Dokumentation

»Antisemitismus wiederholt sich nicht, Antisemitismus setzt sich fort«

Die Soziologin Julia Bernstein, Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences Foto: privat

Dokumentation

»Antisemitismus wiederholt sich nicht, Antisemitismus setzt sich fort«

In Frankfurt am Main organisiert das Tikvah Institut eine Konferenz zur aktuellen Antisemitismusforschung. Mitveranstalterin Julia Bernstein hielt am Sonntag die Eröffnungsrede

von Julia Bernstein  01.12.2024 12:29 Uhr

Wenn man das Thema Antisemitismus und jüdisches Leben in Deutschland betrachtet, zeigen sich mehrere Widersprüchlichkeiten. Auf diese einzugehen, ist mir wichtig, um einige Herausforderungen zu benennen, die sich bei der Auseinandersetzung mit dem Thema und bei dieser Konferenz ergeben werden.

Im Jahr 2021 sind 1700 Jahre jüdischer Präsenz in Deutschland gefeiert worden. 76 Jahre nach der planmäßigen Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden ist ein Bild der Kontinuität geschaffen, vom christlich-jüdischen Erbe gesprochen worden. Dabei ist Wissen über Juden und Judentum in der breiten Bevölkerung nicht selten antisemitisch verzerrt oder auf Antisemitismus bezogen. Juden werden in Deutschland häufig im Zusammenhang mit dem Holocaust als Opfer oder Quälgeister wahrgenommen.

Erst nach dem Terroranschlag in Halle an der Saale 2019 dämmerte es vielen, was »Jom Kippur« ist, viele werden nach dem 7. Oktober 2023 das erste Mal von »Simchat Torah« gehört haben. Das zelebrierte Bild von 1700 Jahre jüdischer Präsenz in Deutschland spricht nicht für eine Normalität, sondern für eine Wahrnehmung als »domesticated foreigners«. Und dann kam der 7. Oktober.

Vor dem Hintergrund der Schrecken der Shoah – von Täterschaft, Schuld- und Verantwortungsmotiven –, der Erinnerungskultur und dem gewöhnlich symbolträchtig deklamierten Lernen aus der Geschichte wird offiziell die Präsenz jüdischen Lebens in Deutschland begrüßt, der Antisemitismus moralisch rigoros geächtet. Juden aber können kaum jüdische Symbole in der Öffentlichkeit tragen oder laut auf Hebräisch sprechen, ohne einer ernsthaften Bedrohung ausgesetzt zu sein, zahlreiche Anfeindungen und Angriffe beweisen dies. Erst recht nicht nach dem 7. Oktober.

»Einerseits wird die Vielfalt zelebriert, andererseits bleibt unbemerkt, dass Juden vielfach keinen Platz in dieser Vielfalt haben.«

Einerseits wird die Vielfalt zelebriert, andererseits geht geradezu unbemerkt unter, dass Juden vielfach keinen Platz in dieser Vielfalt haben, sich nicht trauen, ihre Identität preiszugeben, oder das als »Outing« verhandelt wird. Einerseits ist in Deutschland ein unter Jugendlichen weitverbreiteter Schimpfwortgebrauch, »Du Jude«, zu vernehmen. Andererseits kriegen einige Menschen das Wort »Jude« nicht ohne Hemmungen über die Lippen, ihm haftet etwas Schlimmes, aber nichts Neutrales oder gar Positives an. Dann, nach dem 7. Oktober scheint es sich so mit den Worten »Israeli« oder »Israel« zu verhalten.

Israel Existenz erhält ihre Notwendigkeit durch den nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus, durch die Shoah. Seit dem 12. Mai 1965, nächstes Jahr 60 Jahre lang, bestehen diplomatische Beziehung zwischen Deutschland und Israel. Israels Sicherheit gehört der ehemaligen Bundeskanzlerin Merkel zufolge zur deutschen Staatsräson. Und trotzdem: Keines anderen Staats »Existenzrecht« wird zur Diskussion gestellt und dabei schon geflissentlich in Zweifel gezogen. Und dann kam der 7. Oktober – und damit der in Befreiungsromantik verkleidete Vernichtungsslogan: »From the river to the sea, palestine will be free«.

Einerseits sagen viele junge Menschen über die NS-Geschichte: »Wir tragen die Verantwortung, und natürlich werden wir einschreiten, wenn Ungerechtigkeiten passieren!« »Aber was hat der Holocaust mit mir persönlich und meiner Familie zu tun?« Aber dann gehen in Deutschland nach dem 7. Oktober keine Hunderttausende Menschen auf die Straßen aus Solidarität mit Juden.

