Polen

Warschaus eiserne Lady

Monika Krawczyk übernimmt das Ruder. Foto: privat

Polen

Warschaus eiserne Lady

Mit Monika Krawczyk übernimmt eine erfahrene Managerin das Ruder des Jüdischen Gemeindebunds

von Gabriele Lesser  21.02.2019 12:11 Uhr

Monika Krawczyk mag innerlich geseufzt haben. Denn ihren ersten öffentlichen Auftritt als neue Vorsitzende des Jüdischen Gemeindebunds in Polen dürfte sie sich sicherlich anders vorgestellt haben. Nun aber stand sie vor dem Warschauer Bezirksgericht, hatte gerade Strafanzeige gegen einen berüchtigten Antisemiten gestellt und erklärte einem Fernsehjournalisten: »Wir können nicht gleichgültig zuschauen, wenn jemand zum Hass gegen die jüdische Gemeinschaft aufruft.«

Wenige Tage zuvor, am 27. Januar, dem internationalen Holocaust-Gedenktag, hatte Piotr Rybak vor der NS-Gedenkstätte Auschwitz in ein Megafon gebrüllt: »Es ist Zeit, Polen vom Judentum zu befreien!« Die angereisten Auschwitz-Überlebenden und ihre Angehörigen waren entsetzt angesichts des Aufmarsches von rund 200 Nationalisten.

Mord In Polen bricht eine schwere Zeit an. Mitte Januar erst hatte ein gerade aus der Haft entlassener Krimineller den Oberbürgermeister von Danzig auf einer Freilichtbühne erstochen. Diesem politischen Mord vorausgegangen war eine monatelange Hasskampagne in jenen Medien, die der nationalpopulistischen Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) nahestehen. Und den Worten waren Taten gefolgt.

 

Krawczyk hofft, für die jüdischen Gemeinden in den ehemals deutschen städten Liegnitz und Stettin Partnergemeinden zu finden

Daraufhin publizierten fast alle jüdischen Organisationen in Polen einen gemeinsamen Appell gegen Aggression und Hassrede im öffentlichen Raum. Nicht unterschrieben hatte diesen Appell die Stiftung zur Bewahrung des jüdischen Erbes (FODZ), der Monika Krawczyk noch bis Ende März vorsteht.

Bislang legte die 47-jährige Juristin, die ursprünglich aus dem ermländischen Olsztyn (Allenstein) stammt, keinen großen Wert auf solche Erklärungen. Sie erstattete nur dann Anzeige, wenn einer der jüdischen Friedhöfe, ein Gedenkstein oder eine Synagoge, die die Stiftung unter ihren Fittichen hat, beschmiert, zerstört oder geschändet wurde.

Einst lebten mehr als 3,5 Millionen Juden in Polen. Heute gibt es nur noch ein paar Tausend.

Erfolg In ihrer neuen Funktion wird Krawczyk nun häufiger gegen Antisemitismus Stellung beziehen müssen. Gewählt wurde die Stiftungschefin vor allem wegen des großen Vertrauens in ihre Expertise als toughe Managerin. Denn seit bald 14 Jahren verhandelt Krawczyk mit staatlichen und kirchlichen Behörden über die Rückgabe des jüdischen Gemeindeeigentums aus der Vorkriegszeit. Sehr oft mit Erfolg. Manche Immobilien hat sie verkauft, um mit dem Erlös jüdische Friedhöfe und alte Synagogen wieder herzurichten oder Gedenksteine aufzustellen. Hin und wieder gelang es ihr auch, EU-Gelder einzuwerben – beispielsweise für den Chassidischen Pfad in Ostpolen.

Einst lebten mehr als 3,5 Millionen Juden in Polen; heute gibt es nur noch ein paar Tausend in gerade einmal neun Gemeinden. Diese leiden unter einer ineffizienten Verwaltungsstruktur, die nach dem Fall des Kommunismus zwar öfters an die neuen Verhältnisse angepasst wurde, der aber eine grundlegende Reform guttäte. Genau das soll Krawczyk in den kommenden vier Jahren leisten. Zudem erwartet man Hilfe bei der Entwicklung eines zukunftsfähigen Finanzierungskonzepts, damit die Angst vor leeren Kassen möglichst bald Vergangenheit sein wird.

Sie selbst träumt davon, eines Tages in Israel zu leben.

Krawczyk traut sich all dies zu. »Nur im Fall des deutsch-jüdischen Kulturerbes auf dem heutigen Gebiet Polens gibt es ein Problem«, erklärt sie. »Mir ist es auch als FODZ-Chefin nicht gelungen, dort viel zu ändern. Die letzten Spuren des deutsch-jüdischen Erbes verschwinden langsam. Ehrlich gesagt, kann ich nicht verstehen, warum sich deutsche Institutionen dafür überhaupt nicht interessieren.«

Sie streicht sich das schulterlange braune Haar aus der Stirn und fügt leise hinzu: »Es waren doch die Juden aus diesen Gebieten, also deutsche Staatsbürger, die Hitlers erste Opfer wurden. Ihre materielle Hinterlassenschaft ist es einfach wert, dass sich jemand darum kümmert.«

Partner Sie hofft, dass es auch gelingt, für die jüdischen Gemeinden in den ehemals deutschen Städten Liegnitz (heutige Legnica) und Stettin (heute Szczecin) Partnergemeinden zu finden, die ihnen dort irgendwie unter die Arme greifen könnten.

Sie selbst aber träumt davon, eines Tages in Israel zu leben. Zwar hat sie dort keine Verwandten, fährt aber in jedem Urlaub nach Israel, besucht dort Freunde und lernt Hebräisch. Auch in Polen unterstützt sie nach Kräften zionistische Organisationen. »Wer weiß«, sagt sie zum Abschluss, »manche Träume werden ja bekanntlich wahr.«

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