Krieg

Wo geholfen wird

Warten auf die Weiterreise: Flüchtlinge aus Charkiw in der Großen Synagoge »Goldene Rose« in der Stadt Dnipro (6. März) Foto: picture alliance / AA

Religiöse Juden waren schon immer geneigt, im Judentum die Schlüssel zum Verständnis zeitgenössischer Ereignisse zu finden. So gibt es unter sowjetischen Juden die Legende, dass nur ein Wunder, das an Purim 1953 geschah, die Menschen gerettet hat: Der sowjetische Diktator Josef Stalin startete in seinen letzten Lebensjahren eine wilde antisemitische Kampagne, deren Höhepunkt die Deportation der Juden in den Fernen Osten sein sollte. Doch am 1. März, dem Vorabend von Purim, brach der Tyrann in seinem Büro zusammen. Die Anhänger von Chabad sind sich sicher, dass dies als Folge eines besonderen Rituals des Lubawitscher Rebben geschah.

Historiker sehen dies natürlich anders. Aber in solchen Fällen kann die Logik der Reproduktion mythologischer Bewusstseinsmuster manchmal überzeugender sein als trockene historische Fakten.

tradition In diesem Jahr haben sogar jene Mitglieder der ukrainischen jüdischen Gemeinde, die sich sonst von der religiösen Tradition fernhalten, Purim mit einem besonderen Gefühl gefeiert. Das Fest, an dem wir die Rettung vor der drohenden Vernichtung feiern, hat in einer Situation, in der neue Tyrannen versuchen, uns zu vernichten, zusätzliche Bedeutung erlangt.

Die Große Synagoge »Goldene Rose« in Dnipro ist an Feiertagen immer gut gefüllt, in diesem Jahr war sie jedoch regelrecht überfüllt. In der Synagoge und dem benachbarten riesigen Menora-Gemeindezentrum hielten sich Hunderte Flüchtlinge, vor allem aus Charkiw und Städten in der Region Donezk, auf.

Die Gemeinde in Dnipro nimmt alle Flüchtlinge auf, man fragt nicht nach Herkunft und Religion. Doch kommen vor allem auch jüdische Flüchtlinge, sie zieht es in der Fremde zuerst in die Synagoge. Und so haben viele von ihnen vergangene Woche zum ersten Mal in ihrem Leben die Lesung der Megillat Esther gehört, denn das postsowjetische Judentum ist normalerweise wenig religiös.

zerstörung Der Karnevalsbezug des Feiertags wurde in diesem Jahr auf ein Minimum reduziert. In Anwesenheit von Flüchtlingen und vor dem Hintergrund täglicher Berichte von Tod und Zerstörung ist es schwierig, sich ungezügelter Freude hinzugeben.

Noch nie war die Große Synagoge in Dnipro so voll wie dieses Jahr an Purim.

Eine traditionelle Purim-Atmosphäre zu schaffen, wurde auch dadurch erschwert, dass es seit Beginn des Krieges im ganzen Land verboten ist, Alkohol zu verkaufen. Doch dies hinderte die Anwesenden nicht daran, aus tiefstem Herzen »Verdammter Haman!« auszurufen. Diesmal war mit dem Bösen Russlands Präsident Wladimir Putin gemeint, der gerade ein grausames Menschheitsverbrechen begeht.

In seiner Rede am Sonntag vor der Knesset hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj Parallelen zum Holocaust gezogen. Man spreche in Moskau von »Endlösung« und von der »Ukrainischen Frage«, sagte er. In Israel stießen Selenskyjs Worte auf Zurückhaltung.

»Nie wieder!« Vielleicht ist er tatsächlich zu weit gegangen. Aber kann man es ihm angesichts der aktuellen Situation verdenken, dass er überall, wo er Politiker um Unterstützung anfleht, einen für das entsprechende Land charakteristischen Kern hervorhebt? Die Amerikaner erinnert er an Pearl Harbor, vor dem britischen Publikum zitiert er Winston Churchills berühmte Rede »Wir werden niemals kapitulieren«, die Deutschen erinnert er an »Nie wieder!« und die Mauer.

