Literatur

Aus dem Albtraum erlöst

Die meisten seiner Bücher hat Aharon Appelfeld im Kaffeehaus geschrieben. Wie soll einer, der erlebte, was er erlebt hat, es auch aushalten, mit seinen Erinnerungen alleine zu sein? Acht Jahre alt war er, als deutsche Soldaten seine Mutter erschossen haben. Er selbst überlebte nur, weil er mit Mumps im Bett lag.

Bis der Vater kam, versteckte er sich in einem Kornfeld. Beide mussten ins Ghetto, später in ein Lager für Zwangsarbeiter, aus dem der Junge alleine fliehen konnte. Er versteckte sich im Wald, half Bauern, zog als Küchenjunge mit der Roten Armee gegen Westen.

versteck »Als ich in den Wäldern war, als Kind, habe ich immer geträumt, dass meine Eltern kommen und mich abholen. Das ist 60 Jahre her. Aber der Traum kommt bis heute immer wieder – sie kommen und holen mich ab.« Im Februar ist Appelfeld 83 geworden. Auch in seinem neuen Roman Ein Mädchen nicht von dieser Welt holt der Albtraum ihn wieder ein.

»Hab keine Angst«, sagt im Buch die Mutter zu ihrem neunjährigen Sohn Adam. »Du kennst unseren Wald und alles, was darin ist. Ich tue, was ich kann, um am Abend wieder bei dir zu sein.« Dann geht sie zurück ins Ghetto, um die Großeltern zu verstecken. Doch es wird Nacht, die Mutter kommt nicht. Auch nicht an den Tagen darauf.

Im Wald trifft Adam seinen Klassenkameraden Thomas. Auch den hat die Mutter dort versteckt. Die Jungs schlagen sich gemeinsam durch, bauen in einem Baum ein Nest, ernähren sich von Beeren. Während Adam aus einer orthodoxen jüdischen Familie kommt, entstammt Thomas einer assimiliert bürgerlichen Familie. Der Vater, ein Lehrer, unterrichtete selbst im Ghetto weiter. »Das Lernen schützt uns«, sagt er. »Besonders in Zeiten wie diesen müssen wir auf unsere Seelen achten.«

Gott Die Jungs ergänzen einander und halten in der Wildnis durch. Bald aber werden die Tage kürzer. Beeren sind keine mehr reif. Da entdecken sie auf einer Weide ihre ehemalige Mitschülerin Mina beim Melken. Die Mutter hat sie gegen Bezahlung bei einem Bauern versteckt. Das Mädchen bringt ihnen heimlich Essen. »Jemand passt auf uns auf«, sagt Adam, und Thomas entgegnet erstaunt: »Du meinst, Gott passt auf uns auf?«Die große Frage nach dem Glauben gibt so das Grundgerüst dieses beeindruckenden Romans.

Erwin Appelfeld wurde 1932 in Zhadowa bei Czernowitz in eine assimilierte Familie hineingeboren. Erst nach dem Krieg, als er in Italien auf das Schiff nach Palästina wartete, lehrte ihn ein jüdischer Gottesmann mit Ohrfeigen das Beten, wie er in seiner Autobiografie Geschichte eines Lebens (2005) erzählt. In Israel verpasste man ihm den Namen Aharon. Die Sprache musste er erst lernen, später unterrichtete er an der Ben-Gurion-Universität hebräische Literatur, schrieb 40 Bücher, in denen er sich eine Ersatzwelt erschaffen hat. Auch das neue mutet wie ein Märchen an.

Immer wollte Appelfeld mit einem Minimum an Wörtern auskommen, weil ihm das Reden schwerfiel. Aus Sicht der Kinder erzählt er, was nicht zu erzählen ist: den Holocaust. Schuldzuweisungen haben in dieser eindringlichen Prosa, die sich neben Imre Kertész oder Primo Levi behauptet, keinen Platz. »Ein Trauma erlebt zu haben, kann vernichten, kann aber auch erheben«, so Appelfeld. »Du hast alle Schwächen gesehen und verstehst, dass du nur ein Mensch bist. Und dass man wählen kann, ein Mensch oder ein Tier zu sein. Ich wollte auch nicht immer ein Opfer bleiben. Dann bleibt dir die Welt ja permanent etwas schuldig.«

Aharon Appelfeld: »Ein Mädchen nicht von dieser Welt«. Rowohlt, Reinbek 2015, 128 S., 18 €

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