Datenbank

1000 Autoren und mehr als 60 Zeitungen

Das Archiv präsentiert zahreiche Buchcover. Foto: DAjAB

Das Jahr 1933, in dem die Nationalsozialisten die Macht übernahmen, war nicht das Ende des jüdischen Kulturlebens in Deutschland. Entgegen einer bis heute verbreiteten Vorstellung explodierte die Produktivität der jüdischen Autoren und Autorinnen nach 1933 zunächst. In Berlin gab es damals 24 jüdische Verlage und mehr als 60 jüdische Zeitungen.

Das »Digitale Archiv jüdischer Autorinnen und Autoren in Berlin 1933–1945«, kurz DAjAB, das an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) angesiedelt ist und unlängst der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, zeichnet zweierlei aus. Zum einen füllt es eine Wissenslücke, zumindest eine Bewusstseinslücke, die möglicherweise mit der Zögerlichkeit der deutschen Forschung gegenüber innerjüdischen Prozessen zu tun hat.

Zum anderen macht es sich das technische Konzept der relationalen Datenbank zunutze. Die Eingabe neuer Fakten geht aufgrund einer großen Menge verfügbarer und zugriffsbereiter Einzelinformationen sehr schnell. Zudem hat das Archiv die Fähigkeit, bisher unbekannte Zusammenhänge aufzuzeigen, ohne dass nach diesen gezielt gesucht worden wäre. Eine Fundgrube für nächste Forschungsansätze also.

UNI-PROJEKT Entstanden ist die Plattform als ein Uni-Projekt unter der Leitung von Kerstin Schoor, Professorin an der Viadrina, genauer gesagt, dem dortigen Axel Springer-Lehrstuhl für deutsch-jüdische Literatur- und Kulturgeschichte, Exil und Migration. Aber auch andere Universitäten und akademische Einrichtungen, Museen und Archive haben sich über die Jahre unterstützend angeschlossen. Im von Schoor geleiteten Selma Stern Zentrum für Jüdische Studien Berlin-Brandenburg liefen und laufen die Beiträge zum Forschungs- und Digitalisierungsprojekt zusammen.

Das DAjAB bewahrt ein Stück Erinnerung, es bewahrt jüdische Kultur in ihrer ganzen Lebendigkeit.

Mit dem DAjAB wird, so Kerstin Schoor, »ans Licht gehoben, was in der Aufarbeitung der Vergangenheit noch nicht wirklich präsent wie bewusst« sei. Für die Zeitspanne 1933 bis 1945 halte die deutsche Literaturgeschichte nur und immer wieder die Schlagworte »Exil-Literatur, Innere Emigration und Blut- und Bodenliteratur« bereit, wodurch sich eine »über Jahrzehnte vorherrschende Ausblendung im öffentlichen wie auch wissenschaftlichen Bewusstsein« aufgrund einer »verweigerten Rezeption« manifestiert habe.

LEBENSSITUATION So gab es nach allgemeiner Vorstellung in Deutschland nach 1933 keine jüdischen Autoren und Autorinnen mehr. Sie waren nicht mehr existent, seien in ihrer Opferrolle vor allem als »statische Elemente« wahrgenommen worden, so Schoor. Mit dem Projekt des DAjAB könnten diese Intellektuellen wieder als »aktive Subjekte« sichtbar gemacht werden, die mit Reflexionen, neuen Positionierungen, neuen ästhetischen Überlegungen so eigenständig wie unterschiedlich auf die veränderte, dramatische Lebenssituation reagiert hätten.

Über das DAjAB lassen sich gut 1000 Bio-Bibliografien der nach 1933 in Berlin lebenden Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft abrufen, zudem Hunderte von Kulturveranstaltungen, Tausende von jüdischen Organisationen und Orten jüdischen Lebens, dazu Landkarten, digitalisierte Originaldokumente, Fotos, auch O-Töne.

Sie bringen eine Welt zum Vorschein, ein energiegeladenes, unter großem Druck stehendes kulturelles Leben und Treiben, das – wie bereits Anfang der 90er-Jahre in der unter anderem von Eike Geisel konzipierten, legendären Ausstellung Geschlossene Vorstellung in der Berliner Akademie der Künste gezeigt – eine starke Bündelung im »Jüdischen Kulturbund« fand. Aber eben nicht nur.

Besonders wertvoll im digitalen Archiv auch die seltenen, nach 1945 nicht wiederaufgelegten Primärtexte. Das DAjAB bewahrt ein Stück Erinnerung, es bewahrt jüdische Kultur in ihrer ganzen Lebendigkeit.

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Musik

Und sie erinnern sich doch

Die Bayreuther Festspiele begehen ihr 150. Jubiläum mit Nachdenklichkeit

von Maria Ossowski  27.07.2026

Bayreuther Festspiele

Michel Friedman in Bayreuth: Neue Ära der Aufarbeitung beginnt

Um offen mit ihrer nationalsozialistischen Vergangenheit umzugehen, haben die Bayreuther Festspiele Michel Friedman als Redner eingeladen. Der Publizist rief eine neue Ära des Erinnerns aus

 26.07.2026

»Imanuels Interpreten« (24)

Harry Connick Jr.: Das Wunderkind

Mit drei Jahren spielt er Klavier, mit fünf tritt er öffentlich auf, mit neun interpretiert er Beethoven als Solist mit Orchester

von Imanuel Marcus  26.07.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Schon 200? Happy Birthday, Fotografie!

von Katrin Richter  26.07.2026

Los Angeles

Kate Hudson bekommt »Walk of Fame«-Stern

Die jüdische Schauspielerin ist einer von 33 Stars, die eine Ehrung auf dem Hollywood Boulevard erhalten sollen

 24.07.2026

London

Gal Gadot spielt Hauptrolle in rasantem Thriller »The Runner«

Gadot spielt die erfolgreiche Wirtschaftsanwältin Maia Marten, deren Leben aus den Fugen gerät, als ihr Sohn entführt wird

 23.07.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  23.07.2026

Interview

»Es geht um das aktuelle jüdische Leben in unserem Land«

Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) über ein neues Kompetenznetzwerk zu jüdischer Gegenwartsforschung, eine Förderrichtlinie und den Einsatz gegen Israel-Boykott

von Leon Stork, Ayala Goldmann  23.07.2026