Theater

Alles Psychos, außer Jossele!

Der Autor Maxim Biller Foto: picture alliance/dpa

Theater

Alles Psychos, außer Jossele!

Nach zwölf Jahren schafft es Maxim Billers Stück »Kanalratten« doch noch auf die Bühne. Wohl auch dank Samuel Finzi

von Sophie Albers Ben Chamo  16.01.2020 07:23 Uhr

Eigentlich ist es ganz einfach mit Maxim Biller. Seit mehr als 30 Jahren beweist der Autor mit der »hohen Intelligenz und der großen Aggressivität« (Marcel Reich-Ranicki) den Deutschen, dass Zvi Rix’ viel zitierter Satz »Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen« zu jeder Zeit der Wahrheit entspricht. Immer, wenn die Dichter und Denker sich in ihrem kuschelig-satten, mit goldenen Steinen gepflasterten Land wieder so sicher fühlen, dass sie vergesslich und selbstgerecht werden, haut Maxim Biller auf den Alarmknopf, manchmal auch daneben. Aber geschenkt.

Doch anstatt ihm zu danken, wären die Döser – und natürlich auch die Kissenaufschüttler und die Bettenbauer – ihn am liebsten los. Wenn er bloß nicht Jude wäre. Wenn er nur nicht so gut schreiben würde …

GRÜNDE Die Hassliebe zwischen den Deutschen und Maxim Biller wäre einen eigenen Roman wert. Mussten vielleicht deshalb zwölf Jahre vergehen, bis sein Theaterstück Kanalratten es endlich zur Aufführung gebracht hat? Oder banaler: Hat sich der Schriftsteller handwerklich und inhaltlich schlicht übernommen? Oder war es eher die Tatsache, dass die Unterlassungsklage wegen verletzter Persönlichkeitsrechte im Roman Esra der Branche noch in den Knochen steckte? Schließlich gibt es auch bei den Kanalratten durchaus Wiedererkennungswerte ...

Sind die Regisseure zu ängstlich? Ist Biller zu unbequem? Oder hat er sich schlicht überhoben?

Wie dem auch sei, die Kammerspiele des Deutschen Theaters in Berlin haben sich nun getraut. Und es war voll in der vergangenen Woche, als die einmalige szenische Lesung endlich doch über die schlichte Bühne mit schwarzen Tischen und Stühlen ging. Theater- und Filmstar Samuel Finzi, neben seinem großen Talent bekannt für Knuddeligkeit und Wärme, sowie sechs Ensemblemitglieder hauchten Maxim Billers Worten, die seit 2013 immerhin in Buchform (S. Fischer) vorliegen, Leben ein.

RÜCKKEHR Und es dauert keine Minute, bis sich Figuren und Geschichte in diesem Podcast-zum-Angucken regen, streiten, hassen, lieben und die jüngste jüdisch-deutsche Geschichte auf diverse Punkte bringen, je nach Identitätswinkel. Und das alles in Billers in jeder Tonlage zielgenauer Sprache.

Finzi liest mit großer Lässigkeit Josef »Joe« Karpeles, einen berühmten Journalisten, der nach acht Jahren Deutschland-Auszeit in Israel (»Um über den ganzen Scheiß nicht mehr nachdenken zu müssen«) nach Berlin zurückgekehrt ist und auf einer Party beim berüchtigten Chefredakteur Henning Hofmann (Felix Goeser) willkommen geheißen wird – von dessen Redakteurs-Lakai Jobst Kallender (Alexander Khuon), dem deutschen Dichterfürsten Samuel Dinter (Bernd Stempel), dem Arzt Weisselberg (Harald Baumgartner), dem Chef des Jüdischen Museums Herschel Girsch (Bernd Moss) und von Joes großer Liebe und Ex-Freundin Anna (Judith Hofmann), die mittlerweile mit Hofmann zusammenlebt.

