Finale

Ayalas Welt

In der DDR waren Engel nicht gerne gesehen. Man nannte sie augenzwinkernd »Jahresendflügelfiguren«, damit klar wurde, dass Religion ihre Grenzen hatte. Mein Onkel Siegfried hat gerade unter anderen Vorzeichen ähnliche Erfahrungen gemacht. In seinem Fall ging es um eine Silvesterparty, die keine sein durfte. Amüsiert haben sich Siegfried und seine Freunde trotzdem. Und wie. Ich wollte, ich wäre auf dieser Party mit dabei gewesen.

Siegfried ist ein alter Jecke Jahrgang 1914. Er lebt bei Netanya in einer israelischen Altersresidenz für wohlsituierte Rentner, viele von ihnen aus Mitteleuropa. Seit Monaten hatte sich der gebürtige Berliner auf die geplante Silvestergala gefreut, die im Speisesaal der Residenz steigen sollte. Doch dann wäre die Party beinahe ausgefallen. Die Leitung teilte mit, Silvester – benannt nach Papst Sylvester I. – sei kein jüdisches Fest. »Das Management kann keine Party zum Ende des Jahres (Gott behüte, nenn’ es nicht Silvester!) organisieren – es gibt Stimmen dagegen und sie wollen keine Diskussionen«, schrieb Siegfried mir in einer empörten E-Mail.

Aber damit wollte er sich nicht abfinden. Und während mein Mann und ich in Berlin keinen Finger rührten, um irgendeine Party zu organisieren, und schließlich als Couchpotatoes ins Jahr 2010 starteten, machte der 95-Jährige den Jahreswechsel zu seinem persönlichen Kulturkampf. »In der näheren Zukunft werden in diesem Lande bald stärkere Kräfte tätig sein müssen, um ein Versinken in eine Ayatollah-Theokratie zu verhindern!«, kündigte er an und gründete zusammen mit anderen Silvesterfans einen »Vaad Le-Injan«, ein »Komitee für die Sache«. Wenn die Heimleitung keine offizielle Party unterstützen wolle, werde man eben eine Privatgala veranstalten, beschlossen sie. Onkel Siegfried und seine Mitstreiter druckten Einladungen und baten die Gäste, in Abendkleidung zu erscheinen. Finanziert wurde die »Jahresendfeier« samt DJ durch eine Lotterie.

Nach allem, was Siegfried mir erzählt hat, muss es ein rauschendes Fest gewesen sein. Es gab Champagner, es wurde getanzt bis in die frühen Morgenstunden. Die Rentnerinnen hatten ihre Kleiderschränke umgekrempelt und die Fummel der letzen 30 Jahre auf Hochglanz gebracht. Beim Tanz soll es sogar zu einer Eifersuchtsszene gekommen sein, doch über die Hintergründe schwieg Siegfried sich aus. Stattdessen schlug er zum neuen bürgerlichen Jahr versöhnliche Töne an. Selbstverständlich habe er Verständnis für diejenigen Mitbewohner, die nicht zu der Party erschienen seien.

Ich hoffe, Siegfried und seine Freunde lassen auch 2011 die Sektkorken knallen. Mögen sie noch viele beflügelte Jahresendfeiern erleben!

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  30.09.2026

Fernsehen

Adolf und seine »Akte«

Die fünfte Staffel von »Babylon Berlin« spielt 1933 zur Zeit von Hitlers Machtergreifung. Unterhaltung mit politischem Anspruch, aber stimmen die Fakten?

von Ayala Goldmann  30.09.2026

Programm

Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 1. Oktober bis zum 8. Oktober

 30.09.2026

Kalifornien

Israelischer Schauspieler Guy Kapulnik stirbt bei Flugzeugabsturz

Parallel zur Schauspielerei entwickelte sich das Fliegen zu einem zentralen Bestandteil seines Lebens

 30.09.2026

Hard-Rock-Legenden

Kiss feiern 50 Jahre »Rock and Roll Over«

Eine umfangreiche Neuauflage des Albums kommt. Was ist enthalten?

 29.09.2026

Fußball

Im Kreuzfeuer: Irischer Nationalspieler mit israelischer Mutter

Finn Azaz wurde für Irlands Nationalkader für die Länderspiele gegen Israel nominiert. Weil er eine israelische Mutter hat, soll seine Zukunft im irischen Team aber infrage stehen

von Michael Thaidigsmann  29.09.2026

Geburtstag

Streitbare Mahnerin: Lea Rosh wird 90 Jahre alt

Ihr Name ist eng verbunden mit dem Holocaust-Mahnmal in Berlin. Schon früh beschäftigte sich die Journalistin Lea Rosh mit der Judenverfolgung im Nationalsozialismus. Am Donnerstag wird sie 90 Jahre alt

von Birgit Wilke  29.09.2026

Die frühere rbb-Intendantin Patricia Schlesinger

Berlin

Strafprozess gegen Ex-RBB-Intendantin Schlesinger

Im Sommer 2022 erschüttert der RBB-Skandal den öffentlich-rechtlichen ARD-Sender. Der Fall beschäftigt auch die Justiz. Nun soll es wegen Untreue-Vorwürfen zum Prozess kommen.

 29.09.2026

Berlin

CDU-Kulturexperte schlägt Wolf Biermann für Nobelpreis vor

»Biermanns Werk, seine poetische Stimme stehen für die Unantastbarkeit individueller Freiheit als Würde des einzelnen Menschen bis heute«, schreibt Uwe Lehmann-Brauns zur Begründung

 29.09.2026