Niederlande

Wilders’ Widersacher

Arbeitsminister Lodewijk Asscher (42) Foto: dpa

Am Anfang stand eine Ansage, die es in sich hatte: »Dies ist der Beginn des Kampfes um die Niederlande«, sagte Lodewijk Asscher, nachdem ihn die Mitglieder der Partij van de Arbeid (PvdA) im Dezember zum Spitzenkandidaten gewählt hatten. Im Wahlkampf verspricht Asscher »ein Land, auf das alle stolz sein können«, er möchte »eine progressive Antwort auf Wilders« sein und beklagt, es werde »zu viel geschrien und zu wenig aufeinander gehört«.

Man könnte meinen, die Geschichte wiederhole sich: Wieder einmal versuchen die gebeutelten Sozialdemokraten, die Folgen einer ungeliebten Koalition von sich abzuschütteln. Die unzufriedene Basis soll nun endlich erhört werden, nachdem man als Juniorpartnerin der neoliberalen Volkspartij voor Vrijheid en Democratie (VVD) von Premier Mark Rutte vier Jahre lang Sparmaßnahmen und Austerität vorangestellt hat.

Amsterdam Wieder einmal rückt man zusammen und beschwört die eigenen Werte. Und erneut ist ein Politiker mit jüdischen Wurzeln das Gesicht dieses Aufbruchs: 2010 war es Amsterdams ehemaliger Bürgermeister Job Cohen, nun soll Lodewijk Asscher die Sozialdemokraten neu in Schwung bringen. Was freilich eine heikle Mission ist, denn die PvdA, seit Jahren in einem inneren Konflikt über ihre Ausrichtung gefangen, könnte laut Umfragen auf unter zehn Prozent abstürzen.

Asscher, ein 42-jähriger Jurist, stammt väterlicherseits aus einer Familie, die seit dem 19. Jahrhundert den Amsterdamer Diamanthandel geprägt hat. Vor allem in jüdischen Kreisen verbindet man mit dem Namen Asschers Urgroßvater Abraham. Der war als Vorsitzender des von den deutschen Besatzern eingesetzten »Jüdischen Rates« an den Deportationen der niederländischen Juden beteiligt. Nach der Befreiung wurde Abraham Asscher von allen Funktionen in der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen.

»Viele Menschen haben noch immer Verdruss, wenn sie den Namen Asscher hören«, räumte der Spitzenkandidat 2015 gegenüber dem Amsterdamer Nieuw Israëlitisch Weekblad (NIW) ein. Über die eigene Identität sagte Lodewijk Asscher: »Ich bin überhaupt nicht jüdisch. Ich habe zwar einen jüdischen Hintergrund, aber das ist nichts, womit ich mich profiliere.« Zugleich bekennt er sich zur »wichtigen Verantwortung, in Westeuropa dafür zu sorgen, dass die jüdische Gemeinschaft in Frieden und Sicherheit leben kann«.

Slogan Bei der Parlamentswahl am 15. März tritt Asscher unter dem Slogan »Zusammen voraus« an. Im Wahlprogramm betont er Chancengleichheit und gesellschaftliche Gemeinsamkeit, im Gegensatz zur fortgeschrittenen Polarisierung. Von Letzterer zeugt nicht zuletzt die Spitzenposition, die die identitäre Partij voor de Vrijheid (PVV) von Geert Wilders seit mehr als einem Jahr in den Umfragen einnimmt.

»Ich bin davon überzeugt, dass diese Zeit nach einem anderen Kurs verlangt.« Es gehe um »soziale Ökonomie und eine anständige Gesellschaft«, so Lodewijk Asscher nach seiner Nominierung im Dezember. Dieser Auffassung folgend hat er, der momentan als Vizepremier und Arbeitsminister amtiert, sich als Spitzenkandidat ins Rennen begeben.

Dass die Aufgabe keine leichte ist, zeigt sich allein schon an den jüdischen Wählern. »Die klassische jüdische Wählerschaft der Sozialdemokraten ist nach dem Krieg allmählich verschwunden«, erklärt Paul Damen, Kolumnist des Nieuw Israëlitisch Weekblad. »Für linke Juden ist Asscher wegen seiner Rolle in der aktuellen Regierung nicht attraktiv. Und bei vielen Älteren hat er immer noch ein Problem wegen seines Namens.«

Gemeinschaft Oberrabbiner Binyomin Jacobs weist auf eine andere Besonderheit bei Politikern jüdischer Herkunft hin: »Job Cohen erzählte mir einmal, er hätte sich ständig gesorgt, man könnte meinen, er stehe der jüdischen Gemeinschaft zu nah.« Cohen, der sich selbst eher als »freisinnig« bezeichnet, fiel deshalb in keinem seiner Ämter durch besondere Nähe zu jüdischen Institutionen auf.

Was Asscher betrifft, dürften viele Wähler Oberrabbiner Jacobs zustimmen: »Ich lasse mich nicht von seiner jüdischen Herkunft leiten, sondern von seinen politischen Standpunkten.«

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