Polen

Zuflucht für eine Rabbinerin aus der Ukraine

Rabbinerin Julia Gris aus Odessa Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS

Die Kerzen hat Julia Gris vor ihrer Flucht noch schnell eingepackt. Am ersten Schabbat fern der Heimat fällt der Rabbinerin aus der Ukraine das Feiern schwer. »Es gibt so viele Tränen und so viel Schmerz«, sagt sie nach einem Gottesdienst nahe Warschau.

KERZEN In Polen hat Gris Zuflucht bei einem christlichen Paar gefunden. Für eine kleine Gruppe Gläubiger zündet die Rabbinerin die Schabbat-Kerzen in einem Gottesdienst vor Ort an, ihre 19-jährige Tochter Isolda spielt Gitarre und singt – so wie sie es zuhause auch in ihrer Reformgemeinde in Odessa taten.

Vorher schon wendet sich Gris in einem Online-Gottesdienst an ihre Glaubensbrüder und -schwestern aus der Ukraine, die der Krieg zersprengt hat. Viele flohen nach Moldawien, nach Rumänien oder nach Israel, andere sind geblieben, um ihre Heimat gegen die russischen Truppen zu verteidigen. Der Schmerz und das Leid treffe jene, die zurückgeblieben seien, umso mehr, sagt Julia Gris.

GRENZE Die 45-Jährige und ihre Tochter waren Dutzende Kilometer zu Fuß unterwegs, mit Koffern und ihren zwei Katzen. Sie warteten 40 Stunden ohne Wasser, Essen und Toiletten an der polnischen Grenze, bis sie passieren durften.

Rund 200.000 Mitglieder hat die jüdische Gemeinschaft in der Ukraine, viele von ihnen sind auf der Flucht vor dem Krieg. Dass sie ihrer Heimat den Rücken kehren, straft der russischen Behauptung Lügen, die Ukraine müsse »entnazifiziert« werden. Vielmehr hat sich die Ukraine unter Präsident Wolodymyr Selenskyj noch weiter geöffnet und eine pluralistische Gesellschaft hervorgebracht. Die jüdische Gemeinde ist eine der größten in Europa, Selenskyj ist selbst Jude.

AJC »Warum tut ein russisches Regime, das behauptet, die Ukraine «entnazifizieren» zu wollen, einem Land Gewalt an, das von einem demokratisch gewählten und stolzen Juden geführt wird?«, fragt David Harris, der Vorsitzende des American Jewish Committee (AJC), der in der vergangenen Woche Flüchtlinge in Polen besuchte.

Sie habe sich nie diskriminiert gefühlt, bekräftigt Gris. Vielmehr habe sie sich immer willkommen geheißen gefühlt, sagt die in Russland geborene Rabbinerin. Antisemitismus habe sie während ihrer 22 Jahre in der Ukraine nie erlebt.

Wie das AJC helfen auch andere jüdische Zusammenschlüsse bei und auf der Flucht. Sie seien für alle da, unabhängig von der Glaubenszugehörigkeit, betonen sie. Aber für manche Jüdinnen und Juden ist es besonders hilfreich, wenn sie aus den eigenen Reihen Unterstützung erhalten: Wenn es etwa darum geht, nach Israel zu gelangen oder auch nur darum, mit koscherem Essen versorgt werden.

JDC Die in New York ansässige jüdische Hilfsorganisation JDC beispielsweise hat nach eigenen Angaben schon Tausenden Juden bei der Flucht nach Moldawien geholfen und Tausende weitere unterstützt, die andere Nachbarländer der Ukraine erreicht haben, allen voran Polen.

Dort leidet Oberrabbiner Michael Schudrich mit den Menschen. Einige hätten vor, nach Israel weiter zu fliehen, sagt er. Andere wollten zu Angehörigen in Deutschland oder Großbritannien. Und wieder andere müssten nun entscheiden, wie es weitergehen soll, ob sie vielleicht in Polen bleiben.

