Rumänien

Wenn das Bethaus zum Kino wird

Blick ins Innere: Synagoge Medias Foto: Igal Avidan

Die schöne Esther ist die Prinzessin des Schtetls. Ihr Vater, der Schuhmacher Nuchem, bemüht sich um einen wohlhabenden Bräutigam. Doch Esther hat bereits einen Verehrer, den einsamen Wanderer Getzel, der bei Nuchem Arbeit findet und alle in seinen Bann zieht mit Zaubertricks und seinem Schauspieltalent. Bei einem festlichen Abendessen zu Ehren der Familie des künftigen Bräutigams soll er für Nuchem in einem Purimspiel mitwirken.

Den jiddischen Film Das Purimspiel drehte Jospeh Green 1937 in Polen. Die Vorführung in der rumänischen Kleinstadt Medias in Siebenbürgen war einer der Höhepunkte des ersten Medias Central European Film Festival im vergangenen Monat. Dabei wurden acht jiddische Klassiker aus den 20er‐ und 30er‐Jahren im Vorraum der seit Langem geschlossenen Synagoge gezeigt. Den heruntergekommenen Betsaal konnten die Zuschauer nur sehen, aber nicht betreten.

Viele Zuschauer sahen zum ersten Mal einen Film auf Jiddisch. Sie dachten an die in der Schoa ermordeten Darsteller und erfuhren, dass die Nazis die Purimspielszene für ihren antisemitischen Propagandafilm Der ewige Jude verwendeten.

Siebenbürgen Ins Leben gerufen hat das Filmfestival Radu Gabrea, einer der bekanntesten rumänischen Filmemacher. Seit 30 Jahren dreht er häufig auch Streifen zu jüdischen Themen. In Medias stieß er auf das beeindruckende kulturelle Erbe der Siebenbürgen‐Deutschen und der kleinen prosperierenden und gut integrierten jüdischen Gemeinde, die niemals verfolgt wurde. Im örtlichen Bürgermeister Teodor Neamtu, der Touristen in die von hoher Arbeitslosigkeit geplagte Stadt locken möchte (und gerade eine Städtepartnerschaft in Israel sucht), fand er einen engagierten Partner.

Durch seine deutsche Mutter ist Gabrea Siebenbürgen sehr verbunden. Hier verbrachte er viel Zeit als Jugendlicher und später als Filmemacher. Er wolle sich hier auf Mitteleuropa konzentrieren, sagt er. »Die Gegend war der Mittelpunkt für die ganze europäische Kultur.« Sehr viele Schriftsteller stammten von hier. »Dutzende von ihnen waren jüdisch, zum Beispiel Franz Kafka, Paul Celan, Joseph Roth. Darüber hinaus war Jiddisch die Lingua franca von Lemberg bis Triest.« Sieben Filme aus Rumänien, Polen, Ungarn, Österreich, Tschechien, der Slowakei und Slowenien, die in ihren Herkunftsländern bereits ausgezeichnet wurden, konkurrierten in Medias um die Goldene Traube.

Horatanzen Das siebentägige Kulturfest begann mit dem österreichischen Film Mahler on the Couch von Percy und Felix Adlon. Es wurde der Publikumsliebling. Eine Reihe israelischer Filme ergänzte das Programm. Der Streifen Gei Oni, eine dramatische Geschichte um die zionistischen Pioniere zu Beginn des 20. Jahrhunderts, erhielt den Sonderpreis der Jury. Zum Abschluss des Festivals spielte eine jüdisch‐rumänische Klezmerband, und es kam zu einem spontanen Horatanz auf dem Marktplatz der Kleinstadt.

Seit er den »fantastischen Raum« der Synagoge zum ersten Mal sah, träumte Gabrea davon, hier Filme zu zeigen. Seit Jahrzehnten haben in dem großen sandfarbenen Gebäude keine Gottesdienste mehr stattgefunden. Gabrea fragte bei der jüdischen Dachorganisation und der benachbarten Gemeinde in Sibiu an. Doch keiner sagte ihm, dass das Gebäude immer noch heilig sei, denn es gebe ja da keine Torarolle mehr.

Den Synagogenvorraum, in dem die Filme gezeigt wurden, ließ Gabrea renovieren. »Als der Berater der rumänischen Rabbinerkonferenz mir während des Festivals sagte, ich solle die Aufführungen am Freitagabend und Samstag an einen anderen Ort verlegen, habe ich das getan.« Gabrea ist überzeugt: »Im nächsten Jahr kehren wir an diesen Ort zurück.«

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