Sachbuch

Auf dem Vulkan

Foto: Getty Images

Moshe Zimmermann macht es einem nicht leicht, und das mag vielleicht auch seine Absicht sein. Denn die Lektüre von »Niemals Frieden?« hinterlässt den Leser womöglich ratloser als zuvor. Bereits das erste Kapitel verweist in diese Richtung.

Einerseits, so schreibt der Jerusalemer Historiker, war es die Idee der von Theodor Herzl ins Leben gerufenen zionistischen Bewegung, eine Art »Safe Space« für Juden zu schaffen, in dem sie sicher vor Pogromen und Antisemitismus sind. Und Israel sei nicht zuletzt auch deshalb entstanden, um eine zweite Schoa unmöglich zu machen.

Dann geschah vor mehr als einem Jahr genau das, was nie hätte passieren dürfen, und zwar das Massaker an über 1000 Israelis, das ihre Mörder, die Hamas-Terroristen, zudem filmten, um der ganzen Welt vorzuführen, wozu sie fähig sind. Einen »Vulkanausbruch« nennt Zimmermann den 7. Oktober, um zu betonen, mit welcher Dimension von Gewalt man es zu tun hat, und dass die Folgen noch lange nicht absehbar sind.

»Der zionistische Staat, Israel, konnte in diesem Moment das Versprechen des Zionismus nicht einlösen«, so Zimmermann weiter. Deshalb stelle sich nun die Frage: »Wenn ein Pogrom an Juden im Kernland Israel, wenn Ereignisse, die an mittelalterliche Pogrome und an die Schoa erinnern, stattfinden können, hat dann das zionistische Unternehmen nicht endgültig versagt, seinen Anspruch als ultimative ›Lösung der Judenfrage‹ nicht für immer verloren?«

Abrechnung mit der israelischen Politik

Was folgt, ist eine Abrechnung mit der israelischen Politik, die sich auf die Formel bringen lässt, die Entwicklungen der vergangenen Jahre hätten dazu geführt, dass ausgerechnet in diesem Moment der größten Katastrophe die dysfunktionalste und extremistischste Regierung in Israels Geschichte am Ruder saß, deren Minister zudem den Staat als so etwas wie ihre Beute betrachteten und gerade dabei waren, mittels einer hochproblematischen »Justizreform« ihre Macht zu zementieren und demokratische Kontrollen unmöglich zu machen.

Hinzu komme eine Besatzungspolitik, die jegliche Lösungsansätze im Konflikt mit den Palästinensern von Jahr zu Jahr schwieriger erscheinen lasse. All das habe Folgen für Juden in aller Welt, auch in Deutschland, die so zu »Geiseln der israelischen Politik geworden waren«, weil sie überall zur Zielscheibe von Gewalt wurden.

Einen Ausweg sieht der Autor allein in einer Zweistaatenlösung, die aber keinesfalls eine Neuauflage des gescheiterten Friedensprozesses von Oslo sein dürfe, sondern von Grund auf neu gedacht werden müsse. Ob das geschehen wird, kann er nicht vorhersehen, will es auch nicht. Nur gebe es eben keine Alternative.

Phalanx der Antizionisten

Wer nun glaubt, dass Zimmermann sich mit seiner Analyse in die Phalanx der Antizionisten einreiht, liegt absolut falsch – ganz im Gegenteil. Szenarien eines Aufgehens in einem binationalen Gebilde oder Ähnliches, was ein deutsches Publikum bei Autoren wie Omri Boehm goutiert, wird man bei ihm vergeblich suchen.

Auch problematisiert er die Entwicklungen auf palästinensischer Seite. Und wenn man genau hinschaut, erkennt man eine fast schon an Verzweiflung grenzende, tiefe Sorge um den Staat, der ihm am Herzen liegt, und dessen Zukunft.

Zimmermann legt sehr viel Wert darauf, nicht missverstanden zu werden. Er will kontextualisieren, ohne zu relativieren. Das betont er eingangs und liefert vorweg einen kurzen, aber sehr wichtigen Überblick zu zentralen Begriffen wie »Siedlungen«, für die es im Hebräischen, bezogen auf Zeit und Zusammenhang, verschiedene Wörter gibt, im Deutschen aber oftmals sehr undifferenziert und pauschal nur eines benutzt wird. Allein das hebt ihn positiv von vielen anderen aktuellen Publikationen ab.

Man muss mit Zimmermann nicht immer übereinstimmen. Auch gibt es Sätze wie: »Was die Gewaltbereitschaft angeht, sind zum Beispiel die israelischen Siedler nicht weniger schießfreudig als ihre Kontrahenten aus dem Lager der islamistischen Palästinenser«, die eine Äquidistanz mitschwingen lassen und unpräzise sind. Denn die Morde extremistischer Siedler an Palästinensern werden so mit dem sui­zidalen Terror der Gotteskrieger, der auf eine größtmögliche »Opferproduktion« ausgelegt ist, auf eine Stufe gestellt, und der Todeskult, den die Hamas dabei betreibt, wird ausgeblendet. Trotzdem sollte man Moshe Zimmermann sehr genau zuhören.

Moshe Zimmermann: »Niemals Frieden? Israel am Scheideweg«. Propyläen, Berlin 2024, 186 S., 16 €

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