»Eine Geschichte von Liebe und Finsternis«

Auf den Spuren von Amos Oz

Die im Filmtitel angekündigte Dunkelheit ist in den Kulissen von Natalie Portmans Regiedebüt unmittelbar präsent. Das Bild der Gründungstage Israels, das ihre Adaption von Amos Oz’ Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis zeichnet, ist düster. Die dunklen Gassen von Jerusalem, durch die der zehnjährige Amos mit seiner Mutter Fania (Natalie Portman) und seinem Vater Arieh (Gilad Kahana) geht, ist eng, und das Grauen, dem die Eltern knapp entronnen sind, als Erinnerung allgegenwärtig.

Am Anfang des Films ruft ein Bettler dem Jungen zu: »Eine Million Kinder wie dich haben sie abgeschlachtet.« Fania ist aus dem polnischen Rowno geflohen, kurz bevor die Deutschen dort, wie ein Voice-over des alt gewordenen Amos Oz den Zuschauer informiert, 23.000 Juden erschossen: »Sie töteten fast alle Menschen, die meine Mutter bis dahin gekannt hatte.«

Unabhängigkeitskrieg Das Prinzip hat sich bewährt: Wer von der Weltgeschichte erzählt, im Text oder auf der Leinwand, tut das anhand der Menschen, die sie erleiden und, so geht die Hoffnung, gestalten. Das Wort »Geschichte« im Titel von Eine Geschichte von Liebe und Finsternis meint beides: die Geschichte als Erzählung und die Geschichte des Staates Israel. Die Historie wird mit der Erzählung einer unglücklichen Familie verschränkt. Der Vater erklärt seinem Sohn, dass mit dem Sieg im Unabhängigkeitskrieg 1948 der Wunsch nach einem Ende der Erfahrung von Wehrlosigkeit endlich erfüllt wird: »Du kannst dir nicht vorstellen, was mir die nichtjüdischen Jungen in Wilna angetan haben.« Das sei nun vorbei, sein Sohn werde niemals von jemanden geschlagen, nur weil er Jude ist.

Die mit der Staatsgründung verbundenen Hoffnungen kristallisieren sich in den Tagträumen von Fania, in denen immer wieder ein schöner, tatkräftiger Pionier auftaucht. Belesen soll er sein und trotzdem stark. Eine Fantasie, die die weitgehend freudlose Wirklichkeit der Ehe von Amos’ Eltern im Kontrast scharf hervortreten lässt: Ihr Mann ist ein Buchmensch, die verkörperte Ratio, genervt von der unablässigen Fabuliererei seiner Frau, und kann nicht einmal einen Pflock in die Erde einschlagen; die Metapher ist, wie vieles in diesem Film, nicht eben subtil. Irgendwann beginnt Arieh eine Affäre, und die latente Depression seiner Frau bricht durch. Ob die Krankheit sich aus dem Eheunglück, einem Trauma, einer organischen Veränderung oder einer Mischung aus all dem speist, lässt Natalie Portmans Drehbuch klugerweise offen.

Das Erste, was an diesen wunderschön ausgeleuchteten Bildern ins Auge springt, ist das Licht. Wie schon in Krzysztof Kieslowskis ebenfalls von dem Kameramann Slawomir Idziak gestalteten Film Three Colours: Blue, korrespondieren die Farben und Raumgeometrien passgenau mit dem Geschehen. Auf dieser Ebene greifen die filmischen Mittel Portmans ungeheuer gut. Vor Mehrdeutigkeiten und Zwischentönen hingegen scheinen sich die überdeutlichen Bilder zu scheuen. Man bewegt sich als Zuschauer wie auf einer dunkel-glänzenden Oberfläche durch den Film, der immer dann an seinen eigenen Figuren abgleitet, wenn er didaktisch wird. Oft interpretiert die Stimme, die die des Schriftstellers Amos Oz sein soll, das Geschehen.

araber Wenn es um Israel im Großen und Ganzen geht, wird Eine Geschichte von Liebe und Finsternis zum Lehrfilm. Über dokumentarische Sequenzen legt sich ein Voice-over: »Nur in der Fantasie vereinigen sich die Verfolgten solidarisch, um gegen ihren Unterdrücker zu kämpfen. In der Realität hingegen werden die beiden Kinder, die ein Vater misshandelt, nicht unbedingt zu Verbündeten. Ziemlich oft erkennen sie am anderen das bedrohliche Gesicht ihres gemeinsamen Vaters.

