Ungarn

Zwangsräumung

Im Sommer 1951, vor genau 70 Jahren, zwang das kommunistische Regime in Ungarn unter Parteichef Mátyás Rákosi, einem harten Stalinisten, Tausende Menschen, die Hauptstadt Budapest zu verlassen. Man siedelte sie aus.

Der jüdische Historiker und Journalist Gábor Dombi hat dazu geforscht und darüber ein Buch geschrieben, das im vergangenen Jahr erschienen ist, aber bisher nur auf Ungarisch vorliegt. Der Titel: Osztályellenségek: az 1951-es budapesti kitelepítés zsidó áldozatai (Klassenfeinde. Die jüdischen Opfer der Budapester Aussiedlung 1951). Darin wird erstmals dieser Teil der ungarisch-jüdischen Geschichte geschildert. Dombi beschreibt die Hintergründe der Aussiedlung, die internationalen Reaktionen darauf und die schockierenden Schicksale, die aus den Dokumenten des ungarischen Staatssicherheitsarchivs hervorgehen.

Horthy Im Sommer 1951 wurden Familien, die das kommunistische Regime als Feinde des Systems einstufte, von Budapest in Dörfer im Osten des Landes ausgesiedelt. Nach offiziellen Angaben waren es Aristokraten – also Fürsten, Grafen, Barone sowie ehemalige Großunternehmer, Offiziere und hochrangige Beamte der faschistischen Horthy-Ära. Innerhalb von zwei Tagen wurden sie aus der Hauptstadt zwangsausgesiedelt.

Offiziell hieß es, man siedele Feinde des Systems um.

Laut Gábor Dombi hatten mindestens 20, aus manchen Bezirken sogar 40 Prozent von ihnen den Holocaust überlebt – gehörten also vor 1945 keinesfalls zu den Bevorzugten des Systems. Einer von ihnen war sogar ein gänzlich vermögensloser, 90-jähriger Mann, der in einem Altenheim lebte.

Nachdem 1948 die Sozialdemokratische mit der Kommunistischen Partei zwangsvereinigt und die anderen Parteien aufgelöst worden waren, begann 1949 mit der Gründung der Ungarischen Volksrepublik der stalinistische Terror im Land. Er war von einem niedrigen Lebensstandard, einem Mangel an Waren sowie schlechten Wohnbedingungen begleitet. In Budapest fehlte es an Wohnraum für Partei- und Staatssicherheitskader, die in die Hauptstadt übersiedelten. Dieses Problem musste irgendwie gelöst werden.

So schlug man 1950 vor, alle Budapester Rentner zu zwingen, aufs Land zu ziehen. Doch die Intervention des Vorsitzenden des Budapester Parteikomitees, Imre Mezö, verhinderte dies. Stattdessen erstellten Parteimitarbeiter bis Ende 1950 schließlich eine erste Liste von »feindlich Gesinnten«, deren Wohnungen sich in guter Lage befanden.

Die Aussiedlung sollte eine Botschaft sein an alle Gruppen im Land, die den neuen Machthabern vermeintlich feindlich begegneten. Insbesondere galt sie den Bauern, die damals gewaltsam in Genossenschaften gepresst wurden.

LISTE Im April 1951 erstellte man eine – mit vielen Fehlern behaftete – Namensliste der zur Abschiebung Vorgesehenen. Die Polizei überprüfte sie. Bis Mai waren dann 17.350 Menschen auf die Liste gesetzt worden. 15.037 Personen, darunter knapp 6000 Familien, wurden schließlich vom Innenministerium angewiesen, Budapest binnen 48 Stunden zu verlassen.
Die Betroffenen suchten nach Beweisen, dass ihre Familien keine Feinde des Systems waren, und Tausende anderer Ungarn setzten sich für sie ein. Mit geringem Erfolg.

Schließlich wurden 12.704 Personen – darunter 5182 Familien – aus Budapest vertrieben. Einige erhielten noch in letzter Minute, vor allem durch Beziehungen, die Möglichkeit zu bleiben.

Zu einer festgelegten Zeit am Morgen fuhr ein Lastwagen zu den sogenannten Aussiedlern und brachte sie »mit bis zu 500 Kilogramm Habseligkeiten pro Person« – das war erlaubt – zum Bahnhof, von wo aus sie nach Ostungarn reisen mussten.

