Spanien

Viva Sefarad!

Vielleicht nur eine Frage der Zeit, bis auch in Cordoba wieder jüdisches Leben einzieht. Hier eine Bar im früheren Judenviertel Foto: dpa

Sam Anidjar ist stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Gemeinde im südspanischen Málaga, mit 1.000 Mitgliedern eine der wichtigsten Gemeinden in Spanien. Wie fast alle der heute 48.000 Juden im Land ist Anidjar Einwanderer. Er kam 1971 im Alter von fünf Jahren mit seinen Eltern aus dem marokkanischen Tétouan, der früheren Hauptstadt des spanischen Protektorats in Nordafrika.

Seit ihrer Vertreibung von der Iberischen Halbinsel 1492 hatten die spanischen Juden im Maghreb eine neue Heimat gefunden. So lebten Anfang der 50er-Jahre rund 300.000 ihrer Nachfahren in Marokko. Doch mit der Unabhängigkeit des Landes 1956 wuchs der Druck auf die jüdische Minderheit. »Es ist unfassbar, dass wir in einem Land, in dem wir seit vielen Generationen gelebt hatten, plötzlich verhasst waren und angegriffen wurden«, sagt Anidjar.

katholizismus Viele wanderten nach Israel aus, aber einige Tausend gingen nach Spanien. Es war die erste jüdische Einwanderungswelle dorthin seit fast 500 Jahren. Als Sam Anidjars Familie 1971 nach Málaga kam, befand sich das Land noch unter dem Joch des Diktators Francisco Franco, und der Katholizismus war die offizielle Religion des Landes. Juden existierten nur in der Vorstellungswelt katholischer Priester und hatten in deren Fabulationen lange Schwänze wie der Teufel. »Manche Nachbarn gafften uns auf das Hinterteil, als ob sie tatsächlich nach Schwänzen suchten. Andere fragten uns ganz offen danach«, erinnert sich Anidjar. »Einige Kinder durften nicht mit uns spielen, andere beschimpften uns.« Obwohl es in seiner Schule noch drei andere Juden gab, musste er sich gegen die Ignoranz von Mitschülern und Lehrern wehren. Besonders der Religionsunterricht war eine Tortur: Der Lehrer wollte Anidjar zum Katholizismus bekehren.

Eigentlich hatte die Familie in Málaga nur einen Zwischenstopp bei einem Onkel einlegen wollen, das Ziel war Venezuela. »Aber meine Großeltern wurden krank, und wir blieben.« Anidjar und seine Familie waren Fremde, obwohl sie doch eigentlich eine alte spanische Familie sind. »In der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem habe ich gelesen, dass mein Name wahrscheinlich von dem Ort Níjar in der andalusischen Provinz Almería hergeleitet ist«, erklärt Anidjar. Von dort kamen seine Vorfahren demnach, denn im Mittelalter war das eine übliche Form der Namensgebung.

marokko Die meisten Juden haben Marokko inzwischen verlassen. Das Land erlebte, ähnlich wie Nachbar Spanien fast 500 Jahre vorher, einen wirtschaftlichen, kulturellen und intellektuellen Niedergang. Jahre später forderte Marokkos König die Sefarden zur Rückkehr auf, doch es war zu spät.