Selenskyjs Appell ist weit mehr als der Wunsch, ein passendes Bild zu finden. Und es geht auch nicht nur um die jüdische Herkunft und Identität von Wolodymyr Selenskyj. »Jüdisch« und »ukrainisch« vermischen sich in diesem Krieg. Nicht nur in Dnipro, sondern im ganzen Land sind Synagogen zu Zufluchtsorten für Flüchtlinge geworden, und jüdische Organisationen haben sich innerhalb weniger Wochen zu aktiven Teilen der ukrainischen Zivilgesellschaft entwickelt. Sie reagieren manchmal stärker auf die kriegsbedingten Bedürfnisse der Menschen als der Staat.

Das Land ist zu einem riesigen Ameisenhaufen geworden, in dem sich Menschen aus eigener Initiative selbst organisieren und Netzwerke des zivilen Widerstands schaffen.

Das Land ist zu einem riesigen Ameisenhaufen geworden, in dem sich Menschen aus eigener Initiative selbst organisieren und Netzwerke des zivilen Widerstands schaffen. Jüdische Aktivisten helfen in Aufnahmezentren für Flüchtlinge und bringen Medikamente in Krankenhäuser. Jüdische Gemeindegruppen organisieren die Evakuierung von schwer zugänglichen Orten, an denen Kämpfe stattfinden. Jüdische Freiwillige liefern Helme und kugelsichere Westen an Einheiten der Territorialverteidigung. Vergangene Woche haben sie die Kämpfer, unter denen auch Juden sind, mit Hamantaschen bewirtet.

Russische Bomben und Granaten fliegen auf Synagogen, auf jüdische Schulen und auf Jeschiwot. In Charkiw, Mariupol, Tschernihiw und in Sumy. Die russische Armee wählt nicht speziell jüdische Objekte zur Zerstörung aus. Sie macht einfach systematisch ukrainische Städte dem Erdboden gleich. Russische Bomben haben es nicht speziell auf Juden abgesehen. Sie machen sich nicht die Mühe zu zielen, sie töten wahllos.

bomben So haben die Russen den 96-jährigen KZ-Überlebenden Boris Romantschenko auch nicht gezielt ins Visier genommen. Sein Wohnhaus wurde durch eine russische Bombe in Charkiw vollständig zerstört. Auch das Büro der jüdischen Studentenorganisation Hillel war kein ausgewähltes Ziel des russischen Projektils. Es hatte einfach das Pech, im Zentrum der Stadt zu liegen. Und der junge Hillel-Aktivist Serafim Sabaranskiy, der sich zu einer Militäreinheit gemeldet hatte, kam nicht ums Leben, weil er Jude, sondern weil er auch Ukrainer war.

Jeder Jude kann den Inhalt der Esther-Rolle auf eigene Weise interpretieren. Ich ziehe aus der Purimgeschichte die Lektion, dass es notwendig ist, zum Widerstand bereit zu sein. Nachdem der persische König von Hamans Plan erfahren hat, die jüdische Gemeinde auszurotten, gibt er nicht den Befehl, den Bösewicht zu verhaften, und er schickt auch keine Armee, um die Juden zu verteidigen. Nein, er erlaubt ihnen, sich zu verteidigen. Dadurch erringen die Juden selbst den Sieg. Haman und seine Komplizen planten ein Massaker an hilflosen Juden und erwarteten nicht, dass sie sich verteidigen würden.

Dies erinnert sehr an die aktuellen Ereignisse, die sich vor unseren Augen abspielen. Ukrainische Juden werden sich für den Rest ihres Lebens an Purim 5782 erinnern. Wenn sie überleben.

Der Autor ist Historiker und Journalist. Er dokumentiert die aktuellen Kriegsverbrechen in der Ukraine.

Korrektur:
Anders als in einer früheren Version geschrieben, war der 96-jährige Boris Romantschenko, der bei einem russischen Bombenangriff in Charkiw ums Leben kam, kein Schoa-Überlebender, aber er war in den Konzentrationslagern Buchenwald, Mittelbau-Dora und Bergen-Belsen interniert. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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