Debatte

Vom Umgang mit Geschichte

Sitz der französischen Nationalversammlung in Paris: Zahlreiche Abgeordnete blockieren ein Gesetz, das die Leugnung von Völkermorden bestrafen soll. Foto: cc

In Frankreich haben mehr als 140 Parlamentarier den Verfassungsrat angerufen, um ein Gesetz zu stoppen, das die Leugnung von Völkermorden verbietet. Sie halten es für verfassungswidrig. Es hatte vergangene Woche den Senat passiert. Die Regierung in Ankara begrüßt die Blockade.

Denn falls das Gesetz tatsächlich inkrafttritt, steht es in Frankreich künftig unter Strafe, den türkischen Massenmord von 1915 an den Armeniern zu leugnen.

Erinnerung Damit würde, so die Kritiker des Gesetzes, Geschichte durch den Staat vorgeschrieben. Der bekannte jüdische Erinnerungsforscher Pierre Nora bezweifelt darüber hinaus, dass sich die Schoa und der Mord an den Armeniern unter dem Oberbegriff »Genozid« qualitativ vergleichen ließen, was mit dem Gesetz aber unterstellt werde. Nora kritisiert die damit vollzogene »Nazifizierung der Türkei« und eine »Sowjetisierung der französischen Geschichtspolitik«.

Der Regisseur Claude Lanzmann, dessen Dokumentarfilm Shoah (1985) demnächst im türkischen Staatsfernsehen TRT ausgestrahlt werden soll, setzt auf die Selbstaufklärung der türkischen Gesellschaft. »Das französische Parlament hat idiotischerweise ein Gesetz zu Ereignissen des Jahres 1915 erlassen«, kommentiert Lanzmann. »Die Türken lassen sich aber nicht die Pistole auf die Brust setzen. Sie entscheiden selbst, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen.«

Die Befürworter des Gesetzes prangern an, »die Leugnung des Völkermords zu tolerieren, bedeutet, seine Opfer ein zweites Mal zu töten«. Mit dieser Mahnung hatte sich 1990 der Holocaustüberlebende Elie Wiesel gegen die Leugnung der Schoa gewandt und damit in Frankreich einem Verbotsgesetz den Weg gebahnt. Bei Fürsprechern einer vergleichbaren Sanktionierung ist Wiesels Mahnung heute wieder häufiger zu hören.

Kontinuität Da das neue Gesetz in direkter Kontinuität zu der Bestimmung gegen Holocaustleugnung steht, beteiligen sich auch viele Juden an der Diskussion. Die jüdische und die armenische Gemeinde in Frankreich, die mit jeweils rund 600.000 Mitgliedern die größten Diasporagemeinschaften in Europa sind, empfinden wegen des ähnlichen Schicksals eine besondere Verbundenheit.

Der jüdische Dachverband CRIF bezieht zwar nicht offiziell Stellung, lässt aber durch die ausführliche Dokumentation der Pressestimmen zur Gesetzesinitiative und ein wohlmeinendes Interview mit dem Vorsitzenden des armenischen Koordinationsrates auf seiner Homepage erkennen, wo die Sympathien liegen. Andere Organisationen wie der jüdische Studentenverband UEJF zeigen noch deutlicher Flagge: »Das Gesetz schreibt keine Geschichte.

Wer in Frankreich und anderswo den armenischen Völkermord leugnet, schreibt sich ins Erbe der Henker ein. Es ist heute höchste Zeit, die armenische Erinnerung zu schützen, indem man den Revisionismus des armenischen Genozids unter Strafe stellt«, so der UEJF-Vorsitzende Jonathan Hayoun.

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Philanthropie

Lauder-Stiftung lässt Förderung jüdischer Schulen in sieben europäischen Städten auslaufen

Zum Abschluss der jahrzehntelangen Förderung stellt die Ronald S. Lauder Foundation noch einmal 75 Millionen Dollar bereit. Die Strategie: Hilfe zur Selbsthilfe

 21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

Schweiz

»Death to Zionism«: Anti-Israel-Demo sorgt in Basel für Unruhe

Ausgerechnet am Jahrestag des Ersten Zionistenkongresses soll eine Kundgebung stattfinden, bei der die Vernichtung Israels propagiert wird

 20.08.2026

Wien

Sieben Tage vermisst

Das Verschwinden zweier Israelinnen löste eine groß angelegte internationale Suchaktion aus. Die Geschichte aus realer Angst, einer Nachrichtensperre und wilden Gerüchten hat zwei Versionen

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026

Block-Prozess

Verteidiger: Ermittlungen zum Fall Block waren zu einseitig

Die Chefermittlerin im Fall Block hat ihre Zeugenbefragung abgeschlossen. Nur einer, ein 37-Jähriger aus Israel, hat die Vorwürfe eingeräumt

 19.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  19.08.2026

Debatte

Zentralrat der Juden übt scharfe Kritik an Itamar Ben-Gvir

Israels rechtsextremer Minister Ben-Gvir wirbt unverhohlen für Tötungen im Gazastreifen. Das sorgt international für Entsetzen - auch beim jüdischen Dachverband in Deutschland

 18.08.2026 Aktualisiert

Portugal

Staatsanwaltschaft soll Antisemitismus-Vorwürfe an Universität Coimbra untersuchen

Auch auf dem Campus im Coimbra wird offenbar antisemitische Propaganda verbreitet. Ein jüdischer Student soll Todesdrohungen erhalten haben

 18.08.2026