Kuba

Weißes Haus in Havanna

Es gibt Ecken der kubanischen Hauptstadt, in die verirren sich Touristen eher selten. Dazu zählt das Viertel Nuevo Vedado, eine ruhige Wohngegend, die neben einigen Botschaften und Konsulaten eine vielfältige Mischung aus Künstlern, Prominenten und ganz normalen Arbeitern und Angestellten angezogen hat. Der Almendares-Fluss und der Stadtwald von Havanna sind in der Nähe; und die Hektik der Innenstadt zwar nur wenige Fahrminuten entfernt, aber doch weit genug weg.

Ein paar Touristen könnte es dann aber doch in die Gegend verschlagen. Und wenn es nach Saúl Berenthal geht, werden sie ganz sicher in die Gegend kommen. Er und seine Familie betreiben in Nuevo Vedado unweit des Zoologischen Gartens das »Chateau Blanc« – Kubas erstes und einziges koscheres Hotel.

GESCHICHTE Berenthal ist ein drahtiger, energischer End-70er mit randloser Brille, der einem Roman entsprungen sein könnte. Er bezeichnet sich selbst als »Jewban«, als kubanischen Juden. Seine Biografie ist buchreif. Sie verkörpert einen guten Teil der kubanisch-amerikanischen Beziehungen der vergangenen Jahrzehnte.

Geboren wurde Berenthal 1944 in Havanna. Seine Eltern haben sich auf der Insel kennengelernt. Berenthals Mutter und ihr Bruder waren vor den Nazis aus Polen nach Kuba geflüchtet. Die Großeltern väterlicherseits wiederum waren mit ihren sieben Kindern vor dem Holocaust aus Rumänien geflohen.

Nach dem Triumph der Revolution emigrierte Berenthals Familie 1960 in die USA. Damals lebten rund 15.000 Juden auf Kuba. Doch rund 90 Prozent von ihnen verließen in jenen Jahren die Insel. In den USA studierte Berenthal Physik und Mathematik und arbeitete dann viele Jahre lang für das IT- und Beratungsunternehmen IBM.

auswanderung Fast 50 Jahre nach seiner Auswanderung kehrte Berenthal nach Kuba zurück. Im Jahr 2007 beschloss er, seinen Kindern seine Wurzeln zu zeigen. Eine sehr emotionale Reise, wie er sagt. Später beteiligte er sich am Wiederaufbau der jüdischen Gemeinde in Kuba. Sie hat heute wieder rund 1500 Mitglieder, davon rund 1100 in Havanna.

Als die Präsidenten der USA und Kubas, Barack Obama und Raúl Castro, im Dezember 2014 die Annäherung zwischen beiden Ländern verkündeten, hatte Berenthal die Idee, US-amerikanische Traktoren auf Kuba zu montieren. Als erster US-Bürger erhielt er eine Geschäftsgenehmigung für die Sonderwirtschaftszone Mariel vor den Toren Havannas. Doch mit der Rückkehr zur Politik des Kalten Krieges unter US-Präsident Donald Trump kam das Aus für das Traktorenprojekt.

Doch Berenthal wollte nicht aufgeben. »Ich war entschlossen, in Kuba Unternehmer zu werden. Ich war schon immer ein Unternehmer, egal wo ich lebte«, sagt er. Als die kubanische Regierung die Regularien für den Privatsektor lockerte, bot sich plötzlich die Möglichkeit, sich als Kleinunternehmer selbstständig zu machen.

PRIVATUNTERKÜNFTE »Wir kamen immer nach Havanna, um Zeit mit der Familie zu verbringen. Ich wohne zwei Blocks von hier entfernt. Beim Spazierengehen haben wir dieses Gebäude gesehen. Und eines Tages kam meine Tochter und sagte: ›Man kann jetzt Privatunterkünfte vermieten, das ist nun legal.‹« Normalerweise hätten sie ein oder zwei Zimmer, sagt Berenthal mit einem Lachen, »aber meine Tochter brachte mich hierher und sagte: ›Schau, das kann ein kleines Hotel sein.‹«

Wenn Gruppen kommen, organisiert der Hotel-Chef einen Minjan.

