Wahl in London

Zünglein an der Urne

Rivalen: der Tory-Politiker Zac Goldsmith (l.) und Sadiq Khan von der Labour-Partei Foto: dpa

Wahl in London

Zünglein an der Urne

Die Bürgermeister-Kandidaten Zac Goldsmith und Sadiq Khan buhlen um die Gunst von Londons Juden

von Daniel Zylbersztajn  25.04.2016 17:20 Uhr

Am 5. Mai wählt London einen neuen Bürgermeister. Amtsinhaber Boris Johnson tritt nicht noch einmal an. Man kann nur wenige Unterschiede zwischen dem Labour-Kandidaten Sadiq Khan (45) und dem der Konservativen, Zac Goldsmith (41), ausmachen. Beide stehen für eine bessere Wohnungsbaupolitik, für mehr Sicherheit, weniger Luftverschmutzung und für gewisse Zusicherungen gegenüber der Londoner Geschäftswelt.

Muslim Khan, Sohn eines muslimischen Busfahrers aus Pakistan, versuchte von Anfang an, sich jüdischen Wählern gegenüber als ihr Kandidat zu präsentieren. Gerade als Muslim verstehe er die Anliegen der Londoner Juden, sagt er und erwähnt die beispielhafte Zusammenarbeit zwischen jüdischen und muslimischen Organisationen in religiösen Angelegenheiten wie dem Schächten.

Er nehme, wiederholt er oft, die Sicherheit jüdischer Menschen persönlich. Mit dem ehemaligen Labour-Bürgermeister Ken Livingstone, der unter Juden wenig beliebt war, sei er auf keinen Fall zu verwechseln, insistiert Khan. Er will sich massiv gegen den islamistischen Extremismus einsetzen, um die jüdische Gemeinschaft vor Antisemitismus zu schützen – mehr als je ein Bürgermeister zuvor, sagt er.

Goldsmith, der nichtjüdische Enkel eines jüdischen Millionärs und Politikers, bekannt für seinen Einsatz in Sachen Umweltschutz, hat sich den jüdischen Wählern eher spät zugewandt. Er brauchte sich nicht anzustrengen, um ihre Sympathie zu erringen. Dafür hatten Mitglieder der Labour-Partei von der Basis bis zur Spitze mit ihren Haltungen zu Israel und zu Juden gesorgt. Goldsmiths jüdischer Familienname und sein Credo als Vertreter von Londoner Geschäftsinteressen halfen ihm außerdem. Erst spät organisierte sein Wahlkampfteam rasche Blitzbesuche in jüdischen Gegenden samt einem hektisch heruntergeleierten Pessachgruß an Londons Juden im Internet.

Boykott Khan musste sich stattdessen plötzlich für allerlei Begebenheiten seiner Vergangenheit rechtfertigen. Zuerst wurde kolportiert, er hätte den Sozialisten Jeremy Corbyn zum Parteiführer nominiert. Dann verbreitete man, Khan habe 2009 während der Kämpfe zwischen der Hamas und Israel Boykottmaßnahmen gegen den jüdischen Staat befürwortet.

Wiederholt versicherte Khan, er habe seine Meinung zu Israel seitdem geändert. Boykotte trügen nichts zum Frieden bei, wie doch das Beispiel der israelischen Firma SodaStream zeige, die nach einem Umzug aus dem Westjordanland, um nicht mehr Objekt von Boykotten zu sein, alle palästinensischen Angestellten entlassen musste, weil sie nicht nach Israel einreisen durften. Er, Khan, wolle die Beziehungen zwischen den Großstädten London und Tel Aviv, die Boris Johnson geschaffen hat, weiterführen.

Anschuldigungen Doch damit nicht genug. Vergangene Woche feuerte Premierminister David Cameron im Unterhaus weitere Anschuldigungen aus dem Goldsmith-Lager gegen Khan. Viele in der Labour-Partei, sagte der Premier – und alle wussten, dass er diesmal darunter auch Khan meinte –, hätten immer wieder Assoziationsprobleme mit Personen, die extremistische Ansichten teilen.