Jacques Laredo ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands jüdischer Gemeinden in Spanien (FCJE). Auch er hat Marokko in den 60er-Jahren verlassen. Da er aus dem ehemaligen französischen Protektorat kam, ging er zuerst nach Frankreich und kam erst Jahre später nach Madrid. Laredo ist zuständig für die jüdische Einwanderung in Spanien. Er beschreibt die Probleme, die sich im Zuge dieser ersten jüdischen Immigrationswelle ergaben: »In Madrid und Barcelona hatten sich seit Ende des 19. Jahrhunderts aschkenasische Juden als Gesandte großer europäischer Firmen angesiedelt.« Die kaum mehr als 1.000 ansässigen Aschkenasim seien auf einmal in der Minderheit gewesen. Außerdem waren sie bei Weitem nicht so religiös wie die traditionellen und orthodoxen Sefarden aus Marokko, die bald ihre eigenen, nach der Synagoge ihres Herkunftsortes benannten Vereine gründeten. Jüdische Gemeinden in dem Sinne gab es offiziell noch nicht. »Versammlungen von mehr als zehn Personen mussten angemeldet werden, Synagogen wurden als Privateinrichtungen registriert. Erst 1967 wurden die Juden als religöse Gemeinschaft anerkannt«, berichtet Jacques Laredo.
Südamerika In den 70er-Jahren setzte eine neue jüdische Einwanderungswelle ein: Überwiegend aschkenasische Juden flohen vor den sozialen und politischen Konflikten in ihren südamerikanischen Heimatländern. »Diese Leute hatten meist einen hohen Bildungsstand und waren mehr an der Integration in die spanische Gesellschaft und einer vernünftigen Arbeit interessiert als am jüdischen Gemeindeleben«, sagt Laredo. Von der spanischen Öffentlichkeit wurden sie oft gar nicht als Juden wahrgenommen, denn sie gehörten eher liberalen und laizistischen Strömungen des Judentums an. Vielen widerstrebten die traditionellen sefardischen Gemeindestrukturen.

So ging es auch dem gebürtigen Argentinier Jorge Rozemblum, der nach zehnjährigem Aufenthalt in Israel 1984 nach Spanien kam. »Mit 18 ging ich in einen Kibbuz, habe die israelische Staatsbürgerschaft angenommen und Musik studiert. Die argentinische Militärdiktatur habe ich zum Glück nur aus der Ferne miterlebt, aber doch sehr direkt. In unseren Kibbuz kamen Landsleute, die mithilfe der israelischen Botschaft in Buenos Aires geflohen waren und noch einen Tag zuvor gefoltert wurden.« 1982 nahm Rozemblum am Libanon-Krieg teil – eine traumatische Erfahrung, die ihn sein Vertrauen in Israels Politiker verlieren lässt. Nach dem Ende der Militärdiktatur in seinem Heimatland erhält er 1983 seinen argentinischen Pass zurück und geht bald darauf nach Spanien.

»Für die Spanier war ich Argentinier. Ich verriet nicht, dass ich aus Israel kam, denn obwohl hier über Jahrhunderte keine Juden lebten, ist der Antisemitismus doch weit verbreitet«, sagt Rozemblum. Er schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch, bis er in Madrid sein Auskommen als Musiker fand. Er spielt zusammen mit dem spanischen Meister der Alten Musik, Eduardo Paniagua, gründet mit ihm die Gruppe »Sefarad en Al-Andalus«. »Mit der jüdischen Gemeinde hatte ich eigentlich nie etwas zu tun, die Verbindung entstand über die Musik«, erzählt er. Seit einigen Jahren ist er freier Mitarbeiter von Radio Sefarad, dem Internet-Radio des Verbands jüdischer Gemeinden in Spanien.

Doppelpässe Bei einem Festakt zum 500. Jahrestag der Vertreibung der Juden aus Spanien 1992 in der Madrider Synagoge würdigte König Juan Carlos I. die Rückkehr der Gemeinde in ihre angestammte Heimat. Den starken Worten des Königs sollten Taten folgen, meinte Jorge Trias Sagnier. Der spanische Anwalt und Politiker setzt sich seither dafür ein, dass die hauptsächlich im Mittelmeerraum und auf dem Balkan lebenden Nachfahren der aus Spanien vertriebenen Juden die spanische Staatsangehörigkeit erhalten. Einen ersten Erfolg gab es im Februar 2006, als die spanische Regierung 22 Sefarden aus Istanbul aufgrund ihrer Abstammung die spanische Staatsangehörigkeit bewilligte. Seither fordert Trias Sagnier das Recht aller Sefarden auf Einbürgerung. In den vergangenen Jahren haben nach seiner Auskunft 400 Sefarden aus aller Welt einen Einbürgerungsantrag gestellt. Sefarad wächst wieder.

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