Ungarn

Zündender Gedanke

Ohne Schweinegelatine: koschere Zündhölzer Foto: Attila Bari

Wer glaubt, dass man sich in Sachen koscher nicht etwas gänzlich Neues ausdenken kann, den belehren die jüdische Gemeinde in der südostungarischen Stadt Szeged und die dort ansässige Streichholzfabrik eines Besseren: Seit Juni bieten sie koschere Zündhölzer an – eine echte Weltneuheit.

»Schon seit einiger Zeit haben wir für den Export Streichhölzer für Schabbat und Chanukka hergestellt«, erzählt der Vertriebsleiter der Firma Europe Match, István Hegyes. »Das sind ganz normale Zündhölzer, nur eben in Aufmachungen, die sich auf diese feierlichen Anlässe beziehen.« So sei ihm der Gedanke gekommen, bei der örtlichen jüdischen Gemeinde, deren Mitglied er ist, zu fragen, ob sie auch Interesse daran hätten.

Gelatine Gemeindechef István Buk und Rabbinatsstudent Attila Kendrusz fanden das Angebot nicht nur gut, sondern haben gleich weitergedacht: Wie wäre es mit Streichhölzern, die koscher sind? Denn die Köpfe der herkömmlichen Zündhölzer enthalten als Bindematerial Schweinegelatine. Auf die Frage, warum solche Streichhölzer überhaupt nötig seien, denn sie haben ja nichts mit Speisen oder Getränken zu tun, erwidert Kendrusz: Ihn störe es, dass er Kerzen mit einem Utensil anfachen muss, das Schweineprodukte enthält. Er sehe in koscheren Streichhölzern eine Veredelung der Mizwa. Und aus Sicht der Nachhaltigkeit sei es ohnehin zeitgemäß, tierische Erzeugnisse so gut es geht zu vermeiden.

Den Chemikern des Betriebes ist es gelungen, für die Köpfe eine vegane Zündmasse zu entwickeln, die genauso gut funktioniert wie das herkömmliche Material. Ihre Zusammensetzung soll weltweit einmalig sein. Allerdings war damit bei Weitem nicht alles getan. Denn jeder einzelne Rohstoff musste vorschriftsmäßig geprüft und zertifiziert werden, man hatte entsprechende Räumlichkeiten eigens für die Lagerung und Herstellung einzurichten. Auch separate Geräte mussten angeschafft werden, die mit rituell unreinen Rohstoffen unter keinen Umständen in Berührung kommen dürfen. Am Schabbat wird selbstverständlich nicht gearbeitet. All dies wird von Attila Kendrusz strengstens überwacht. Die für die Endprodukte benötigten Koscher-Zertifikate wurden sowohl von der ungarischen als auch der israelischen Koscheraufsicht ausgestellt. Für das Holzmaterial und für die Schachteln gibt es keine Vorschriften.

EXPORT Wegen der strengen Vorgaben kann das Unternehmen, 1858 von dem jüdischen Industriellen János Neubauer gegründet, die extralangen Streichhölzer derzeit nur manuell herstellen, etwa eine halbe Million Schachteln pro Jahr. Laut Plan sollen 90 Prozent im Ausland Abnehmer finden, zum Beispiel in den Niederlanden, den USA oder in Israel.

Interessanterweise haben sich potenzielle Kunden auch aus arabischen Ländern gemeldet. »Ihnen geht es eher um die Qualität, denn ›koscher‹ bedeutet ja auch immer hochwertig«, meint Sales­manager Hegyes. »In der fabrikeigenen Druckerei können wir allen Designwünschen nachkommen, gern auch arabischen.«

Geschäftsführer Gábor Böröcz räumt ein, dass es bei aller Freude über das neue Produkt aber auch gewisse Bedenken gibt. »Denn wenn wir eines Tages Erfolg haben – und davon gehe ich aus –, könnten Nachahmer auf den Markt kommen.« Um dem vorzubeugen, hätten die Köpfe der Streichhölzer eine ungewöhnliche Farbe, die nicht so einfach gefälscht werden könne. Auch werde derzeit geprüft, ob man die koscheren Zündhölzer patentieren lassen kann.

Budapests Oberrabbiner Zoltán Radnóti ist begeistert. Die koscheren Streichhölzer »ermöglichen es jeder jüdischen Person, die den religiösen Geboten entsprechen möchte, sie in vollem Umfang einzuhalten, einschließlich der Chiddur Mizwa (Verschönerung der religiösen Gebote). Das Anzünden von Schabbat- oder anderen festlichen Kerzen wird durch die Hingabe zum Detail aufgewertet. Das koschere Streichholz, das nachweislich keine rituell unreinen (tame) Bestandteile enthält, kann dabei ab jetzt ein wichtiges Element werden«, schreibt Radnóti in seiner Empfehlung.

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