Für Schudrich klingt die Entwicklung wie eine Umkehrung der schmerzhaften Geschichte des Landes: Vor 80 Jahren versuchten Juden verzweifelt, aus dem von Nazi-Deutschland besetzten Polen zu fliehen, jetzt suchen sie hier Zuflucht. »Die Kämpfe, die die Menschen ausfochten, die Trennung von Familien, sich Lebewohl zu sagen und nie zu wissen, ob man sich wiedersehen würde – und es meistens nicht tat«, zählt Schudrich auf. »Und jetzt zu wissen, dass Juden und andere nicht aus Polen flüchten, sondern nach Polen. Und wir, die kleine jüdische Gemeinde in Polen, können sie willkommen heißen.«

Für Rabbinerin Gris soll die Reise nach Großbritannien weitergehen. Ihre Ordination erhielt sie vom Leo Baeck College in London, sie hat Freunde und Kollegen in England, die sie unterstützen. Sie wisse nicht, wie es weitergeht und welche Folgen der Krieg hat, sagt Gris. Aber sie fürchte, dass das jüdische Leben in der Ukraine danach nicht mehr dasselbe sein werde. Und für sie selbst? Ihr Herz und ihre Seele seien in der Ukraine. Aber: »Ich weiß nicht, wann ich zurückgehen kann«, sagt sie und kämpft gegen Tränen an. »Oder ob ich überhaupt zurückkehre.« ap

Jerusalem

Großeltern umgebettet: Theodor Herzls letzter Wille ist erfüllt

Die Überreste von Schimon und Rikva Herzl, Vorfahren väterlicherseits des Zionismus-Begründers und prägende Gestalten in Theodor Herzls Jugend, wurden von Serbien nach Israel überführt und auf dem Herzlberg beigesetzt

 06.08.2026

Palma

Michael Douglas ist Ehrenbotschafter Mallorcas

Der Hollywood-Star mit jüdischem Familienhintergrund wird für seine enge Verbindung zu der spanischen Insel und sein Engagement für deren kulturelles Erbe geehrt

 06.08.2026

Frankreich

Eine Abrechnung mit dem Judenhass der neuen Linken

Nach 41 Jahren verlässt der anerkannte Journalist Jean Quatremer die beliebte Tageszeitung »Libération«. Er wirft Kollegen einen »entfesselten Antisemitismus« und eine ideologische Schreckensherrschaft vor

 06.08.2026

USA

Seitenwechsel

In Stanford hetzte Taryn Thomas auf Studentenprotesten gegen Israel. Dann sah sie die Nova-Ausstellung – und wurde zur »Verräterin«

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  06.08.2026

Großbritannien

Tories wegen Nominierung von Ex-Neonazi in der Kritik

Die Chefin der Konservativen Partei hält ihn für resozialisiert, doch die jüdische Labour-Politikerin Luciana Berger ist skeptisch, was eine Kandidatur des früheren Rechtsextremisten Joshua Bonehill-Paine bei der Kommunalwahl 2027 anging

von Michael Thaidigsmann  06.08.2026

Litauen

Bima der Großen Synagoge von Vilnius endlich freigelegt

Während die Ausgrabungen voranschreiten, geht die Debatte über die Zukunft des Ortes weiter. Soll dort ein Gemeindezentrum entstehen, ein religiöses Zentrum oder eine Erinnerungs- und Bildungsstätte?

 05.08.2026

Nachruf

Holocaust-Überlebender und Historiker Marģers Vestermanis mit 100 Jahren gestorben

Seine Eltern und Brüder und weitere Angehörige werden 1941 beim Massaker von Rumbula ermordet. Er selbst überlebte als einziges Familienmitglied. Nach dem Krieg wurde er Historiker

 03.08.2026

Frankreich

Rückkehr nach Rennes

Unweit vom Dreyfus-Museum führen Schüler am Originalort den Prozess auf. Neben beeindruckenden Landschaften bietet die Bretagne auch eine Lektion in jüdischer Geschichte

von Mark Feldon  02.08.2026

Russland

Der schweigende Oligarch

Roman Abramowitsch ist immer wieder Ziel antisemitischer Propaganda. Doch er ist auch regelmäßig zu Gast im Kreml. Eine Annäherung

von Alexander Friedman  02.08.2026