Erbe

Aus Bagdad gerettet

Frühjahr 2003 in Bagdad: Auf ihrer Suche nach Massenvernichtungswaffen machen Angehörige der US-Truppen eine atemberaubende Entdeckung: Statt Spuren von biologischen, chemischen oder gar atomaren Kampfstoffen finden sie in den teilweise gefluteten Verliesen der Mukhabarat, der berüchtigten Geheimpolizei des gestürzten Diktators Saddam Hussein, unzählige Bücher und Schriftstücke in hebräischer, arabischer, judäo-arabischer oder englischer Sprache.

Was dort im Wasser lag oder vor sich hin schimmelte, war nichts Geringeres als das kulturelle Erbe der irakischen Juden aus rund 500 Jahren. 2700 Bücher und Zehntausende Dokumente, darunter eine hebräische Bibel aus dem Jahr 1568, ein babylonischer Talmud von 1793, Torarollen sowie eine liebevoll verzierte Haggada von 1902. Sofort wurden Spezialisten eingeflogen, die die Dokumente erst einmal in Kühltransportern einfroren, um sie so vor dem weiteren Zerfall zu bewahren. Anschließend überführte man alles in die Vereinigten Staaten, wo der fortan als Irakisch-Jüdisches Archiv bezeichnete Fund in jahrelanger Kleinarbeit aufwendig restauriert wurde. Drei Millionen Dollar kostete das Ganze.

Transfer Unter dem Titel »Discovery and Recovery: Preserving Iraqi Jewish Heritage« ist dieses Irakisch-Jüdische Archiv nun in einer Sonderausstellung in den Räumen der National Archives in Washington bis Anfang Januar 2014 zu bestaunen. Doch dann wird es gemäß einer im August 2003 mit den irakischen Behörden getroffenen Übereinkunft wieder nach Bagdad gebracht. Und genau dieser Transfer zurück unter irakische Obhut sorgt derzeit gerade für Verwunderung und handfeste Proteste.

»Wir glauben, dass dieses Abkommen auf einer falschen Annahme beruht – und zwar, dass die Archivmaterialien das Eigentum der irakischen Regierung seien«, erklärt dazu Stanley Urman, Vizepräsident der Organisation »Justice for Jews from Arab Countries« (JJAC). »Unsere Frage lautet daher: Wie kamen sie überhaupt in die Keller der Mukhabarat?« Für ihn sowie zahlreiche Repräsentanten der irakischen Juden steht fest, dass es sich dabei eindeutig um Raubgut handelt.

Retter Argumentative Schützenhilfe erhalten sie von Harold Rhode, einem der Retter der Fundes. »1985 hatte der irakische Diktator seinen Geheimdienstleuten befohlen, mit Lastwagen zur letzten Synagoge in Bagdad zu fahren und alles mitzunehmen, was dort von den wenigen noch im Irak lebenden Juden in den Jahren zuvor an Dokumenten und heiligen Schriften zusammengetragen wurde«, so der Kulturexperte des Pentagon.

Längst war die jüdische Gemeinschaft nur noch ein Schatten ihrer selbst. Mehr als zweieinhalbtausend Jahre hatten Juden im Zweistromland gelebt und Städte wie Bagdad, Basra oder Karbala zu bedeutsamen Zentren jüdischer Gelehrsamkeit gemacht. 1940 gab es mehr als 130.000 von ihnen im Irak, nach Pogromen, Flucht und Vertreibung war ihre Zahl in den 80er-Jahren auf wenige Hundert zusammengeschrumpft. Heute wohnen in Bagdad, wo einst fast ein Drittel der Bevölkerung jüdisch war, weniger als zehn Juden, nicht einmal genug, um einen richtigen Gottesdienst abhalten zu können. »Durch diesen Raub wollte Saddam Hussein die Juden demütigen und ihnen zeigen, wie machtlos sie sind. Gleichzeitig erhoffte er sich durch diese Aktion einen Imagegewinn in der arabischen Welt«, erklärt Rhode.

Zugang Zahlreiche Juden irakischer Herkunft in Israel oder den USA machen sich nun Sorgen, dass das Irakisch-Jüdische Archiv nach der Ausstellung einfach wieder in Bagdad verschwindet. »Für uns und Wissenschaftler weltweit ist es sehr wichtig, weiterhin Zugang zu diesem Material zu haben«, sagt Maurice Shohet, Präsident der World Organisation of Jews from Iraq (WOJI).

»Doch das wäre im heutigen Irak unmöglich.« Schließlich sind Juden dort alles andere als willkommen, und Beteuerungen seitens irakischer Offizieller, dass dank des Irakisch-Jüdischen Archivs die Iraker mehr über die Multikulturalität und religiöse Vielfalt in ihrem Lande lernen können, klingen angesichts der Realität eher wie ein schlechter Witz. Erst 2010 wandelten die staatlichen Autoritäten heilige jüdische Stätten wie das Grab des Propheten Ezechiel in eine Moschee um.

»Das Material ist das Erbe der Juden des Iraks, und sie allein haben einen Anspruch darauf«, meint Shohet, der selbst in Bagdad geboren wurde und als Jugendlicher fliehen musste. »Es wurde ihnen von einem verbrecherischen Regime geraubt. Logischerweise muss das Irakisch-Jüdische Archiv den Juden zurückgegeben werden.«

Nicht nur für ihn lautet die Lösung daher: »Weil die absolute Mehrheit der einstigen irakischen Juden und ihre Nachfahren heute in Israel lebt, wäre der beste Ort das Babylonian Jewish Heritage Center in Or Jehuda, dem einzigen Museum der Welt, das ausschließlich der Geschichte der Juden aus dem Zweistromland gewidmet ist.«

Berlin

Auschwitz-Überlebende fordern Konzertverbote für Kanye West

Kanye Wests geplante Shows in Polen und Italien sorgen für Empörung. Holocaust-Überlebende fordern von Regierungen und Veranstaltern ein klares Signal - wie zuletzt aus Großbritannien

 11.04.2026

Essay

Zwischen Räumen

Wenn der Maler Navot Miller im Flugzeug sitzt, ist er in einer Welt, die ihn für eine kurze Zeit vor der Schwere der Realität schützt. Gedanken von unterwegs

von Navot Miller  10.04.2026

Iran-Krieg

Europa darf Israel nicht im Stich lassen

Während die USA und Israel der Bedrohung durch das Mullah-Regime militärisch begegneten, standen die Europäer an der Seitenlinie und übten Kritik. Die nun herrschende Feuerpause gibt ihnen Gelegenheit, ihre Haltung zu überdenken

von Rafael Seligmann  10.04.2026

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026