Israpop

Atemlos durch die Nacht

Omer Adam ist die männliche, nahöstliche Version von Helene Fischer: schnulzig, partytauglich – und sehr erfolgreich

von Lissy Kaufmann  25.06.2018 19:32 Uhr

Geliebt und verpönt: der Israpop-Sänger Omer Adam (24) Foto: Flash 90

Omer Adam ist die männliche, nahöstliche Version von Helene Fischer: schnulzig, partytauglich – und sehr erfolgreich

von Lissy Kaufmann  25.06.2018 19:32 Uhr

Omer Adam? Die DJane verdreht die Augen, als an einem Sommerabend Mitte Juni in einer kleinen, angesagten Bar in Tel Aviv eine Gruppe Feierlustiger fragt, ob die Frau am Mischpult denn nicht »Tel Aviv« von Omer Adam spielen könne. Ein Partyhit mit mediterranen Klängen, die Hymne der Gay‐Pride im Jahr 2013, die bei Feiern noch immer gerne gespielt wird. Nein, sagt die DJane etwas herablassend, so etwas spiele sie nicht, auf gar keinen Fall – Omer Adam, tssss. Auch einige andere Gäste, die mitgehört haben, belächeln die Frage.

Eine Stunde später – es ist schon spät, die Stimmung ausgelassen – dröhnt der Song dann doch aus den Boxen: »I’m your beauty. You’re my beast. Welcome to the Middle East«, singt Omer Adam. Es ist ein Song über das Leben der Gays, der Homosexuellen, in Tel Aviv: »Tel Aviv, Ya Habibi Tel Aviv« singen auch die Gäste in der Bar mit, einige tanzen bereits auf dem Tresen.

Autofenster So steht es also um diesen Omer Adam, von dem in Israel derzeit so viele sprechen, dessen Musikvideos im Netz millionenfach geklickt werden, dessen Stimme aus tragbaren Boxen am Strand schallt, durch offene Autofenster an der Ampel, aus den Handys von Jugendlichen im Bus. Omer Adam, der 24‐jährige Sänger mit den kurz geschorenen, dunklen Haaren und der markanten Stimme, ist so präsent wie umstritten, so erfolgreich wie verpönt, so beliebt wie verachtet – eine männliche, israelische Form von Helene Fischer.

Er schafft es, traditionelle, nahöstliche Klänge mit modernem Pop zu verbinden, daraus massentaugliche Lieder zu produzieren, die bei jedem Radiosender laufen und auf sehr vielen Hochzeiten, Bar‐ und Batmizwa‐Feiern. Und doch ist es Musik, die von einigen – auch jenen, die auf Partys dazu tanzen – als Musik fürs »einfache Volk« belächelt wird, für Arsim, wie man jene in Israel abfällig bezeichnet, die aus unteren Schichten kommen, simpel, wenig gebildet, prollig.

Vielleicht ist das heute auch gar keine Beleidigung mehr – oder zumindest nichts, wofür man sich verstecken müsste. Omer Adams Mutter, Sharon Adam, nannte ihren Sohn in einem Fernseh‐Interview zu Beginn seiner Karriere einmal stolz einen »kultivierten Ars« – einen, der das Ars‐Sein salonfähig gemacht hat, der sich benimmt, als wäre er einer, und entsprechend gut in jenen Teilen der Gesellschaft ankommt. Zugleich sagte seine Mutter, dass er eben doch nicht 100‐prozentig dazugehört – und damit auch für viele andere hörbar ist. Zumindest zu gegebenem Anlass.

Erfolg Vor allem bei Jugendlichen kommt Omer Adam gut an – wohl auch, weil er und seine Erfolgsgeschichte in ihre Generation gehören: 2009 nimmt der junge Sänger an Israels Castingshow Kochav Nolad (Ein Star wird geboren) teil, singt sich mit seiner für sein Alter ungewöhnlich rauen, männlichen Stimme in die Herzen der Zuschauer – und fliegt doch vorzeitig raus. Er hatte bei der Aufnahme geschummelt, hatte das Mindestalter von 16 Jahren damals noch nicht erreicht.