ASCHKENASISCH Natürlich plant der hetzende Hofmann ausgerechnet für den 9. November ein großes Heimkehrer-Interview mit Karpeles (»Ich will, dass die Leute durchdrehen«). Und Joes Ego ist leider zu groß, um zu erkennen, dass er wieder nur benutzt werden soll.

Davor warnt ihn Anna, und es kommt zu einem Dialog voll unerwarteter Zärtlichkeit, in dem es auch um das Kind geht, das das Paar nie hatte – aus Angst vor dem Tay-Sachs-Syndrom, eine vor allem bei aschkenasischen Paaren auftretende Erbkrankheit.

»Sein Name war Lenny«, flüstert Anna in den Schmerz hinein. »Im Schtetl haben sich sogar die Chromosomen gekrümmt«, sagt der verzweifelte Joe. Wäre Maxim Biller ein Sänger, man würde ihn für seinen gewaltigen Stimmumfang bewundern.

Kurz darauf wird im Wohnzimmer, nur anfangs zynisch verbrämt, jüdische Schuld gesucht, auf Israel herabgeblickt, deutsche Geschichte relativiert, revisioniert und verklausuliert, bis ein Tarantinoesker Einschub über den Geschmack von China-Crackern das Nicht-Auszuhaltende unterbricht und sich Joe und Museumsdirektor Girsch im Garten zum Kotzen treffen. Bei solch existenziellen Stimmungsschwankungen braucht es kein Bühnenbild.

ARISIERUNG Natürlich geht es in den Kanalratten auch um Sex und Sex-Neid, ist ja schließlich Maxim Biller. Und der drechselt hier den Satz, »die Nudeln der Juden« seien der Deutschen Unglück, frei nach dem Antisemiten Heinrich von Treitschke. Denn die Willkommensparty findet in der Treitschkestraße in Berlin-Steglitz statt, wo die Anwohner 2013 ganz real gegen eine Namensänderung gestimmt haben. Im Stück ist es Girsch, der die Namensänderung von Treitschkestraße zu Anne-Frank-Straße angeregt hat.

Er ist es auch, der Hofmann damit konfrontiert, dass dessen Villa einst der jüdischen Familie Berenson gehört hat – arisiert von Hofmanns eigenem Vater –, und der verlangt, dass der Besitz zurückgegeben wird. Auf dem Höhepunkt von Hass und Scheußlichkeit kommt auch noch Theodor Herzls Brieföffner ins blutige Spiel. Am Ende sind alle verrückt und mindestens einer tot.

»Jeder sieht in mir den kontroversen, gefährlichen, gut aussehenden Juden. Ist das nicht wundervoll?«, hat Maxim Biller 2007 in einem Interview mit dem »New Yorker« gesagt. Und aus den Theater-Lautsprechern tönt Gloria Gaynors »I Will Survive«. Großer Applaus.

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Rangliste des Bundesamts für Statistik gibt Aufschluss

von Nicole Dreyfus  27.08.2026 Aktualisiert

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Kinder

Noah, Ben oder Lea?

Warum sich biblische Namen im deutschsprachigen Raum großer Popularität erfreuen

von Nicole Dreyfus  26.08.2026

Ludwigshafen

Neue Ausstellung zu Ernst und Karola Bloch: Fotografische Reise

Eine neue Schau in Ludwigshafen zeigt das ereignisreiche Leben der Familie Bloch zwischen Exil und Heimatsuche anhand des fotografischen Nachlasses – in privaten und öffentlichen Momenten

von Norbert Demuth  26.08.2026

Nachruf

Großmeister der ausgreifenden Erzählung

Mit seinen Epochenromanen prägte er das literarische Bild Europas. Nun ist der vielfach ausgezeichnete Autor Peter Nadas gestorben

von Gregor Mayer  26.08.2026

Bremen

Philosophin Lea Ypi erhält Hannah-Arendt-Preis 2026

Die albanisch-britische Philosophin Lea Ypi erhält den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken 2026. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung wird im Dezember im Bremer Rathaus verliehen

 26.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  26.08.2026