Finale

Ayalas Welt

Seit ich aus dem alternativen Kreuzberg ins bürgerliche Friedenau umgezogen bin, lassen einige meiner Freunde durchblicken, dass sie mich nun ins Lager der Berliner Spießer verorten. »Ah, petit-bourgeouis«, meinte eine Bekannte abschätzig, als ich ihr von unserer neuen Wohnung erzählte, und ein guter Freund rümpft die Nase über die Gartenzwerge im Innenhof. Auch ich hätte nie gedacht, einmal grinsende Plastikmännlein zu meinen Mitbewohnern zu zählen. Aber wird, wer mit Zwergen zusammenlebt, dadurch schon selbst zum Zwerg?

Laut Wikipedia (dem Online-Lexikon, in dem sich moderne Spießer mit Eigenbiografien voll des Eigenlobs verewigen) stammt der Begriff Spießbürger aus dem Mittelalter und geht zurück »auf die in der eigentlichen Stadt wohnenden, Waffen tragenden Bürger, die ihre Heimatstadt mit dem Spieß als Waffe verteidigen konnten«. Mit dem Kurzbegriff Spießer, heißt es weiter, bezeichne man Personen, die sich »durch geistige Unbeweglichkeit, ausgeprägte Konformität mit gesellschaftlichen Normen, Abneigung gegen Veränderungen ihrer gewohnten Lebensumgebung und ein starkes Bedürfnis nach sozialer Sicherheit hervortun.«

Kinder-Yoga Da fühle ich mich nicht angesprochen. Zumal die schlimmsten Berliner Spießer keineswegs in Friedenau wohnen, sondern in Prenzlauer Berg. Dort huldigen sie ihrem Bio-Essen, schicken den Nachwuchs zum Kinder-Yoga und halten sich für den Nabel der Welt. In »Prenzelberg« (ein echtes Spießerwort) haben sich auch viele jüdische Spießer niedergelassen, darunter junge Israelis, die bei Humus und Pita zusammenhocken und heimattreuen Evergreens wie »Eretz Israel Jafa« oder »Ein Li Eretz Acheret« lauschen.

Der klassische Berliner Spießerjude wohnt allerdings in Wilmersdorf. Dort gibt es an jeder Ecke jüdische Psychotherapeuten, die großes Verständnis dafür aufbringen, wenn der jüdische Spießer auf der Couch jammert, dass die nichtjüdische Umgebung seine Macke nicht versteht. Jüdische Spießer tragen goldene Davidsterne oder große Chais um den Hals. In ihren Schrankwänden glänzen silberne Chanukkiot. Zum Schabbatessen laden sie befreundete jüdische Spießerpaare ein (Singles sind nur zu Verkupplungszwecken zugelassen) und schwärmen vom jüngsten Israelurlaub. Jüdische Spießer sind meist nicht gläubig, unterwerfen sich bei Hochzeit, Beschneidung oder Beerdigung aber widerstandslos dem Diktat orthodoxer Rabbiner. In der Synagoge erscheint die jüdische Spießerfrau im pseudobescheidenen, aber teuren Fummel und mit zu viel Make-up im Gesicht. Und wenn ihr ein Sohn geboren wird, machen sie und ihr Mann sich noch vor der Britmila darüber Sorgen, ob ihr Jüngelchen mal sein Abitur auch schafft oder – Gott behüte – später eine Nichtjüdin heiraten könnte.

Sie, liebe Berliner Leserinnen und Leser, sind damit natürlich nicht gemeint. Sie sind nicht so. Und außerdem wohnen Sie in Zehlendorf.

Fernsehen

Abschied von »Alfons«

Orange Trainingsjacke, Püschelmikro und Deutsch mit französischem Akzent: Der Kabarettist Alfons hat am 16. Dezember seine letzte Sendung beim Saarländischen Rundfunk

 29.11.2025 Aktualisiert

Interview

»Es ist sehr viel Zeit verloren gegangen«

Hans-Jürgen Papier, ehemaliger Präsident des Bundesverfassungsgerichts, zieht eine Bilanz seiner Arbeit an der Spitze der »Beratenden Kommission NS-Raubgut«, die jetzt abgewickelt und durch Schiedsgerichte ersetzt wird

von Michael Thaidigsmann  29.11.2025

Hollywood

Die »göttliche Miss M.«

Schauspielerin Bette Midler dreht mit 80 weiter auf

von Barbara Munker  28.11.2025

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025

Projektion

Rachsüchtig?

Aus welchen Quellen sich die Idee »jüdischer Vergeltung« speist. Eine literarische Analyse

von Sebastian Schirrmeister  28.11.2025

Kultur

André Heller fühlte sich jahrzehntelang fremd

Der Wiener André Heller ist bekannt für Projekte wie »Flic Flac«, »Begnadete Körper« und poetische Feuerwerke. Auch als Sänger feierte er Erfolge, trotzdem konnte er sich selbst lange nicht leiden

von Barbara Just  28.11.2025

Aufgegabelt

Hawaij-Gewürzmischung

Rezepte und Leckeres

 28.11.2025

Fernsehen

»Scrubs«-Neuauflage hat ersten Teaser

Die Krankenhaus-Comedy kommt in den Vereinigten Staaten Ende Februar zurück. Nun gibt es einen ersten kleinen Vorgeschmack

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025