Seiner Karriere tut das keinen Abbruch – im Gegenteil: Schon im darauffolgenden Jahr bringt er sein erstes Album heraus: Names Mimeh (Ich schmelze wegen dir), vier weitere Alben folgten, zuletzt 2017. Oft geht es in den Liedern um die ganz große Liebe, um ganz große Gefühle, Herzschmerz, Drama und Leidenschaft, immer ein bisschen zu viel davon, immer ein bisschen zu schnulzig, wie es sich für Schlager und eben auch für Mizrachi‐Musik, also Musik aus dem Nahen Osten, gehört.

In »Az Halachti« singt Omer Adam, wie er der Liebe wegen sogar den Weg bis in die Wüste auf sich nimmt: »Also fuhr ich hin und zurück, wie ein Wahnsinniger, nehme den Zug Richtung Süden nach Dimona, was machst du nur mit mir, oh, was machst du nur mit mir.« Oder in »Paam Bachaim«: »So ein Glück, welch ein Glück, jeden Tag mit dir aufzuwachen, jeden Morgen, eine Liebe, die es nur einmal im Leben gibt.«

Mizrachi Doch Omer Adam ist auch partytauglich – zum Beispiel mit seinem Song »Bucharest«, in dem es um einen Trip mit Freunden geht: »Bukarest, das ist die Zeit deines Lebens« oder in »Hopa«: »Was für eine Party, so viel Liebe, alle fliegen, alle sind wunderschön, es gibt keinen, der nicht tanzt zwischen Athen und Eilat.« Und mit Lior Narkis, noch einer dieser modernen Mizrachi‐Sänger, singt er von der »Revolution der Freude« – »weil wir alle eine Familie sind und wie verrückt tanzen«.

Tatsächlich ist Omer Adam längst nicht der alleinige Vertreter von Mizrachi‐Pop. Eine ganz neue Generation dieser Sänger ist herangewachsen, seit Sarit Hadad und Eyal Golan, Königin und König des Mizrachi‐Pop, in den 90er‐Jahren den Weg für dieses neue Genre geebnet haben. »Mit den beiden trat ein Bruch ein«, erklärt der Soziologe Motti Regev, der zu Popmusik und israelischer Nationalkultur geforscht hat. »Diese Musik klang weniger arabisch und erreichte somit ein größeres Publikum. Das passierte nicht an einem Tag. Nach und nach kamen andere Sänger hinzu, Moshe Peretz, Kobi Peretz, Lior Narkis.«

Noch in den Jahren davor war Mizrachi‐Musik – damals noch ohne Pop, dafür traditionell, manchmal gar mit den Klängen von Darbuka und Oud – weit weg vom Mainstream, es war die Musik der jüdischen Einwanderer aus nahöstlichen, arabischen Staaten vom Jemen über Marokko bis zum Irak, die weder im Fernsehen noch im Radio gespielt wurde.

Bergjuden »Es gab da eine Art Diskriminierung. Die Augen und Ohren führender Musikjournalisten und -kritiker richteten sich gen Westen. Für sie waren die Mizrachi‐Klänge zu simpel, oberflächlich, nicht künstlerisch genug«, erklärt Regev. Kassetten mit dieser Musik gab es fast nur am – heruntergekommenen – Zentralen Busbahnhof in Tel Aviv zu kaufen.

Omer Adam und die anderen Pop‐Mizrachi‐Sänger machen heute längst nicht mehr nur Musik für Mizrachim: Sie haben es geschafft, diese Kluft zu überwinden. Sie verbinden traditionelle Klänge – nach denen man in manchen Liedern suchen muss – mit Pop, Elektro, Reggae.

Und keiner steht so sehr für diese Zusammenführung wie Omer Adam selbst: Sohn einer aschkenasischen Mutter und eines sefardischen Vaters, der selbst von orientalischen Bergjuden abstammte. Oder wie seine Mutter Sharon einst im Interview sagte: »Er ist schwarz und weiß, von beidem ein bisschen. Das macht ihn interessant.« Und zu einem der derzeit erfolgreichsten Mizrachi‐Sänger des Landes.

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