Als gebürtiger Kubaner durfte er eine Immobilie in Havanna erwerben. Berenthal kaufte das dreistöckige Gebäude, das einem Enkel des ehemaligen Präsidenten der Bank von Kuba gehörte, der in den 60er-Jahren die Insel verlassen hatte. Das erste koschere Hotel Kubas wurde geboren. »Wir wollten es eigentlich ›Weißes Haus‹ nennen – der Ehemann meiner Tochter heißt White –, entschieden uns dann aber für das französische Wort für ›Weißes Haus‹«, erzählt Berenthal.

Das Gebäude wurde komplett renoviert; Einrichtung und Mobiliar sind amerikanisch, an den Wänden hängen Werke bekannter kubanischer Künstler. »Das ›Chateau Blanc‹ verfügt über sieben Zimmer, jedes mit eigenem Bad, Warmwasser, Klimaanlage und kostenlosem Wifi«, erzählt Marta Boan, Berenthals kubanische Geschäftspartnerin. Sie selbst ist keine Jüdin und bezeichnet sich als stolze Kommunistin.

mesusa An jeder Zimmertür ist eine Mesusa angebracht. Im obersten Stockwerk befindet sich ein Saal für 80 Personen, dort wird das Essen serviert; auf dem Dach gibt es eine Bar und eine Lounge. Im Erdgeschoss befinden sich zwei große Küchen. »So wie es sich gehört, ist alles doppelt«, erklärt Boan, »zwei Sätze Geschirr, zwei Messersets, zwei Kühlschränke, zwei Gefriertruhen, zwei Küchen, um Milchprodukte und Fleisch getrennt zuzubereiten.«

»Wir konzentrieren uns auf koscheres Reisen«, sagt Berenthal. »Es gibt einen Markt für Juden, die die Kaschrut halten. Sie konnten nie kommen, weil sie auf Kuba ihr Essen nicht bekamen. Wir haben angefangen, es ihnen leichter zu machen.«

Jedes Mal, wenn eine Gruppe kommt, organisiert Berenthal einen Maschgiach, in der Regel ein Rabbiner, der – in Kuba gibt es keine Rabbiner – extra aus den USA eingeflogen wird. Er überwacht die verwendeten Produkte und deren Zubereitung. Alle im »Chateau Blanc« angebotenen Speisen und Getränke sind koscher. Das wiederum führt zu logistischen Herausforderungen. »Koscheres Essen ist auf Kuba nicht erhältlich«, sagt Berenthal, »außer Obst, Gemüse, Getreide.« Alles andere muss importiert werden. Auch einen Schochet, der rituell schlachtet, gibt es auf der Insel nicht. Deshalb gibt es in Beren­thals Hotel kein Fleisch.

ATMOSPHÄRE »Wir geben unseren koscheren Gästen die Gewissheit, dass sie an einem Ort sind, der sie versteht, der sich um sie kümmert und der ihnen eine Atmosphäre bietet, in der sie sich wohlfühlen können. Wenn zum Beispiel Gruppen hierherkommen, organisieren wir einen Minjan; sie können also die Gebete hier verrichten«, erzählt Berenthal.

Zudem werden in dem Hotel jüdische Hochzeiten und jüdische Feiertage gefeiert. »Am letzten Jom Kippur mussten die Gäste über Nacht bleiben«, denn wegen der aufgrund der Corona-Pandemie damals gültigen Ausgangssperre kamen sie nicht rechtzeitig nach Hause. »Wir haben den Saal geteilt: auf der einen Seite die Männer, auf der anderen Frauen und Kinder. Dort haben sie bis zum nächsten Tag gefastet und gebetet«, erzählt Boan.

Überhaupt die Pandemie. Bis Corona kam, lief das Geschäft gut, sagt Berenthal. »Es kamen viele US-Amerikaner, die nicht koscher essen, und viele US-Amerikaner, die nicht einmal Juden sind. Wir hatten schon Gruppen aus Korea und aus anderen Ländern hier.«

Nun hofft er auf eine Wiederbelebung des Tourismus und auf viele Gäste. »Auch wenn wir ein koscheres Hotel sind, sind alle willkommen, die zu uns kommen möchten – solange sie respektieren, dass wir kein Schweinefleisch, keine Meeresfrüchte oder Ähnliches servieren. Solange sie sich hier wohlfühlen und nicht gegen die Regeln der Kaschrut verstoßen, ist das überhaupt kein Problem.«

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