Europa hatte die Araber misshandelt und durch den Kolonialismus erniedrigt. Das gleiche Europa hatte auch die Juden verfolgt und sie vernichtet. Aber die Araber sehen in uns einen neuen und überheblichen Abkömmling des kolonialistischen und ausbeuterischen Europa. Und wir erblicken unsererseits in den Arabern nicht wirkliche Leidensgenossen, sondern Antisemiten. Getarnte Nazis.« Ob man diese Perspektive teilt oder nicht, das Thesenhafte steht seltsam desintegriert neben dem Erzählfluss.

Das ist schade, insbesondere bei der Adaption eines Textes, der von der rettenden Kraft von Geschichten handelt. Die Verwandlung des Erlebten und Wahrgenommenen in eine Erzählung ist bei Oz substanziell mehr als Eskapismus, sie ist eine Möglichkeit der Selbstbehauptung gegenüber den Zumutungen der äußeren Welt (ganz buchstäblich: Amos rettet sich vor einer Bande von Schlägern, indem er ihnen eine Geschichte erzählt). Gleichsam aber auch nach innen, als Schutz vor dem, was einem widerfahren ist, und was man als eingefleischte Erfahrung mit sich herumschleppt.

Amos Oz’ Roman kreist um dieses Motiv. Der Film zeigt stattdessen mit dem Finger darauf, vielleicht auch notgedrungen, bei dem Projekt, einen 800-Seiten-Text auf Spielfilmlänge eindampfen zu müssen – und dann nicht einmal auf die erwarteten zweieinhalb Stunden, sondern auf gut 90 Minuten.

Beeindruckend ist Portman als Regisseurin, Schauspielerin und Autorin immer dann, wenn sie sich auf die Dynamik zwischen Amos und Fania konzentriert. Die Liebe im Titel, die der Finsternis entgegengesetzt werden soll, obwohl sie untrennbar mit ihr verbunden ist, ist die des Jungen zu seiner Mutter. Sie ist das Einzige, was die dysfunktionale Verbindung seiner traumatisierten Eltern zu tragen scheint. Am Ende wird der Sohn die Mutter nicht retten können. Aber ihre Geschichten, so erzählen es Film und Roman, sind es, die ihn zu einem Geschichtenerzähler werden lassen.

www.youtube.com/watch?v=KXDHijREeIM

Gegen Vorurteile

Über Tattoos, Sport und die Frage, was eigentlich koscher ist - Neuauflage eines Projekts zu jüdischem Leben

Vorne Fotos, hinten Erklärtexte und QR-Codes: Eine neue Box mit Material zu jüdischem Leben in Deutschland ist erschienen. Gedacht ist sie für Schule oder Erwachsenenbildung - und als Beitrag gegen Antisemitismus

von Leticia Witte  16.09.2026

New York

Jetzt äußert sich Ed Sheeran zum Macklemore-Aus

Wegen israelfeindlichen Aussagen wurde US-Rapper Macklemore von Sheerans Tour ausgeschlossen. Nun schildert der Popstar seine Sicht der Dinge

 16.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  16.09.2026

Kino

»David« - Familienfreundliches Musical nach Motiven aus der Bibel

Ein kleiner Junge besiegt einen furchteinflößenden Riesen mit der Steinschleuder. Die Geschichte von David und Goliath kennen auch viele, die sonst nicht so bibelfest sind. Und sie bietet viel Stoff für eine Verfilmung

von Martin Ostermann  15.09.2026

Israel

Wie Quentin Tarantino Israelis den Kinobesuch vermiest

Berichte über Quentin Tarantinos Kinobesuche gehen in Israel viral. Eine Frau hätte ihn beinahe angebrüllt

von Sophie Albers Ben Chamo  15.09.2026

Dearborn

Henry Fords antisemitische Vergangenheit in Ausstellung behandelt

Im nächsten Jahr öffnet Fair Lane, das frühere Anwesen von Henry Ford, wieder für Besucher. Die Einrichtung stellt sich nun einer Vergangenheit, die in der Region lange nur unzureichend thematisiert wurde

 15.09.2026

Tel Aviv

IDF-Chef prüft rechtliche Schritte gegen Film »Naza«

Generalstabschef Eyal Zamir bezeichnet bisher bekannt gewordene Teile der Doku als »Ritualmordlegenden, bewusste Verzerrungen der Realität und falsche Anschuldigungen gegen IDF-Soldaten«

 15.09.2026

TV-Tipp

Sehenswertes Doku-Historiendrama über 900 jüdische Flüchtlinge

HR zeigt »Die Ungewollten - Die Irrfahrt der St. Louis«

von Jan Lehr  15.09.2026

Berlin

Briefe nach dem Holocaust: Yad Vashem präsentiert Sammelband

Jüdische Überlebende der NS-Verfolgung erlebten die unmittelbare Nachkriegszeit voller Widersprüche zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Ihre Eindrücke erscheinen nun erstmals auf Deutsch

 15.09.2026