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Auf der einen Seite häufig rigorose moralische Ächtung des Antisemitismus, das Bekenntnis zum »Nie wieder«, auf der anderen Seite Juden, die auf Solidarität warten und mit Antisemitismus allein gelassen werden. Oft wird Antisemitismus von denen nicht gemeldet, denn es folgen meist keine Konsequenzen. Abstrakt mangelt es nicht am Willen und Solidarität, konkret häufig schon. Erst recht nach dem 7. Oktober.

Auf der einen Seite Betroffene von Antisemitismus, denen man doch bestenfalls zuhört und deren Gefühlen man sich mit empathischen Gesten zuwendet, auf der anderen Seite keine Antisemiten. Antisemitismus wird allzu häufig ignoriert, bagatellisiert – »So war es doch gar nicht gemeint!« –, als nebulöses, entpersonalisiertes Phänomen in »Diskursräume« verschoben, während Antisemitismus für Juden kein philosophisches Gespräch beim Kaffee, sondern existenzielle Gefahr bedeutet. Erst recht nach dem 7. Oktober.

Einerseits wird Sachlichkeit beansprucht, anderseits ist Antisemitismus in Deutschland eine hoch emotionalisierte Debatte. Erst recht nach dem 7. Oktober.

Die Gräuel der nationalsozialistischen Judenvernichtung werden weitgehend als Symbol des Bösen betrachtet und geächtet. Schon lange werden Juden über den Umweg »Israel« selbst davon ausgehend geschmäht, der jüdische Staat wird als Wiedergänger der Nazis – stellvertretend für Juden als Täter – abgestraft. Die vorgebliche Lehre aus der Geschichte wird oft gegen den jüdischen Staat und Juden geltend gemacht.

Aber auch von der Geschichte wegzukommen, schimmert immer weiter als Motiv durch. Nach dem 7. Oktober werden die Stimmen lauter, die sich gegen eine deutsche Schuldkultur aussprechen: »Free Palestine from German guilt«. Die Leipziger Autoritarismusstudie 2024 stellt fest, fast Hälfte der deutschen Bevölkerung offen oder latent dem Satz zustimmt, dass der deutsche Schuldkomplex den Freiheitskampf der Palästinenser behindere.

»Nach dem 7. Oktober werden die Stimmen lauter, die sich gegen eine deutsche Schuldkultur aussprechen.«

Auf der einen Seite ritualisiertes Gedenken zum Jahrestag der Novemberpogrome. Auf der anderen Seite judenfeindliche Parolen auf vorgeblich pro-palästinensischen Demonstrationen oder gar Gedenkreden, in Hamburg, Karlsruhe, Jena, Berlin, Mannheim, Wolfsburg, Brühl. In Hannover ist die antisemitische Hetzjagd auf israelische Fußballfans in Amsterdam zwei Tage zuvor bejubelt worden.

Man sagt, »wenn man aus der Geschichte nicht lernt, wird sie sich wiederholen«. Dieser Satz setzt aber voraus, dass ein Abschnitt zu Ende gegangen ist und ein neuer kommt. Für viele ist Antisemitismus »plötzlich wieder da«. Aus jüdischen Perspektiven sprechen wir von einer ununterbrochenen Geschichte des Antisemitismus, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Antisemitismus wiederholt sich nicht, Antisemitismus setzt sich fort, kommt von allen Seiten der Gesellschaft und erfährt eine stetige Aufwertung oder Plausibilisierung, in seiner Romantisierung als »Widerstand«, in seiner Banalisierung als »Kritik« oder Nobilitierung als »kontroverse Meinung«, erst recht nach dem 7. Oktober.

Auf der einen Seite der Popanz vom »Kritikverbot« und vom »Mundtotmachen« mit der »Antisemitismuskeule«, wenn es um die sogenannte »Israelkritik« geht. Auf der anderen Seite »Israelkritik« von A bis Z, die aus der scheinbaren Marginalisierung heraus umso lauter wird. Erst recht nach dem 7. Oktober.

Einerseits hält man die Meinungsfreiheit hoch, die Meinung und die Gefühle der Anderen sind zu respektieren. »Antisemitismus ist keine Meinung«, lautet eine viel bemühte Ächtungsformel. Andererseits fällt Antisemitismus – oft gerichtlich festgestellt – doch unter die Meinungsfreiheit. Judenhass ist Gefühl und auch rationalisierte Meinung. Erst recht nach dem 7. Oktober?

Julia Bernstein ist Professorin für Diskriminierung und Inklusion in der Einwanderungsgesellschaft an der Frankfurt University of Applied Science. Die hier dokumentierte Rede hielt sie am Sonntag auf der Konferenz »Antisemitismuskritische Antisemitismusforschung nach dem 7. Oktober 2023« in Frankfurt am Main.

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