Frankreich

Vive la »Pletzl«

Métro Saint-Paul. Der Regen prasselt auf die grauen Zinkdächer, ein heftiger Wind schlägt den Passanten entgegen. Sie ducken sich unter Schirmen, die Mantelkragen hochgeschlagen. Eine junge Mutter trägt erschöpft den Kinderwagen die Stufen hoch, im Schlepptau einen kleinen Jungen, der mit schokoladeverschmiertem Mund die Reste seines Pain au chocolat vertilgt. Vite, vite! Schnell, schnell! Der Rhythmus der Stadt ist ein Prestissimo.

Stakkato Im zackigen Stakkato geht es pariserisch die Rue de Rivoli entlang oder zur Bastille. Eine Gruppe amerikanischer Touristen dagegen schlendert Richtung Osten, hinein ins »Pletzl«, das jüdische Viertel im vierten Pariser Arrondissement.

Es befindet sich im Marais, einem ehemaligen Sumpfgebiet, in dem sich nach der Trockenlegung bereits im 13. Jahrhundert jüdische Familien ansiedelten. Doch mit dem »Edikt der Vertreibung« von König Philipp dem Schönen nahm die kurze Blütezeit 1306 ein jähes Ende. Konversion oder Konfiskation lautete das Verdikt.

Migranten Die wenigsten beugten sich dem Willen des Königs. Güter, Geld und Häuser wurden beschlagnahmt und versteigert, Juden jahrhundertelang aus der Stadt verbannt.

Oh, la bonne bouffe! Deftig geht’s hier zu, laut und zu grel.

Erst im 19. Jahrhundert, als die Judenverfolgungen in Osteuropa unerträgliche Ausmaße annahmen, entwickelte sich wieder neues jüdisches Leben im Marais. Vom Gare de l’Est strömten die Emigranten in das Quartier St. Gervais, das sich seit dem 17. Jahrhundert mit der Abwanderung des Adels nach Versailles in einem desolaten Zustand befand.

1914 hatten sich bereits 13.000 Aschkenasen aus Ungarn, Rumänien und Russland in der Rue des Écouffes, der Rue Ferdinand Duval, auch Judenstraße genannt, und der Rue des Rosiers angesiedelt.

Roger Ikor setzte dem Leben im »Pletzl« mit seinem Roman Die Söhne Abrahams ein Denkmal. Doch als das Buch 1957 erschien, waren mehr als die Hälfte der nach Frankreich emigrierten Juden in deutschen Konzentrationslagern ermordet worden.

Touristen Die amerikanische Touristengruppe blickt sich um, ein wenig verängstigt, zu tief steckt ihnen der Gedanke an das Attentat auf die Redaktion von »Charlie Hebdo« im Jahr 2015 in den Knochen. Dann verweilen sie vor der »Mur des Justes«, der Mauer der Gerechten. Ein beleibter Herr mit New Yorker Dialekt setzt sich die Lesebrille auf und versucht, die in Metallplaketten gravierten Namen zu entziffern. Hunderte »Gerechte«, tapfere Retter bedrohter Juden, wurden vom französischen Staat hier für ihr zivilgesellschaftliches Engagement geehrt.

Nicht ohne Schaudern bemerkt man die freien Tafeln zur Rechten. Endlos scheint die Geschichte der Verfolgung und des Mordens, an die »Le Mur des Noms«, das »Mémorial de la Shoah«, in direkter Nachbarschaft erinnert.

Bei Korcarz gibt’s immer noch Haselnuss-Stroudel und Baklawa.

Kaum fassbar der Gedanke, dass 76.000 Juden von der Vichy-Regierung, Nazi-Kollaborateuren, in die Todeslager geschickt wurden. Nicht einmal 5000 überlebten!

Die Frau des New Yorkers legt zärtlich ihre Hand auf dessen Arm. Schweigend stehen sie vor dem Denkmal, blicken hinauf auf das »Mahnmal des unbekannten Juden«.

Little Italy Ein paar Meter weiter – das sprühende Leben! In der Rue de Rosiers, der Hauptschlagader des Pletzl, drängen sich Amerikaner, Chinesen und Deutsche vor dem »L’As du Fallafel« und seinem Konkurrenten, dem »King Falafel Palace«. Während der eine Imbiss mit dem Musiker Lenny Kravitz wirbt, brüstet sich der andere mit der Crew des französischen Blockbusters »Lügen haben kurze Röcke«.

»Oh, it’s amazing«, rufen zwei amerikanische Teenies, »that’s so Little Italy«. »Well, not really«, möchte man rufen und beugt sich dann doch, vom Duft verführt, über einen »Israelischen Teller« mit Rotkohl, Schakschuka und frittierten Zwiebeln, während ein chinesisches Pärchen für die Instagram-Story Schawarma und Merguez knipst.

Oh, la bonne bouffe! Deftig geht’s hier zu, laut und zu grell auch für die wenigen verbliebenen Lebensmittelgeschäfte.

Bei Korcarz gibt es – Dieu merci! – immer noch den fabulösen Haselnuss-Stroudel, Lintzer und Baklawa, eine Konstante in einer Straße, deren Puls seit Jahren immer touristischer schlägt.

Buchhandlungen und jüdische Spezialitätengeschäfte weichen wie in jeder anderen Metropole Fastfood und Klamottenläden. Sogar das traditionelle Hammam ist nach 130 Jahren der Filiale einer Kleidermarke gewichen. Wo sich müde Glieder vom Pariser Alltagsstress erholten, tummeln sich heute gelangweilte Influencer, die mit Falafel und Shoppingtüten vor dem ehemaligen Dampfbad posieren.

marken Nicht weit davon entfernt »Fred Perry«. In den 80ern wurde die Marke einige Jahre von Skinheads vereinnahmt. Ob er das wisse, fragen wir den Verkäufer. Es ist ihm unangenehm, er winkt ab und sagt, heute sei das eine Marke, die er mit Musik verbinde und auch mit der Gay-Community. Überhaupt sei es an der Zeit, die Marken zu »reclaimen«, mischt sich eine Kundin ein: »Wir lassen uns doch nicht unseren Stil von diesen Nazis klauen.« Apropos Nazis, sagt sie, schauen Sie doch mal bei John Galliano vorbei!