ISRAEL An der Spitze der zentralen Organisation der ungarischen Juden standen damals Lajos Stöckler und Miksa Domonkos, die schon 1944, in der Zeit des Ghettos, die Gemeinde geführt hatten und nicht ängstlich waren. Die konservative (neologe) Gemeinde von Budapest und die nationale Vertretung der ungarischen Israeliten (1950–1991), die mit dem Staat eine Vereinbarung über ihre Schulen unterzeichnet und sich mit der ungarischen Orthodoxie zusammengeschlossen hatte, standen unter enormem Druck. Das kommunistische System warf den Juden Zionismus vor, der damals im ganzen Ostblock verfolgt wurde. Etliche Juden waren bereits verhaftet worden, andere hatten Ungarn aus Angst davor bereits verlassen.

Verbandspräsident Stöckler wollte die im Land verbliebenen Juden schützen. Er war überzeugt, dass die Vertretung des Staates Israel in Budapest (die bemüht war, die Auswanderung zu erleichtern) dem ungarischen Judentum schade, und denunzierte den israelischen Vertreter, Schmuel Bentzur, der sich mit der ungarischen Regierung auf 3000 Auswanderer geeinigt hatte.

Gemeindeführung und Rabbiner verurteilten Israel und behaupteten, die Ausgesiedelten seien tatsächlich Teil des alten Systems. Aus den ungarischen Geheimdienstpapieren geht hervor, dass Stöckler von 17 Informanten bespitzelt wurde. Er und seine Mitarbeiter taten für die Ausgesiedelten alles, was sie konnten: Sie eröffneten auf dem Land jüdische Wohltätigkeitsheime, damit kranke oder ältere ausgesiedelte Juden, die kein Einkommen hatten, dorthin fliehen konnten. Bittere Ironie der Geschichte: Ein paar Jahre später wurde Stöckler als Zionist zu einer Haftstrafe verurteilt.

Alija Viele von denen, die bereits darauf gewartet hatten, Ungarn zu verlassen, um in den neu gegründeten Staat Israel auszuwandern, wurden ausgesiedelt. Schon der Versuch einer illegalen Ausreise wurde mit Haft geahndet. Es lag daher im Interesse Israels, ein faires Verhältnis zur ungarischen Regierung aufrechtzuerhalten, um die legale Auswanderung von Juden sicherzustellen.

Als die Auswanderung des Kontingents von 3000 gefährdet zu sein schien, wurden einige der nach Ostungarn Ausgesiedelten nach Budapest zurückgebracht. In Budapest traf ein hochrangiger israelischer Regierungskommissar ein und bot offiziell an, Jerusalem sei bereit, alle ausgesiedelten Juden aufzunehmen. Doch die ungarische Regierung lehnte ab.

Der »Verein ehemaliger Ungarn in Israel« war die erste Stimme, die die Aussiedlung als »Deportation« bezeichnete. Er forderte lautstark, Jerusalem solle sich vehement für die ungarischen Juden und die »Deportierten« einsetzen. Budapest drohte daraufhin, die Auswanderung ganz zu stoppen. Der Verein ehemaliger Ungarn in Israel fügte sich und wurde still.

In vielen Ländern der Welt – von Argentinien über Frankreich bis in die Vereinigten Staaten – wurde gegen die ungarische Regierung protestiert. Australien, das sich 1938 geweigert hatte, Juden aus Deutschland aufzunehmen, erklärte sich bereit, alle Ausgesiedelten aufzunehmen. Das britische Parlament debattierte heftig – mit dem Ergebnis, man könne den ungarischen Staat nicht daran hindern, seine eigenen Bürger auszusiedeln.
Die neuen Machthaber brauchten Wohnungen für Parteifunktionäre und
Geheimdienstkader.

US-Präsident Harry S. Truman gab am 27. Juli 1951 eine Stellungnahme gegen die ungarische Aussiedlung ab und forderte die Vereinten Nationen auf, Informationen darüber zu sammeln, wie die ungarische Regierung Menschenrechte unterdrücke.

