Kolumbien

Zugang verwehrt

Kein leichter Weg: Wer seine Religion wechseln möchte, hätte gern Zebrastreifen, um sicher auf die andere Seite zu gelangen. Foto: Reuters

Luis Alberto Prieto Vargas scheint Jude zu sein. Er trägt eine Kippa, er stellt sich als jüdisch vor. Vor drei Jahren unterzog sich der als Christ geborene Vargas einer Zeremonie, um offiziell zum Judentum überzutreten, nachdem er sich einige Jahre darauf vorbereitet hatte. Es fing an, als der jetzt 52-Jährige vor acht Jahren Mitglied einer Bewegung religiös Suchender in Bogotá wurde. »Die meisten in der Bewegung kamen wie ich vom Christentum«, berichtet Vargas. »Das Judentum war für uns die Antwort auf Fragen, die uns bedrängten.«

Doch Vargas’ Konversion hat einen entscheidenden Haken. Zuerst lehnten Kolumbiens orthodoxe Juden Vargas und rund 200 Mitstreiter als »Möchtegernjuden« ab. Vehement verweigerten sie jeglichen Umgang mit ihnen und verwehrten ihnen den Zugang zur Gemeinschaft.

Die Gruppe, die sich »Maim Haim« nennt (hebräisch für »lebendiges Wasser«), wandte sich an religiöse Autoritäten in Israel und hoffte, am Ende die Konversion zu erhalten. Doch ihre Bemühungen stießen auf Widerstand, als die orthodox-jüdische Führung Kolumbiens mit den rabbinischen Autoritäten in Israel Kontakt auf- nahm und sie vor der Anerkennung jener »Möchtegernkonvertiten« warnten.

Schließlich fand »Maim Haim« einen Rabbiner in Israel, der bereit war, ihre Mitglieder zu unterweisen. 2007 beriefen der Rabbiner und zwei seiner Kollegen ein Beit Din, ein jüdisches Religionsgericht, ein, vor dem 104 »Maim Haim«-Mitglieder, darunter Vargas, zum Judentum konvertierten. Doch noch immer weigern sich zahlreiche jüdische Institutionen in Kolumbien, sie als Mitglieder der jüdischen Gemeinschaft anzuerkennen.

dilemma Das Dilemma von »Maim Haim« unterstreicht die Schwierigkeiten, vor denen viele Konvertiten in Lateinamerika stehen, insbesondere jene, die als Gruppe übertreten oder auf eigene Faust zum Judentum kommen, statt sich an die örtlichen jüdischen Stellen zu wenden.

Rund 4.000 Juden leben in Kolumbien. Die jüdischen Gemeinden im Land befürchten, von Massenkonversionen überflutet zu werden. Viele bezweifeln, dass die Motive der Konvertiten aufrichtig sind. Sowohl in Israel als auch in Kolumbien werden sie oft mit Skepsis betrachtet. Man unterstellt ihnen, dass ihr Interesse eher der israelischen Staatsbürgerschaft als dem Judentum gilt.

Etwa 70 Prozent der Mitglieder von »Maim Haim« haben bei der Jewish Agency die Alija beantragt. Ihre Anträge wurden auf Eis gelegt, bis das israelische Oberrabbinat über die Aufrichtigkeit ihrer Motive entschieden hat.

»Es muss einen Filter geben«, sagt Alfredo Goldschmidt, Oberrabbiner von Kolumbien. Sein Land erlebe derzeit eine »Explosion« von Gruppen, die auf den Übertritt zum Judentum hofften. Als er 1974 in die Hauptstadt Bogotá kam, habe er im Durchschnitt einen Anruf pro Monat erhalten von Leuten, die an einer Konversion interessiert waren, sagt Goldschmidt. 1996 sei es bereits ein Anruf pro Woche gewesen. Vor etwa sieben Jahren schnellte die Quote auf zwei oder drei wöchentliche Telefonanrufe hoch. Goldschmidt glaubt, dass das Internet das Interesse am Judentum stark begünstigt habe. Viele, die ihre spirituelle Suche online durchführen, stoßen auf Rabbiner, die ihre Dienste im WorldWideWeb anbieten.

