Rückblende

1996: Neue deutsch-jüdische Literatur

Barbara Honigmann Foto: Sabina Paries

Rückblende

1996: Neue deutsch-jüdische Literatur

Unsere Serie über die Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945: Folge 51

von Michael Brenner  28.10.2013 20:34 Uhr

1996 veröffentlichte die Schriftstellerin Barbara Honigmann ihren Roman Soharas Reise. Die titelgebende Sohara ist eine algerische Jüdin, die nach der Unabhängigkeit des Maghreblandes aus ihrer Heimat flüchtet und in Frankreich repatriiert wird. In dem Roman geht es um die Entführung und Rückholung von Soharas Kindern. Thematisiert werden sefardische und aschkenasische Juden, Männer und Frauen, Torastudium und säkulares Leben. Sohara, befand der Spiegel in seiner Rezension, »ist eine der liebenswertesten Figuren, denen in letzter Zeit der Odem der Literatur eingehaucht wurde«. Und fuhr mit dem Lob für Barbara Honigmanns Roman fort: »Im Kleinen und Gebrochenen, das nichts Exotisches hat, zeigt sie uns das Große und Ganze.«

Soharas Reise konfrontierte die deutschen Leser mit einer jüdischen Thematik, die, zumindest oberflächlich, nichts mit den hierzulande üblichen deutsch-jüdischen Themen zu tun hatte. Damit gelang Barbara Honigmann, die vorher bereits mit ihrem Roman von einem Kinde für literarisches Aufsehen gesorgt hatte, etwas, das vor ihr in der deutschen Nachkriegsliteratur niemand geschafft hatte: eine jüdische Thematik von dem üblichen deutsch-jüdischen Vergangenheitsdiskurs, der oft auch ein Befangenheitsdiskurs ist, zu trennen und auf neue Wege zu leiten.

post-schoa-generation Barbara Honigmann, die seitdem mit vielen Auszeichnungen, vom Kleist-Preis bis zum Max-Frisch-Preis, bedacht wurde, hat eine auch im deutsch-jüdischen Kontext ungewöhnliche Biografie. Als Tochter kommunistischer Eltern in Ost-Berlin aufgewachsen, emigrierte sie mit ihrer Familie noch vor dem Mauerfall nach Strasbourg, um dort in einer orthodox-jüdischen Gemeinde zu leben.

Honigmann steht für eine neue Generation nach der Schoa geborener Juden, die wieder deutschsprachige Literatur schreiben. Seien es Esther Dischereit oder Maxim Biller in Deutschland oder Robert Schindel und Doron Rabinovici in Österreich – seit den 80er-Jahren gibt es dieses Phänomen, das als junge deutsch-jüdische Literatur bezeichnet werden kann.

Seit einigen Jahren wird diese literarische Szene ergänzt durch die neue Perspektive russisch-jüdischer Einwanderer. Vladimir Vertlib und Wladimir Kaminer gehörten zu den ersten aus der ehemaligen Sowjetunion stammenden deutsch-jüdischen Schriftstellern. Jüngere Autorinnen, wie Lena Gorelik und Olga Grjasnowa, verleihen dieser Literatur neuen Esprit. Die Tatsache, dass die beiden letzten Preisträgerinnen des Ingeborg-Bachmann-Preises, Olga Martynowa und Katja Petrowskaja, aus dem Kreis der russisch-jüdischen Zuwanderer kommen, zeigt, dass die große Zeit deutsch-jüdischer Literatur vielleicht nicht nur der Vergangenheit angehört.

Programm

Urbane Ästhetik, cineastische Architektur und späte Aufklärung: Termine und TV-Tipps

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 7. Mai bis zum 14. Mai

 06.05.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Imanuel Marcus, Bettina Piper  06.05.2026

Kino

Am Puls der Zeit

Gegen Polarisierung und Boykott: Das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg will den Blick weiten

von Ayala Goldmann  06.05.2026

Boston

Wegen israelischer Figur: Bestseller-Autorin Rebecca F. Kuang unter Druck

In ihrem neuen Werk »Taipei Story« schreibt sie in wenigen Sätzen über einen fiktiven, israelischen Musiker. Schon dies reicht für einen Sturm der Entrüstung

 06.05.2026

London

»Pinocchio« und »James Bond«: Kino zum Hören mit Josh Groban

Auch für Disney-Filme hat der Sänger ein Faible. Ein Duett hat ihn persönlich besonders berührt

von Philip Dethlefs  06.05.2026

New York

Daniel Radcliffe für Tony-Award nominiert

Daniel Radcliffe hat erneut Chancen auf die Ehrung. Für welches Stück ist der jüdische »Harry Potter«-Star diesmal nominiert?

 06.05.2026

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  05.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  05.05.2026 Aktualisiert

Auszeichnung

Marion-Samuel-Preis geht an Susanne Siegert für NS-Aufklärung

Die Augsburger Stiftung Erinnerung fördert Menschen, die sich gegen das Vergessen, Verdrängen und Relativieren der Nazi-Verbrechen wenden. Sie verleiht einen Preis, der mit viel Geld dotiert ist

von Christopher Beschnitt  05.05.2026