Niederlande

Winterswijks Erbe retten

Ende des 19. Jahrhunderts errichtet: Synagoge im niederländischen Städtchen Winterswijk an der deutschen Grenze Foto: Mirjam Schwarz

Für einen Amsterdamer liegt die Gemeinde Winterswijk im Osten des Landes, an der Grenze zu Deutschland, ganz weit weg: Mehr als 150 Kilometer sind es von der Hauptstadt aus. Aber die Winterswijker stört das nicht. Sie leben in einer beschaulichen Bilderbuchlandschaft und genießen ihre Ruhe.

Winterswijk ist seit Langem auch das Zuhause einer sehr kleinen jüdischen Gemeinde. Deren größte Sorge ist, wie es mit ihrer fast 135 Jahre alten Synagoge weitergehen soll, wenn sie eines Tages nicht mehr da sind, denn Zuwachs für die Gemeinde wird es auf absehbare Zeit nicht geben.

Lösung Inzwischen hat sich eine Lösung gefunden. »Die Synagoge ist eigentlich ein großer Komplex, bestehend aus einer Synagoge, einer Mikwe, einer kleinen Schule, dem ehemaligen Wohnhaus des Rabbiners und einem Friedhof«, erzählt Mirjam Schwarz, die Gemeindevorsitzende. Die Instandhal­tung kostet einiges, doch das kann die kleine jüdische Gemeinde finanziell nicht stemmen – »wir sind ja nur acht oder neun, alles ältere Leute«, schildert sie die Situation.

Mirjam Schwarz hatte sich schon früher Gedanken gemacht über die Nutzung der Synagoge, denn Gottesdienste finden dort schon länger nicht mehr statt, schließlich bekommt man keinen Minjan zusammen.

Da kam die Vorsitzende auf die Idee, eine Stiftung zu gründen, um die Synagoge auch für Kulturveranstaltungen zu nutzen und Wissen über das Judentum zu vermitteln. Und so wurde 2012 die »Stichting Winterswijkse Synagoge« gegründet, deren Kassenwartin Schwarz ist. »In dieser Stiftung arbeiten jüdische und nichtjüdische Winterswijker zusammen. Wir sind alle der Ansicht, dass die Synagoge nicht nur jüdisches, sondern generell Winterswijker Erbe ist und deshalb geschützt und benutzt werden soll.«

Bis die Corona-Pandemie das öffentliche Leben lahmlegte, kamen allein aus dem benachbarten Deutschland jedes Jahr an die 40 Schulklassen, um sich die Synagoge anzusehen.

So kamen, bis die Corona-Pandemie das öffentliche Leben lahmlegte, allein aus dem benachbarten Deutschland jedes Jahr an die 40 Schulklassen, um sich die Synagoge anzusehen und über das Judentum zu lernen. Damit verbunden waren auch Einnahmen – doch bei Weitem nicht genug für die Instandsetzung des Komplexes.

Da dachte sich Mirjam Schwarz, es müsse doch Wege geben, um die Wartung des Gebäudes sozusagen zu vergeben, ohne den jüdischen Charakter des Komplexes zu beeinträchtigen. So wandte sie sich vor sechs Jahren an eine regionale Stiftung, die für den Erhalt alter Kirchen in der Provinz Gelderland sorgt.

»Aber diese Möglichkeit erwies sich als schwierig für unsere kleine Gemeinde. Denn die Stiftung ›Oude Gelderse Kerken‹ verlangte 35.000 Euro, um die ersten anfallenden Baukosten zu bestreiten. Das mag gerechtfertigt sein, aber uns fehlte diese Summe.«

INstandsetzung Doch in Winterswijk – das Städtchen zählt knapp 30.000 Einwohner – kennt jeder fast jeden, und im Freundeskreis von Mirjam Schwarz gab es eine wohlhabendere Familie, die sehr an ihrer Heimat hängt. Nach einigem freundlichen Austausch einigte man sich, eine neue Stiftung zu gründen, die »Stichting Cultuurbehoud Achterhoek«, die die Synagoge für einen symbolischen Betrag kaufen und sich um die Instandsetzung kümmern würde.

Damit war die Sache aber noch nicht vollends geklärt, denn auch die jüdische Dachorganisation Nederlands-Israëlitisch Kerkgenootschap (NIK), der die Winterswijker Gemeinde untersteht, wollte gehört werden. Der jüdische Charakter der Synagoge solle auch in Zukunft gewährleistet sein, hieß es zu Recht. »Dadurch zog es sich dann ein wenig in die Länge«, sagt Schwarz. Doch letztendlich war die NIK einverstanden, und alles konnte rechtlich geregelt werden.

So wurde die Synagoge am 31. Dezember 2020 an die Stichting Cultuurbehoud Achterhoek übertragen. Doch wegen der Corona-Pandemie konnte dies erst im Oktober mit einem Festakt gefeiert werden.

FRAUENBALKON Jetzt, da sich Mirjam Schwarz den Kopf nicht mehr über die Instandhaltung des Gebäudes zerbrechen muss, kann sie sich anderen Dingen zuwenden, zum Beispiel, den Frauenbalkon zu rekonstruieren. »Er ist im Zweiten Weltkrieg abgerissen worden, wie auch alle Gegenstände der Synagoge wegkamen und teilweise verloren gegangen sind. Nach dem Krieg stand da nur noch eine leere Hülle.«

Der Balkon ist teilweise rekonstruiert worden und soll jetzt möglicherweise wieder vollständig aufgebaut werden. Mirjam Schwarz und ihre Mitstreiterinnen denken darüber nach, dort eine Ausstellung über jüdisches Leben in Winterswijk einzurichten. Und sie planen auch schon Lesungen im nächsten Jahr.

»Trotz allem bleibt die Schul aber in erster Linie eine jüdische Einrichtung«, betont Schwarz. Darum wird sie in Zukunft am Schabbat geschlossen sein. Wir freuen uns, in unserer schön restaurierten Synagoge bald wieder Schulklassen aus Deutschland zu empfangen. Nur nicht samstags!»

Bonn/Berlin

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