Vor einigen Monaten kamen Vertreter der neun jüdischen Gemeinden des Landes zusammen, um über die zahlreichen Konversionen zu debattieren und einen Weg zu finden, mit dem Phänomen umzugehen. »Die jüdischen Gemeinden in Lateinamerika sind der Herausforderung nicht gewachsen«, erklärte Marcos Peckel, Präsident der Vereinigung Jüdischer Gemeinden in Kolumbien. Es sei vorgekommen, sagt er, »dass die Anzahl der Menschen, die sich Konversionsprozessen unterziehen, größer war als die etablierte Gemeinde selbst. Dadurch würde sich deren Leben von Grund auf verändern.«
Akzeptanz Bis auf Weiteres befolgen die Mitglieder von »Maim Haim« die jüdischen Gesetze. Sie haben eine Torarolle angeschafft, halten Barmizwa-Zeremonien ab und holen einen Mohel aus Venezuela, wenn ein Neugeborener beschnitten werden soll. Da ihnen der Zugang zur Mikwe in Bogotá verwehrt ist, benutzt die Gemeinde einen Fluss außerhalb der Stadt als rituelles Bad.

Jede jüdische Institution müsse selbst darüber entscheiden, ob sie Mitglieder von »Maim Haim« anerkennen will oder nicht, meint Peckel. Die Gruppe selbst habe nicht das Verlangen geäußert, in die jüdischen Institutionen Kolumbiens aufgenommen zu werden.

»Sie beschlossen, eigenmächtig als Gruppe zu konvertieren und ihre eigene Gemeinde zu gründen«, erzählt Peckel. »Sie sind nicht konvertiert, um Mitglieder unserer Gemeinden zu werden. Und sie wurden von israelischen Rabbinern anerkannt, ohne die jüdischen Gemeinden Kolumbiens zu Rate zu ziehen.«

Allmählich jedoch gewinnt die Gemeinde von »Maim Haim« an Legitimität. Vor knapp einem Jahr bot ein jüdisches Gemeindezentrum in Bogotá der Gruppe die Nutzung seiner Räume an und lud sie zur Jom-Ha’azmaut-Feier ein. Und vor einigen Monaten nahmen »Maim Haim«-Mitglieder an einem Kurs teil, der von einem örtlichen Rabbiner geleitet wurde.

Fortschritte »Nach und nach öffnen sich die Türen der Gemeinschaft für uns«, sagt Vargas, dessen Sohn und zwei weitere Mitglieder von »Maim Haim« an einer Jeschiwa in Israel studieren. »Es ist schade, dass wir und andere Gruppen, die sich dem Konversionsprozess vollständig unterzogen haben, abgewiesen und von den Synagogen in ihrer Stadt immer noch nicht aufgenommen werden«, meint Jaime Eisenband, Präsident einer kolumbianischen jüdischen Institution, dem Baranquilla Philanthropic Israeli Center. Für ihn sei es eher eine soziale als eine religiöse Frage.

Auf der Konferenz der Vorsitzenden lateinamerikanischer und karibischer jüdischer Gemeinden vor einem Jahr in Cartagena klagte Vargas über die Schwierigkeiten der Konvertiten und derer, die gern übertreten möchten. Rabbiner Guillermo Bronstein aus der peruanischen Hauptstadt Lima sagte damals, die Frage der Konversionen sei eine politische Frage, die von der jüdischen Gemeinschaft als Ganzes behandelt werden müsse. »Wir sollten demütig sein«, sagte Bronstein. »Statt ein Urteil zu fällen über die Menschen, die jüdisch werden möchten, sollten wir uns an ihre Stelle versetzen.«

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