Ukraine

Weg nach Westen

Viele werden nie wieder zurückkommen: Flüchtlinge am Sonntag auf dem Bahnhof in Donezk Foto: Reuters

Auf dem Flughafen Borispol in der ukrainischen Hauptstadt Kiew gibt es seit wenigen Wochen einen Check-In-Schalter für Reisende nach Israel. Immer mehr jüdische Bürger der Ukraine verlassen das Land. Bereits Anfang des Jahres stieg die Quote – wegen der dramatischen wirtschaftlichen Situation in der ehemaligen Sowjetrepublik. Seit im Osten der Ukraine der Bürgerkrieg jeden Tag neue Opfer fordert, sind viele Juden aus den Regionen Donezk und Lugansk geflüchtet, etliche von ihnen werden nie mehr zurückkehren.

Wie zum Beispiel die Familie Lazaurenko aus Slowjansk. Die Stadt war monatelang von prorussischen Separatisten besetzt gewesen. Als im April die örtliche Polizeistelle von Maskierten gestürmt wurde, begannen auch die Sorgen der Lazaurenkos. Zuerst hatte sich die Familie, Mutter Ludmilla und ihre Eltern Nadeschda und Alexander, auf die Seite der Russen gestellt. Das änderte sich allerdings schnell. Schon kurz nach der Besetzung begannen die Rebellen, willkürlich Menschen zu verhaften und Privateigentum zu konfiszieren. Sie klingelten an Haus- und Wohnungstüren und teilten den Bewohnern mit, ab sofort sei das nun ihr Eigentum.

Massengräber Viele Bewohner Slowjansks sind bis heute verschwunden. Nachdem die ukrainische Armee die Stadt Anfang Juli befreit hatte, wurden an mehreren Orten anonyme Massengräber entdeckt. Die Armee brauchte Wochen, bis sie die prorussischen Separatisten aus der knapp 140.000 Einwohner zählenden Stadt vertrieben hatte. Bei den Kämpfen wurden unzählige Häuser zerstört, auch das von Familie Lazaurenko. »Wir haben nichts mehr«, sagt Ludmilla.

Als die ukrainische Armee Ende Mai ihre Offensive gegen die Rebellen in Slowjansk begann, flohen die Lazaurenkos Richtung Westen. Neben der umkämpften Region Donezk liegt Dnepropetrowsk. In der dortigen jüdischen Gemeinde haben die vier in einem Altersheim Unterschlupf gefunden.

Die jüdische Gemeinde in Dnepropetrowsk ist mit rund 50.000 Mitgliedern eine der größten in der Ukraine. Zur Gemeinde gehört auch Igor Kolomoisky, einer der zehn reichsten Ukrainer und seit Anfang März Gouverneur des Gebiets. Der 51-Jährige, zu dessen Firmengruppe die größte Bank der Ukraine gehört, hat in den vergangenen Jahren umgerechnet 75 Millionen Euro in den Aufbau jüdischer Institutionen und in unzählige Bildungseinrichtungen gesteckt. Doch das hält die Menschen nicht davon ab, die Ukraine zu verlassen. Auch Ludmilla denkt darüber nach, in die USA oder nach Israel auszuwandern.

Alija Die Times of Israel berichtete kürzlich, dass rund 150 Juden aus der Ostukraine Alija machen wollen. Sie werden in einem Camp in der Stadt Schitomir auf ihre Ausreise vorbereitet. Der Donezker Rabbiner Pinchas Wischedski will das massenhafte Auswandern seiner Mitglieder nicht kommentieren. Auf Telefonanrufe reagiert er nicht, per SMS schreibt er aber, er wolle sich weder zu der humanitären Lage in Donezk noch zu den Ausreisenden äußern.

»Viele haben Angst, sie könnten durch öffentliche Äußerungen ins Blickfeld der Kämpfer geraten«, sagt Anatoli Schengait, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde der Stadt Kiew. Die Stadt Donezk, in der bis Mai dieses Jahres fast eine Million Menschen lebte und deren Schwerindustrie die gesamte Ukraine versorgte, ist heute eine Geisterstadt. Die großen Alleen wie die Artema-Straße oder der Puschkin-Boulevard sind menschenleer. Der öffentliche Verkehr ist eingestellt, es fahren keine Busse oder Autos. In der Stadt sollen sich nach Schätzungen der Verwaltung noch etwa 400.000 Menschen aufhalten. Jede Nacht werden sie durch die Kämpfe der ukrainischen Armee gegen die in der Stadt verschanzten Separatisten in Keller und in Bunker getrieben.

Anatoli Schengait befürchtet, dass rund 40 Prozent der aus der Ostukraine geflüchteten Juden noch in diesem Jahr der Ukraine für immer den Rücken kehren werden. Etliche würden bereits die nötigen Formulare zusammentragen. »Wenn es besonders schlimm kommt, werden in nächster Zeit bis zu 10.000 ukrainische Juden auswandern«, sagt Schengait. Für die Gemeinden in der Ostukraine könnte dieser Exodus schwerwiegende Folgen haben.

In Donezk und Lugansk hat sich die Stimmung gegenüber Juden in den vergangenen Jahren nicht so positiv entwickelt wie beispielsweise in Dnepropetrowsk. Seitdem die prorussischen Separatisten ihr Unwesen treiben, deren Anführer wie der Rechtsextreme Pawel Gubarew offen zum Hass gegen Juden aufrufen, tauchen in der Innenstadt von Donezk immer häufiger Hakenkreuzschmierereien auf. Der 31-jährige Gubarew war jahrelang Mitglied der Neonazi-Organisation »Russische Nationale Einheit«. Heute ist er Vorsitzender der Partei Noworossija (Neues Russland) und propagiert die Schaffung eines gleichnamigen Staates, der aus den ostukrainischen Regionen Donezk und Lugansk entstehen soll.

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