ROTE ARMEE Die ausgesiedelten Juden wiesen darauf hin, dass sie wenige Jahre zuvor schon einmal deportiert worden waren. Manche steckten sich einen gelben Stern an. Die Schoa-Überlebenden waren schockiert. Denn sie hatten erlebt, wie nach der deutschen Besatzung das noch existierende Horthy-Regime die Juden der Provinz nach Auschwitz-Birkenau deportierte und wie nach der Machtergreifung der Pfeilkreuzler Juden massakriert wurden. Sie waren so dankbar gewesen für die Befreiung durch die Rote Armee – und waren jetzt doch wieder gefährdet.

Tatsächlich gab es unter den vertriebenen Juden nur wenige reiche Menschen. Das Durchschnittsalter der Ausgesiedelten betrug rund 60 Jahre. Viele hatten die Schoa erlebt sowie zwei Weltkriege, zwei Revolutionen, eine Konterrevolution, drei ausländische Besatzungen, diskriminierende Gesetze, Zwangsarbeit, Deportation, Massenexekutionen, Todesmärsche, Ghettos. Es waren endlos gequälte, gefolterte, kranke und seelisch verwundete Menschen.

Im Sommer 1953 durften die Ausgesiedelten in die Nähe von Budapest zurückkehren, und Ende des Jahres wurde ihnen erlaubt, wieder in die Hauptstadt zu ziehen.

Es vergingen 66 Jahre, bis der ungarische Staat im Sommer 2017 den Ausgesiedelten das Recht zubilligte, einen Schadensersatzanspruch geltend zu machen. Sie können einen monatlichen Rentenzuschlag erhalten. Von 30 Euro. Auf Antrag.

Nachruf

Erfinder des »Greenspeak«

Alan Greenspan prägte als Chef der US-Notenbank eine 19 Jahre währende Boom-Phase der Börsen und Konjunkturen

von Philip Fabian  23.06.2026

Nachruf

Clive Davis: Der Mann, der den Sound ganzer Generationen prägte, ist tot

Der jüdische Musikmanager entdeckte und förderte Bands und Künstler wie Earth, Wind & Fire, Chicago, Santana, Whitney Houston, Barry Manilow und Barbra Streisand

 23.06.2026

Uganda

Entebbe-Entführung 1976: Debatten um Linksterror und Antisemitismus

Vor 50 Jahren entführten zwei Deutsche und zwei Palästinenser einen Airbus aus Israel nach Uganda. Dabei sollen sie Geiseln nach antisemitischen Kriterien voneinander getrennt haben. Die Tat befeuerte das Unbehagen vieler Linker mit Gewalt

von Nils Sandrisser  22.06.2026

Kommentar

Wie Holger Friedrich und seine »Berliner Zeitung« Juden instrumentalisieren

Ob in der Debatte über den Umgang mit KI oder Kreml-Diktator Wladimir Putin: Der Verleger interessiert sich nur dann für Juden, wenn es seinen Interessen dient

von Matthias Meisner  19.06.2026

St. Petersburg

Im Licht der Weißen Nächte

Die Mitternachtsdämmerung des Nordens weckt Erinnerungen an Märchen und führt unseren Autor zurück in seine Kindheit im damaligen Leningrad

von Vladimir Vertlib  18.06.2026

Schweiz

Jugendlicher plante Blutbad

Der Prozess gegen einen Schüler, der einen Juden in Zürich töten wollte, beginnt am 1. Juli. Die Anklageschrift zeichnet das Bild eines sich früh radikalisierenden Jugendlichen

von Nicole Dreyfus  18.06.2026

USA

Nach antisemitischer Bewerbung: Rechtsextreme feiern Cornell-Studenten

Der 19-jährige Austin Franco wird für ein Praktikum von einem Softwareunternehmen der Brüder Gabe und Aiden Einhorn angenommen. Doch dann schreibt er, er sei »nicht daran interessiert, für einen Juden zu arbeiten«

 18.06.2026

Belarus

Antisemitische Ausfälle aus Minsk

Ein Interview des belarussischen Machthabers Alexander Lukaschenko belastet das bilaterale Verhältnis mit Israel

von Alexander Friedman  17.06.2026

Bonn/Berlin

»Habt keine Angst«: Zeitzeuge Marian Turski vor 100 Jahren geboren

Er gehörte zu den bekanntesten Schoa-Überlebenden. Seine Worte ermutigen viele Menschen auch über seinen Tod im Jahr 2025 hinaus. Zum 100. Geburtstag blickt ein Freund Turskis auf die Zukunft des Erinnerns

 16.06.2026