Der frühere Dior-Designer ruinierte sich seinen Ruf als Genie der Pariser Modeszene, als er 2011 im »Café La Perle«, wo er nachmittags Gin Tonic zu trinken pflegte, antisemitische Beschimpfungen ausstieß: »Sale tête de juif! Tu devrais être mort!« (»Dreckige Judenfresse! Tot solltest du sein!«).

Die Beleidigungen kosteten ihn seinen Job bei Dior. Er wurde zu einer Bewährungs- und Geldstrafe verurteilt und verlor seine Ehrenlegion-Auszeichnung.

Lange Zeit gemieden, versucht er als reuiger Sünder seit einigen Jahren im Marais wieder Fuß zu fassen. Ob ihm das gelingt, bleibt fraglich. Die erst vor ein paar Jahren eröffnete Galliano-Boutique in der Rue des Archives ist geschlossen, der Schriftzug des Designers ergänzt durch sein Stigma: Nazi.

Benedict Die israelische Kette »Benedict«, die auch in Berlin einen Ableger hat, boomt im Marais. Quinoa-Bowls, Eggs Benedict und zeitgenössische jüdische Speisen locken nicht nur Touristen an den Tresen, sondern auch Pariser, jüdische und nichtjüdische.

»Goldenberg«, das auf mitteleuropäische jüdische Delikatessen spezialisierte Restaurant, gibt es schon seit mehr als zehn Jahren nicht mehr. Gefilte Fisch, gehackte Leber und Latkes wichen Klamotten, wie der Metzger von nebenan übellaunig erzählt. »Jetzt aber, vite, vite, ich muss noch ein Catering vorbereiten.«

Wegen der hohen Immobilienpreise werfen die meisten jüdischen Händler das Handtuch.

Jo Goldenbergs Restaurant war nicht nur ein typisches Touristenziel, sondern auch ein Ort des Grauens. Am 9. August 1982 um 13.15 Uhr stürmten maskierte Terroristen das Restaurant an der Ecke der Rue des Rosiers und der Rue Ferdinand Duval und warfen eine Handgranate mitten unter die Gäste.

Die Schreckenstat kostete sechs Menschen das Leben, 22 wurden verletzt. Dass eine Splittergruppe der PLO hinter dem Attentat steckte, stand schnell fest. Erst Anfang 2019 kam dann die ganze Wahrheit ans Licht: Yves Bonnet, Ex-Chef der »Direction de la surveillance du territoire« (Direktion der territorialen Überwachung) sagte aus, er habe nach dem Attentat eine geheime Absprache mit der palästinensischen Terrorgruppe Abou Nidal getroffen. »Ich will kein Attentat mehr auf französischem Boden«, habe er gesagt und einen Nichtangriffspakt mit den Terroristen geschlossen.

Zur Rechenschaft gezogen wurden sie bis heute nicht. Die Namen der Attentäter sind seit 2011 bekannt, drei internationale Haftbefehle ergingen nach Norwegen, Ramallah und Jordanien. Doch bis heute wurden die Täter nicht ausgeliefert. Ob der französische Staat die Herkunftsländer erfolgreich zur Auslieferung bewegen wird, bezweifeln die meisten im Viertel. Die Einschusslöcher und eine Gedenkplakette erinnern an die Tat und daran, dass die Hoffnung auf Sühne nicht versiegen darf.

mieten Die amerikanischen Touristen indes stehen ungläubig vor einer Immobilienagentur. Mit Quadratmeterpreisen über 30.000 Euro hatten sie nicht gerechnet. Dass für die Miete des früheren »Goldenberg«-Restaurants mehr als 45.000 Euro monatlich aufgerufen werden, quittieren sie mit Staunen. Wer kann das bezahlen?

Tja, seit der aufwändigen Renovierung des Viertels durch die öffentliche Hand und die Explosion der Immobilienpreise in den letzten 15 Jahren werfen die meisten jüdischen Geschäftsinhaber das Handtuch.

Auch die Amerikaner ziehen weiter Richtung Musée Picasso und zur Place des Vosges, wie sie lauthals verkünden. Victor Hugos Geburtshaus allerdings können sie nur von außen bestaunen. Es ist wegen Renovierungsarbeiten geschlossen.

Wir aber kehren noch ein bei Jacob, einem jüdischen Bekannten, der ein paar Minuten entfernt wohnt, in der Rue de Charlot im nördlichen Marais.

Stylist Jacob hat erst kürzlich mit seinem Ehemann ein Appartement bezogen. Das Paar arbeitet in der Modebranche: Jacob als Verkäufer einer angesagten englischen Marke in einem Grand Magasin, einem Luxuskaufhaus, David als Stylist.

Bei Kaffee und Macarons erzählt er seine Vision des Marais. Die Zeit der Folklore sei vorbei. Der Marais sei nicht das »Little Israel«, sondern ein Schmelztiegel verschiedener Subkulturen und Identitäten. »Jüdische Identität ist friedvoll«, sagt er, »musikalisch, kulinarisch, modisch, kosmopolitisch«, und zeigt doch zweifelnd hinaus auf das Schaufenster einer Buchhandlung, in der sich Buchtitel an Buchtitel über den neuen Antisemitismus in Frankreich aneinanderreihen.

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