Khan hatte als Menschenrechtsanwalt im Jahr 2001 kontroverse Judenhasser wie Louis Farrakhan verteidigt. Er argumentierte, dass dies seiner Rolle als Menschenrechtsanwalt geschuldet sei. Aber er tat es auch außerhalb dieser Funktion. So stand er als Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Liberty bei einer Veranstaltung gemeinsam mit einem Redner auf der Bühne, der mit Al-Qaida zusammengearbeitet hatte.

Labour feuerte zwar zurück, die Anspielungen hätten einen nahezu rassistischen Charakter, doch die Beschuldigungen zeigen bereits Wirkung. Fast alle von der Jüdischen Allgemeinen befragten jüdischen Wähler in Golders Green wollen Khan nicht zum Bürgermeister küren. Auch etliche Nichtjuden werden nun vorsichtiger sein mit ihrer Stimme.

Eigentlich sollten unter 8,5 Millionen Londonern rund 200.000 Juden nicht wirklich viel Einfluss auf das Wahlergebnis haben. Doch generelle Wahlmüdigkeit erklärt, warum die jüdischen Stimmen entscheidend sein könnten. Bei den letzten Bürgermeisterwahlen lag die Wahlbeteiligung bei gerade einmal 38 Prozent. Boris Johnson gewann damals mit nur 62.538 Stimmen.

Großbritannien

Angriff auf Ambulanzen

Eine iranisch-islamistische Terrorgruppe bekennt sich zu einem Anschlag auf den jüdischen Rettungsdienst Hatzola

von Daniel Zylbersztajn-Lewandowski  25.03.2026

Nachruf

Chuck Norris ist doch sterblich

Der Actionstar und Meme-König wurde 86 Jahre alt. Und war immer ein großer Freund Israels

von Sophie Albers Ben Chamo  25.03.2026

Russland

Kleines Haus, große Herausforderung

Einst trugen Schoa-Überlebende in Sankt Petersburg eine Ausstellung zusammen. Nun ist daraus ein Museum geworden, das auch jungen Menschen die jüdische Geschichte näherbringt

von Polina Kantor  24.03.2026

Belgien

Zwei Festnahmen nach Brandstiftung in Antwerpen

Zwei Minderjährige sollen an der Grenze zum jüdischen Viertel ein Auto angezündet haben

 24.03.2026

Großbritannien

Vier Krankenwagen vor Synagoge in Brand gesteckt

Die Londoner Polizei geht von einem antisemitischen Motiv aus

 23.03.2026

Journalismus

Neuer Georg Stefan Troller Preis ehrt Beiträge über jüdisches Leben

Er hat einst das Interview-Format revolutioniert. Ein neuer Journalisten-Preis wird im Namen des im September 2025 gestorbenen Schoa-Überlebenden Georg Stefan Troller ausgeschrieben

 20.03.2026

Irak

»Ich wurde von Idioten entführt«

903 Tage lang war die russisch-israelische Wissenschaftlerin Elizabeth Tsurkov als Geisel in der Gewalt pro-iranischer Terroristen. Dies ist ihre persönliche Feldstudie zur Brutalität autoritärer Regime

von Elizabeth Tsurkov  20.03.2026 Aktualisiert

New York

Zohran Mamdani missbraucht St. Patrick’s Day für Anklage gegen Israel

Elisha Wiesel wirft dem Bürgermeister vor, an dem irischen Feiertag »eine bösartige Ritualmordlegende gegen Juden« verbreitet zu haben, indem er behauptete, sie hätten in Gaza einen »Genozid« begangen

 19.03.2026

Interview

»Die Toleranz gegenüber kontroversen Filmen ist seit dem 7. Oktober gesunken«

Die 11. Ausgabe des jüdischen Filmfestival Yesh! will das Judentum in seiner ganzen Vielfalt und Widersprüchlichkeit zeigen

von Nicole Dreyfus  18.03.2026