Ukraine

Visafrei nach Schengen

Ukrainer mit einem biometrischen Reisepass brauchen seit dem 11. Juni kein Visum mehr für die Schengen-Staaten. Foto: Thinkstock

Es war ein langer Weg – die Ukraine hat es endlich geschafft. Seit 2010 verhandelte Kiew, damals noch unter der Führung des später geflüchteten Präsidenten Wiktor Janukowitsch, mit der EU über die Aufhebung der Visapflicht für ukrainische Staatsbürger. Sieben Jahre später, nach der Maidan-Revolution, der russischen Annexion der Krim und während des andauernden Krieges im Donbass, ist es so weit: Seit dem 11. Juni dürfen Ukrainer, die einen biometrischen Reisepass haben, visafrei in die meisten EU-Länder sowie nach Irland, Lichtenstein, Norwegen und in die Schweiz reisen. Eine Ausnahme bilden lediglich Großbritannien und Irland.

Allerdings bedeutet die Visafreiheit weder eine Aufenthalts- noch eine Arbeitserlaubnis, und Ukrainer dürfen sich nur 90 Tage pro Halbjahr im Schengen-Raum aufhalten. Dennoch ist es »ein Meilenstein in der Geschichte der Ukraine. Dies ist ein weiteres Zeichen unserer Rückkehr in die europäische Gemeinde«, feierte der ukrainische Präsident Petro Poroschenko die Entscheidung der EU. »Es gibt ein gemeinsames Europa von Lissabon bis Charkiw – und wir sind ein Teil davon. Damit bricht die Ukraine endgültig mit dem Russischen Reich.«

Anträge Doch was bedeutet die Aufhebung der Visapflicht für den Durchschnittsukrainer – und vor allem für ukrainische Juden? Auf der einen Seite belegte die Ukraine in den vergangenen Jahren Platz drei bei der Anzahl der Anträge auf ein Schengen-Visum. So lag die Ukraine im Jahr 2014 mit rund 1,4 Millionen Anträgen auf Platz drei hinter Russland und China. Auf der anderen Seite haben auch diejenigen recht, die behaupten, die Mehrheit könne sich ohnehin keine Reisen in die EU leisten – ganz gleich, ob mit oder ohne Visum. Tatsächlich ist es für die meisten Ukrainer schwierig bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von rund 215 Euro.

Jewhen Fischman, ein jüdischer Unternehmer aus dem ostukrainischen Charkiw, hatte schon immer genug Geld, um ins Ausland zu reisen. Er war nicht nur in den meisten EU-Ländern und in Israel, sondern auch in den USA und sogar mehrmals in Lateinamerika. Trotzdem gehört er zu denjenigen, die gleich in der ersten Woche von der Visafreiheit Gebrauch gemacht haben: Er flog am 14. Juni mit seinem neuen biometrischen Pass nach Spanien – nicht in den Urlaub, sondern zu Verhandlungen mit Geschäftspartnern.

»Mein letztes Schengen-Visum ist im April abgelaufen«, erzählt Fischman. »Daher habe ich kein neues Visum beantragt, sondern den neuen Pass – den hatte ich noch nicht.« Er reise sehr oft in die EU, sagt Fischman, die Visafreiheit werde sein Leben spürbar erleichtern. »Nicht die Visagebühr von 35 Euro war früher das Problem, sondern vor allem die hohe Unsicherheit: Die Konsulate gaben das Visum für den Zeitraum, für den sie wollten – es steckte keine erkennbare Logik dahinter.«

Verwandte Fischmans häufige Reisen in die EU waren allerdings nicht nur beruflicher oder touristischer Natur, sondern hatten auch private Gründe: Sein Bruder und seine Schwester wohnen in Deutschland. »Ich glaube, gerade wir Juden profitieren sehr von der Visafreiheit«, betont der 35-Jährige. »Meine Familie ist ein gutes Beispiel. Da sind nicht nur mein Bruder und meine Schwester, die in Deutschland leben, sondern wir haben auch Verwandte in den Niederlanden und in Spanien. Und weil es vielen ukrainischen Juden ähnlich geht wie mir, wird uns die Aufhebung der Visapflicht in Zukunft einander näherbringen.«

Dabei meint Fischman nicht nur die Kommunikation innerhalb von Familien oder jüdischen Gemeinden, sondern auch die Wirtschaftsbeziehungen. »Wie überall in der ehemaligen Sowjetunion gibt es in der Ukraine viele junge Unternehmer, die jüdische Wurzeln haben. Die Möglichkeit, freier und einfacher in die EU zu reisen, wird den Austausch mit erfahreneren Kollegen deutlich verstärken.«

Weniger begeistert von der neuen Visafreiheit ist Dmytro Gofman, ein 69-jähriger Rentner, der in Saporischschja geboren wurde und seit 30 Jahren in Odessa lebt. »Früher, als ich noch arbeitete, fuhr ich ziemlich oft nach Europa, vor allem nach Wien zu Verwandten – manchmal einmal im Jahr, manchmal alle zwei Jahre«, erzählt Gofman. Er arbeitete in einer Maschinenfabrik und verdiente bis 2014 nicht schlecht. Doch dann kam die wirtschaftliche Krise, und die ukrainische Währung Hrywnja verlor rund 100 Prozent gegenüber dem Euro. »Weil ich ohnehin kaum mehr gutes Geld verdiente, ging ich in Rente«, sagt er. »Heute bekomme ich umgerechnet 170 Euro im Monat, damit komme ich mit meiner Frau nur schlecht über die Runden – die Auslandsreisen haben sich also erledigt.«

Prioritäten Gofman ist kein Gegner der Visafreiheit, im Gegenteil – er begrüßt sie. »Natürlich ist es schön, keine Frage! Aber ich glaube, es gibt in der Ukraine zu wenige Menschen, die sie nutzen können«, betont er – und fügt hinzu: »Ich verstehe, warum Präsident Poroschenko und andere Politiker die Aufhebung der Visapflicht so feiern. Einerseits ist das tatsächlich eine Errungenschaft, anderseits gibt es sonst nicht viel vorzuweisen.« Der Staat setze falsche Prioritäten. »Es muss zuerst um die Lebensqualität der Menschen gehen – und dann um alles andere. Nicht umgekehrt.«

Auch Jewhen Fischman teilt diese Kritik: »Die positiven Seiten der Visafreiheit sind überwältigend. Sie ändert aber nur wenig an der enttäuschenden Entwicklung der Ukraine in den vergangenen Jahren – und wird von Politikern zu häufig zu PR-Zwecken genutzt.«

Das Reisen in die EU wird für Ukrainer aber nicht nur wegen der Aufhebung der Visapflicht und der damit verbundenen Gebühr einfacher. Auch die großen Billigfluganbieter Ryanair und WizzAir haben entsprechend auf die Nachricht reagiert: Ryanair geht im Oktober auf dem ukrainischen Markt an den Start, und WizzAir will die Anzahl der angebotenen Flüge deutlich erhöhen. Auch Eurowings, das Tochterunternehmen von Lufthansa, wird ab 2018 von Berlin nach Kiew fliegen, und Düsseldorf ist ebenfalls im Gespräch.

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