Finale

Ayalas Welt

Eigentlich hatte ich mir geschworen, an dieser Stelle nie über die Kita der Jüdischen Gemeinde zu Berlin zu schreiben. Schließlich wird mein Sohn diese Einrichtung noch einige Jahre besuchen, und falls mein Humor dort nicht verstanden wird, muss der kleine Bengel es womöglich ausbaden.

Oder, viel wahrscheinlicher: seine Mutter! Aber nun kann ich nicht länger schweigen. Heute morgen hat mir eine Erzieherin freudestrahlend erzählt, dass sie Oma wird. Natürlich habe ich ihr Mazal Tov und alles Gute gewünscht. Und was macht sie? Sie starrt auf meinen Bauch, formt mit den Händen eine Kugel und fragt mich, wann mein Sohn endlich ein Geschwisterchen bekommt. Und zwar ein Mädchen!

einzelkind Einen Jungen und ein Mädchen, so verlangt es die Mischna, muss eine jiddische Mamme in die Welt setzen, danach ist ihre Fortpflanzungspflicht erfüllt. Diese Stelle aus der mündlichen Tora kennt offenbar jede jüdische Frau, der ich begegne.

Irgendwie scheine ich Fruchtbarkeits-Eizes anzuziehen wie die Eizelle das Spermium. Und keine Begründung auf Erden scheint gut genug zu sein, um diese Mütter davon zu überzeugen, dass eine jüdische Familie auch mit einem einzigen Kind glücklich sein kann. Kaum mache ich einer Mama Komplimente zu ihrem süßen Neugeborenen (ich liebe Babys, ich schaue in jeden Kinderwagen), folgt die Frage: »Und? Was ist mit Euch?«

Erwähne ich dann mein Geburtsdatum, bekomme ich zu hören, ich sähe aber wesentlich jünger aus. 41 oder 42 sei wirklich kein Alter. Außerdem gäbe es ja schließlich Hormonbehandlung. Zwillinge wären doch toll! Ganz egal, was ich dagegenhalte: Ich komme damit nicht durch. Und wenn ich ausnahmsweise eine junge jüdische Mutter mit meinen Argumenten doch beeindruckt habe, kommt garantiert die Zweite, küsst ihr drei Wochen altes Engelchen und fragt: »Und, was ist mit Euch? Wollt ihr nicht auch noch so eines?«

hormonbehandlung Weil alles Reden also zwecklos ist, habe ich jetzt beschlossen, mich in der jüdischen Mütter-Community nicht mehr zum Thema Familienplanung zu äußern. Imahot und Saftot, habt ihr gehört? Das war mein letztes Wort in dieser Angelegenheit.

Um meine Position zu unterstreichen, werde ich mir morgen die Vorderzähne ziehen lassen, Anti-Botox zur Faltenvertiefung spritzen und alle Haare weiß färben, um endlich wie meine eigene Urgroßmutter auszuschauen. Aber wahrscheinlich wird mich auch die Babuschka-Masche nicht retten. Ich sehe schon die nächste jüdische Oma um die Ecke biegen und mir Eizes geben. Warum ich es nicht mit einer Eizellspende versuche? In Israel gäbe es doch tolle Ärzte! Und ich sähe doch viel jünger aus als 64!

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie ist so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  08.05.2026

Kulturkolumne

Heißt David demnächst »Dschihad«?

Warum Michelangelo heute nie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale-Jury von Venedig bekommen hätte

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026

Meinung

Warum Erwin Rommel kein Vorbild für die Bundeswehr sein kann

Der Mythos vom ritterlichen »Wüstenfuchs« überlagert bis heute die wahre Geschichte hinter dem Nazi-General. Umso dringender ist eine Beschäftigung mit seiner Biografie

von Benjamin Ortmeyer  07.05.2026

Kino

Historiendrama: »Andor Hirsch« - Ein jüdischer Junge im Nachkriegs-Ungarn

»Andor Hirsch« ist ein Historiendrama um einen jüdischen Jungen, der im Ungarn der 1950er Jahre mitten in den Nachwehen des gescheiterten Volksaufstands in eine Identitätskrise gerät - als er erfährt, wer sein Vater ist

von Kira Taszman  07.05.2026

Zahl der Woche

60 bis 75 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 07.05.2026

Satire

Wie die Jüdische Allgemeine in 80 Jahren entsteht

Die KI braucht keinen Urlaub und macht nie Fehler: Eine Vorausschau

von Ralf Balke  07.05.2026

Redaktion

Die Menschen hinter der Jüdischen Allgemeinen

Wer textet und redigiert, gestaltet, illustriert und organisiert heute die Jüdische Allgemeine? 18 Menschen, neun Ressorts – wir stellen uns vor

 07.05.2026

Presse

Laut und deutlich

Jüdische Zeitungen verstanden sich stets als Stimme ihrer Leserschaft. Daran hat sich auch in Deutschland bis heute wenig geändert

von Philipp Lenhard  07.05.2026