nur das: Er wurde gar des antimuslimischen Rassismus bezichtigt.

Wie falsch der Vorwurf undifferenzierte Feindschaft gegenüber Muslimen ist, zeigt sich in den Büchern, in denen sich Lewis mit dem Verhältnis von Juden und Muslimen beschäftigt. In Die Juden in der islamischen Welt (1984, dt. 1987) zeigt er, dass die Juden in der vormodernen islamischen Welt zwar als »Ungläubige« zahlreichen diskriminierenden Vorschriften unterworfen waren, dass sie jedoch fast nie Verfolgungen ausgesetzt waren, wie sie die Juden des mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Europa wiederholt erlitten.

Wirklicher Antisemitismus, so zeigt er in Semites and Anti-Semites (1986), war dagegen ein europäischer Ideologieimport aus dem 19. Jahrhundert. Dass dieser Import jedoch bereitwillig angenommen wurde, habe fatale Auswirkungen für die arabische Welt selbst. Die Fixierung auf Israel verhindere eine rationale Auseinandersetzung mit den Problemen der eigenen Gesellschaften.

Der Autor ist Islamwissenschaftler und Dozent an der Universität Aarhus (Dänemark).

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

London

Boy George veröffentlicht israelsolidarischen Song »We Will Dance Again«

Der britische Sänger stellt in seinem neuen Reggae-Lied klar: »Ich stehe auf der Seite der Juden.«

von Imanuel Marcus  28.07.2026

New York

Carly Simon hat Parkinson

Die Sängerin und Songschreiberin mit jüdischem Familienhintergrund kämpft mit zwei gesundheitlichen Problemen. Trotzdem hat es sie es geschafft, ein neues Album aufzunehmen

 28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026

»Imanuels Interpreten« (23)

Harry Connick Jr.: Das Wunderkind

Mit drei Jahren spielt er Klavier, mit fünf tritt er öffentlich auf, mit neun interpretiert er Beethoven als Solist mit Orchester

von Imanuel Marcus  26.07.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Schon 200? Happy Birthday, Fotografie!

von Katrin Richter  26.07.2026

Los Angeles

Kate Hudson bekommt »Walk of Fame«-Stern

Die jüdische Schauspielerin ist einer von 33 Stars, die eine Ehrung auf dem Hollywood Boulevard erhalten sollen

 24.07.2026