USA

Zehn Stunden durch Manhattan

Unterwegs in New York: Shoshana Roberts Foto: Screenshot JA

USA

Zehn Stunden durch Manhattan

Die Schauspielerin Shoshana Roberts dreht auf den Straßen New Yorks ein Video über sexuelle Belästigung

von Benjamin Moscovici  03.11.2014 18:38 Uhr

Die Schauspielerin Shoshana Roberts erhält Morddrohungen. Der Grund dafür: ein knapp zweiminütiges Video auf YouTube. Die 24-jährige Jüdin ließ sich zehn Stunden mit versteckter Kamera dabei filmen, wie sie durch New York läuft. Das Video zeigt eine Art Best-of der häufigsten, unangenehmsten und beängstigendsten Formen sexueller Belästigung, der sie während des Drehs begegnete.

»Das ist ein typischer Tag für mich«, erklärte Roberts kurz darauf in einem Interview mit dem Sender CNN. »Hey beautiful, hey sexy!« Anmachen wie diese, sogenanntes Catcalling, hat Roberts während des zehnstündigen Drehs mehr als 100-mal gehört – im Durchschnitt also fast alle fünf Minuten.

Kampagne »Es gehört zu meinem Job, mich mit sexueller Belästigung auseinanderzusetzen, aber als ich das Video zum ersten Mal gesehen habe, hat sich mein Magen umgedreht«, sagte Emily May, Direktorin der Organisation Hollaback!, der Nachrichtenagentur Reuters. Hollaback! – eine Bewegung, die sich weltweit gegen sexuelle Belästigung einsetzt – steht gemeinsam mit der Marketingagentur RobBlissCreative, die sich auf virale Videos und Werbekampagnen spezialisiert hat, hinter Shoshana Roberts Projekt. Mehr als 31 Millionen Menschen haben sich das Video in den vergangenen Tagen auf YouTube angeschaut. Die Reaktionen sind gespalten.

Die einen sehen in dem Video nur freundlich gemeinte Komplimente und eine vertrocknete, Männer hassende Feministin, die sich zwar Aufmerksamkeit wünscht, aber nicht damit umgehen kann. Einige behaupten auch, Roberts hätte sich zu aufreizend gekleidet. Tatsächlich trägt die Schauspielerin eine schwarze Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit engem Rundkragen. Ihr Blick und ihr Gang sagen deutlich: »Lass mich in Ruhe, ich bin unterwegs!«

Dass sie dennoch derartig belästigt wird, gilt der großen Mehrheit als Beweis für ein riesiges gesellschaftliches Problem: Frauen können sich nur eingeschränkt frei bewegen und leben unter der permanenten Angst vor einem Übergriff. In dem Video wird Roberts volle fünf Minuten von einem Mann verfolgt, der direkt neben ihr geht und sich von ihrem abweisenden Schweigen nicht beeindrucken lässt. Hier sind sich fast alle Kommentatoren einig: So ein Verhalten erzeugt eine Atmosphäre der Angst und Bedrohung, die völlig inakzeptabel sei.

Vergewaltigung »Leider war ich selbst einmal Opfer eines sexuellen Übergriffs«, sagt Roberts. Diese Erfahrung durchlebe sie in solchen Momenten immer wieder aufs Neue. Vielen Frauen dürfte es ähnlich gehen. Laut der Menschenrechtsorganisation RAINN ist etwa jede sechste Amerikanerin schon einmal Opfer einer versuchten oder erfolgten Vergewaltigung geworden.

Dass das Video einen wunden Punkt trifft, belegen nicht nur die vielen Medienberichte, sondern auch die teils heftigen Reaktionen im Internet. Unter dem YouTube-Video finden sich fast 120.000 Kommentare. Auf Twitter erhielt Roberts Morddrohungen, andere drohten ihr mit Vergewaltigung. Selbst Moderatoren einiger amerikanischer Talkshows spielen die Dramatik sexueller Belästigung herunter. Hollaback! erklärte daraufhin vergangene Woche in einem Statement: »Wenn Frauen sichtbar sind, sowohl online als auch offline, erleben sie Belästigung. Und sobald Frauen einen Wandel fordern, begegnen sie brutalen Forderungen, sich wieder unsichtbar zu machen.«

Shoshana Roberts lässt sich nicht leicht einschüchtern. Seit ihrem neunten Lebensjahr macht sie Kampfsport, inzwischen hat sie unter anderem den schwarzen Gürtel in Taekwondo. Sie spricht Englisch, Hebräisch und Spanisch. Ihr gesamtes Auftreten wirkt offen und selbstbewusst – sie ist eine normale junge Frau, die versucht, sich als Schauspielerin in New York durchzusetzen. »Zum Glück habe ich inzwischen ein deutlich dickeres Fell entwickelt«, erklärt sie. »Aber ich bin immer noch sehr ängstlich.« Das Video und die Reaktionen darauf zeigen deutlich, dass diese Angst nicht unbegründet ist.

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Nachruf

Barney Frank mit 86 Jahren gestorben

Als liberale Stimme im Washingtoner Kongress prägte der jüdische Abgeordnete der Demokraten sowohl die Debatten über Finanzmarktregulierung als auch über die Rechte von Homosexuellen

 20.05.2026

Spanien

Mordverdacht: Sohn von Mango-Gründer festgenommen

Die Polizei in Katalonien hat Medienberichten zufolge den Sohn des Mango-Gründers und Philanthropen Isaak Andic festgenommen. Jonathan Andic war als einziger dabei, als sein Vater im Dezember 2024 einen Abhang hinunterstürzte

 19.05.2026

Washington D.C.

Abgeordneter Jared Moskowitz erhält antisemitisch motivierte Morddrohungen

In Zuschriften wird der Demokrat unter anderem als »zionistisches, jüdisches verdammtes Schwein« (»zionist Jewish fucking pig«) beschimpft. Er ist nicht der einzige jüdische Politiker in den USA, der bedroht wird

 19.05.2026

London

Israeli in Golders Green zusammengeschlagen

Der 22-Jährige wurde über die Straße gezerrt und geschlagen, bis er beinahe das Bewusstsein verlor

 19.05.2026

Kanada

Kritik an Pro-Terror-Konferenz in Toronto

Die Veranstaltung soll die Massaker vom 7. Oktober 2023 würdigen und wird von verbotenen Organisationen getragen

 18.05.2026

Großbritannien

Ausstellung zu Hamas-Massaker wegen Sicherheitsbedenken ohne Hinweisschild

Die Polizei will den genauen Standort der Schau möglichst lange geheim halten. Anti-Terror-Einheiten sind in den Schutz der Präsentation über den Terror des 7. Oktobers eingebunden

 18.05.2026

Frankreich

Das Glück, wenn ich es will

Gérard Blitz und Gilbert Trigano gründeten einst den Club Méditerranée. Und eine Utopie der Gemeinsamkeit aus der Nachkriegszeit wurde zum Trend

von Mark Feldon  17.05.2026

Hollywood

Der unaufgeregte Glam der Zoë Kravitz

Die Tochter berühmter Eltern hat sich eine eigene Karriere aufgebaut – und ist stolz auf ihre afroamerikanischen und jüdischen Wurzeln

von Nicole Dreyfus  17.05.2026