Migration

Ausgerechnet Deutschland

Wissenschaftler haben die israelische Migration nach Deutschland untersucht. Foto: Flash90

»People today are on the move«, schreiben die Anthropologin Dani Kranz, der Politologe Uzi Rebhun und der Philosoph Heinz Sünker im Ende 2022 erschienenen Buch A Double Burden: Israeli Jews in Contemporary Germany.

Darin beschreiben die Autoren ein Phänomen, das immer wieder zu Spekulationen, Kontroversen, aber auch Hoffnung führt: die zunehmende Migration vornehmlich junger Israelis nach Deutschland.

pauschal-kritiken Viele von ihnen sind ambitioniert, kreativ und kommen besonders in Berlin gut an. Kranz und ihre Kollegen schreiben dennoch von »doppelter Bürde« und rufen sanft in Erinnerung: Wer heute zielgerichtet von Israel nach Deutschland umzieht, muss noch immer zwei Pauschal-Kritiken aushalten: zum einen, dem jüdischen Staat den Rücken zu kehren; zum anderen, ausgerechnet ins einstige »Täterland« zu gehen. Was bringt die israelischen Neuzuwanderer – aktuell geschätzt auf etwa 20.000 – nun tatsächlich dazu, Deutschland den Vorrang in der weiten Diaspora zu geben?

A Double Burden bietet spannende Antworten mit einer empirisch untermauerten Gesamtschau. So geht aus den durchgeführten – von der German-Israeli Foundation (GIF) geförderten – Umfragen und Interviews klar hervor, dass sich vorrangig hoch qualifizierte, junge und eher säkular orientierte Israelis mit aschkenasischem Hintergrund für Deutschland entscheiden.

Komplizierter wird es bei den eigentlichen Migrations-Motiven. Hier steht die (oft ambivalente gesehene) Anziehungskraft von Berlin neben Hoffnungen auf individuelle Selbstverwirklichung, beruflichem Erfolg, allgemeiner Neugier, Spurensuchen zu Vorfahren und der Wertschätzung sozialer Netze, nicht selten auch Liebesbeziehungen mit Deutschen.

jeckes Die Autoren machen zudem verständlich, dass es »die« typischen Israelis in Deutschland genauso wenig gibt wie durchweg kongruente Erfahrungen im neuen Umfeld. So erleben Enkel und Urenkel der einst nach Palästina geflohenen Jeckes Berlin beispielsweise anders als Israelis, deren Familien aus dem Nahen Osten und Nordafrika stammen.

Die Hauptstadt bleibt gleichwohl »Eingangstor« für viele, die ihr Glück in Deutschland versuchen wollen. Hier gibt es noch immer vergleichsweise gute Jobs und Verdienstmöglichkeiten sowie eine kulturelle Szene, die teilweise an Tel Aviv erinnert. Zum beliebten Spruch ist geworden, dass »in Berlin jeder Israeli zumindest einen weiteren Israeli kennt«.

Berlin bleibt »Eingangstor« für viele, die ihr Glück in Deutschland versuchen wollen.

Internes »Networking« läuft an der Spree ähnlich gut wie in New York, London, Paris oder Toronto – ein kaum zu überschätzender Vorteil in einer Migranten-Community, wo das Heimweh eben doch ein häufiger Alltags-Begleiter zu bleiben scheint. Hebräische Zeitschriften wie »Spitz« in Berlin, lokale Vereine von und für Israelis, israelische online-Portale und Chat-Gruppen tragen viel zum inneren Zusammenhalt bei.

Auffällig ist auch das Bestreben vor allem junger Israelis, beruflich möglichst bald »Boden unter die Füße« zu bekommen und dabei – wenn nötig -  auch sehr kreativ zu improvisieren. Restaurants mit israelischer Küche, Bars, Diskotheken, Galerien, Bio-Produkt- und IT-Firmen zählen zu den beliebtesten Unternehmungen der Neuzuwanderer.  Hier kommt ihnen entgegen, dass sie kaum Vorbehalte gegenüber anderen Kulturen hegen und häufig selbst einen transnationalen, multikulturellen Lebensstil pflegen.

Familien Viel Aufmerksamkeit richten die Autoren auf junge israelische Familien, welche sich in Städten wie Berlin und Frankfurt schon gut eingelebt haben und in denen bereits eine zweite Generation heranwächst. Werden sie einen graduellen Prozess der Akkulturation oder gar Assimilation durchleben, oder bleibt das israelische Netzwerk das wichtigste? Und wie werden sich – langfristig gesehen – die Kontakte zu den lokalen jüdischen Gemeinden entwickeln?

Kranz und Kollegen erklären sich die oft noch recht losen Verbindungen der Israelis zu den Gemeinden zumindest teilweise mit deren säkularen Einstellungen – ein Argument, das allerdings kaum verfängt, zieht man beispielsweise eine Parallele zu den knapp 20 Jahre vorher eingewanderten post-sowjetischen Juden. Auch hier betrachtete sich nur ein Bruchteil von ihnen als religiös, gleichwohl wurden viele Immigranten Gemeindemitglieder und begannen sich in der Folgezeit zu engagieren.

Kein kohärentes Bild ergibt sich bisher, was politische Sichtweisen, Einstellungen oder auch Aktivitäten der Israelis in Deutschland betrifft. Klar scheint, dass politische Frustrationen bei einem Teil der Gruppe die Übersiedlung nach Deutschland noch beschleunigt haben. Andererseits finden sich hier lebende Israelis auf unterschiedlichsten Demonstrationen wie­der: die einen etwa bei kritischen Protesten gegen Israels Siedlungspolitik, die anderen bei jährlichen Aktionstagen für mehr Solidarität mit dem jüdischen Staat. Erstaunlich kreativ laufen wiederum künstlerische Projekte, an denen Israelis, Palästinenser und Migranten aus arabischen Ländern gleichzeitig beteiligt sind.

negativ-erfahrungen Umgekehrt bleibt auch den hier lebenden Israelis nicht erspart, sich mit der in Europa wachsenden antisemitischen wie anti-israelischen Stimmung auseinanderzusetzen. Bisher berichten Israelis in Deutschland aber graduell von weniger Erfahrungen mit Antisemitismus als vergleichbare andere jüdische Gruppen. Dies führen die Autoren darauf zurück, dass immigrierte Israelis insgesamt noch deutlich weniger Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung besäßen, und damit auch weniger Negativ-Erfahrungen. Ob eine wachsende antijüdische wie anti-israelische Stimmung vermehrt zu Entscheidungen führen würde, die Wahlheimat Deutschland am Ende doch wieder zu verlassen, ist im Moment wohl nur schwierig zu beurteilen.

Fest steht nach Überzeugung der Buchautoren: Die israelische Community in Deutschland sei noch immer eine »Dia­spora im Frühstadium«. Prognosen, ob und wie von hier aus Impulse für die Zukunft der jüdischen Gemeinden in Deutschland ausgehen können, scheinen verfrüht. Falls ja, so die Autoren, würde eine Kombination von israelisch-jüdischen Mentalitäten mit denen anderer Gruppen unter dem gleichen Dach sehr wahrscheinlich werden.

Uzi Rebhun, Dani Kranz, Heinz Sünker: »A Double Burden. Israeli Jews in Contemporary Germany«. State University of New York Press, New York 2022, 264 S., 95,74 €

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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