Gidon Kremer

Auf der Suche nach Schönheit

Interessiert sich für das Entlegene und sucht das Ungewohnte, nie Gehörte: Gidon Kremer Foto: Ullstein

Gidon Kremer

Auf der Suche nach Schönheit

Der lettische Geiger ruft vergessene Komponisten wieder in Erinnerung. Jetzt wird er 70

von Wilhelm Roth  20.02.2017 15:44 Uhr

Er ist ein Künstler, der stets mit vollem Risiko spielt, jede Routine vermeidet, jedes Werk immer wieder neu entdeckt: der Geiger Gidon Kremer. »Die Sicherheit ausgetretener Pfade scheint ihm nichts zu bedeuten«, sagte der Dirigent Nikolaus Harnoncourt einmal über ihn. »Stets auf der Suche, nie am Ziel, hat er wohl erkannt, dass letzte Schönheit und Sicherheit einander nicht vertragen – dass der Name dieser letzten Schönheit vielleicht Wahrheit ist.«

Diese Suche nach der Wahrheit spürt man, wenn Gidon Kremer Bach, Beethoven oder Mozart spielt, aber auch bei Komponisten des 20. Jahrhunderts wie Alban Berg, Luigi Nono oder Alfred Schnittke. Besonders nahe ist ihm Franz Schubert (1797–1828), der mit seinem Spätwerk fast schon an der Schwelle zur Moderne steht. Kremer rühmt Schuberts »einzigartige Mischung aus tiefster Trauer und bodenloser Heiterkeit, den Minimalismus weniger notwendiger Töne und den Ausbruch von Klanglawinen.«

moskau Gidon Kremer, 1947 in Riga geboren, stammt aus einer jüdisch-deutsch-baltischen Familie. Sein Großvater und die Eltern waren Geiger, er selbst begann mit vier Jahren zu spielen. Er studierte Musik, zunächst in Riga, ab 1965 in Moskau in der Meisterklasse von David Oistrach. Nach ersten Auftritten im Westen begann er ab Mitte der 70er-Jahre eine internationale Karriere. Sie machte ihn zu einem der wichtigsten Musiker seiner Zeit.

Kremer begnügt sich nicht mit den Meisterwerken des 18. bis 20. Jahrhunderts. Er interessiert sich für das Vergessene und Entlegene und sucht das Neue, Ungewohnte, nie Gehörte. Zahlreiche Uraufführungen waren ihm gewidmet. Wie kaum ein anderer hat er das Repertoire für Violine erweitert. So spielte Kremer in der Saison 1999/2000 mit dem NDR-Sinfonieorchester in Hamburg, Frankfurt und Köln an vier Abenden acht Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts.

Darunter waren nicht nur Bartok, Berg, Prokofjew und Schostakowitsch, sondern auch Werke von Komponisten, die dem Konzertpublikum kaum vertraut sind – von Philip Glass und Alfred Schnittke über die russische Komponistin Sofia Gubaidulina bis hin zum georgischen Musiker Giya Kancheli. Ein typisches Kremer-Programm, hat er doch viele Komponisten aus der ehemaligen Sowjetunion im Westen vorgestellt, die oft wegen ihrer modernen Tonsprache Akzeptanz-Schwierigkeiten hatten.

Sowjetunion Seit einigen Jahren beschäftigt sich Kremer intensiv mit dem polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg (1919–1996), der nach dem deutschen Überfall auf Polen 1939 in die Sowjetunion ging. Dort schuf er unter schwierigsten Bedingungen ein umfangreiches Werk, das lange Zeit unbekannt blieb.

Erst durch die Entdeckung der sogenannten Auschwitz-Oper Die Passagierin, die auch in der Bundesrepublik mehrmals aufgeführt wurde, ist Weinberg neuerdings zu einem Begriff in der Musikwelt geworden. Kremer hat den Komponisten bei den Wiener Festwochen 2015 präsentiert. Mit seinem Kammerorchester »Kremerata Baltica« hat er die vier Kammersinfonien Weinbergs auf CD eingespielt.

Ungewöhnliche Programm-Mischungen aus Alt und Neu hat Gidon Kremer häufig beim Kammermusik-Festival in Lockenhaus im österreichischen Burgenland ausprobiert, das er 1981 gegründet und bis 2011 geleitet hat – eine Talentschmiede. Für zwei Sommerwochen kamen Musiker aus aller Welt zu Proben und Aufführungen in einer inspirierenden Atmosphäre zusammen, darunter viele junge Künstler, die später berühmt wurden wie das Hagen Quartett oder der finnische Pianist Olli Mustonen.

förderer Den Nachwuchs zu fördern, ist bis heute eine wirkliche Leidenschaft Kremers. 1997 hat er das Kammerorchester »Kremerata Baltica« mit jungen Musikern aus den baltischen Ländern gegründet. Darüber hinaus fördert er junge Musiker auch mit der Gidon-Kremer-Stiftung mit Sitz in Kronberg im Taunus und mit der weltweit anerkannten Einrichtung Kronberg Academy.

Kremer selbst wurde im Laufe der Jahre mit zahlreichen Ehrungen bedacht, zuletzt im vergangenen Jahr mit dem japanischen Praemium Imperiale, einem der wichtigsten Würdigungen für Künstler weltweit. Das Preisgeld von 130.000 Euro will Kremer vor allem in die Förderung von Künstlern stecken.

Zurzeit ist Kremer auf internationaler Jubiläums-Konzerttour. Schon einen Tag nach seinem Geburtstag, am 28. Februar, tritt er auf Schloss Elmau in Bayern auf, zusammen mit der Pianistin Martha Argerich. Und auch hier bleibt der Geiger seinen musikalischen Vorlieben treu: Auf dem Programm stehen dann Mieczyslaw Weinberg und Leos Janacek.

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