Antisemitismus

»Viele Juden wollen weg aus Belgien«

Protest vor der israelischen Botschaft in Brüssel Ende Mai Foto: IMAGO/Le Pictorium

Vergangene Woche teilte Latifa Ahmiri, Stadträtin der Sozialistischen Partei (PS) in der Brüsseler Gemeinde Anderlecht, einen Post mit einer Karikatur. Darauf zu sehen war Meyer Habib, jüdischer Abgeordneter zur französischen Nationalversammlung, der als Schwein dargestellt war. Die Überschrift zu der antisemitischen Karikatur lautete »Ceci n’est pas un porc« (auf Deutsch: »Das hier ist kein Schwein«).

Und am Mittwoch veröffentlichte der Dachverband der jüdischen Organisationen in Belgien CCOJB Details einer Strafanzeige gegen zwei Brüsseler Regionalpolitiker. Der eine, Fouad Ahidar, hatte in einem Interview im November 2023 Juden als »Psychopathen« und »Terroristen« bezeichnet und sich später entschuldigt.

Die andere, die sozialistische Senatorin Nadia El Yousfi, hatte bei einer Anhörung der israelischen Botschafterin im Dezember behauptet, Rabbiner in Israel würden zur Vergewaltigung palästinensischer Frauen aufrufen. Beide treten erneut zu den am Sonntag stattfindenden Wahlen an, Ahidar allerdings für eine andere Partei.

Dass Antisemitismus tief in der belgischen Gesellschaft und insbesondere in Brüssel verwurzelt ist, hat jetzt auch eine bereits Anfang Mai durchgeführte repräsentative Umfrage des Instituts Ipsos im Auftrag des Jonathas-Institut gezeigt.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Demnach hegt in der belgischen Hauptstadt, die auch Sitz der meisten EU-Institutionen ist, fast jeder vierte Befragte (22 Prozent) eine große Abneigung gegen Juden. Landesweit sind es zwar nur 14 Prozent, wobei der flämische Norden des Landes mit 16 Prozent höher liegt als der französischsprachige Landesteil Wallonien. Dennoch: Die Zahlen liegen über vergleichbaren Werten in den belgischen Nachbarländern.

Traditionelle Vorurteile wie das, dass Juden die Medien kontrollieren, werden von vielen Belgiern für bare Münze genommen. In der Befragung legte das Umfrageinstitut den Teilnehmern 15 antisemitische Klischees oder Vorurteile vor und fragte, ob sie ihnen zustimmten. Bei acht taten dies mehr als ein Drittel der Befragten.

Rund ein Fünftel der Befragten in der Umfrage bejahten die Aussage, dass die Juden für den Tod von Jesus verantwortlich seien. Jeder Vierte antworteten mit Ja auf die Frage, ob die Juden »eine Rasse bilden, die sich nicht in Belgien assimilieren will«.

28 Prozent gaben zu Protokoll, dass Juden keine Menschen wie alle anderen seien. Sogar 38 beziehungsweise 39 Prozent befürworteten die Aussagen, Juden seien in der Finanzwelt überrepräsentiert und hätten sehr mächtige Lobbys in der Gesellschaft. Gar drei Viertel der Befragten glauben, dass »Juden untereinander sehr eng zusammenhalten«.

Besonders seit dem 7. Oktober 2023 hat der Antisemitismus in Belgien einen neuen Höchststand seit der Schoa erreicht. »Das Gefühl der Verlassenheit unter den Juden ist absolut, viele wollen aus Belgien weg«, sagte Joël Kotek, Vorsitzender des Jonathas-Instituts, der Zeitung »L’Echo«, die die Umfrageergebnisse publik gemacht hatte.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Die Voreingenommenheit gegen Juden liegt laut der Studie bei Anhängern von extrem linken und extrem rechten Parteien doppelt so hoch wie im Rest der Bevölkerung und bei muslimischen Befragten sogar fast drei Mal so hoch.

Die Vorurteile korrelieren mit dem Unwissen über jüdisches Leben. Vier Fünftel der Befragten wussten nicht, wie viele Juden es in der Welt gibt. Jeder Zehnte gab an, es gäbe mehr als 500 Millionen. In Wahrheit wird die jüdische Bevölkerung weltweit auf rund 15 Millionen geschätzt.

In Belgien leben nur rund 30.000 bis 40.000 Juden, was den allermeisten Befragten ebenfalls nicht bekannt war. Allerdings waren 11 Prozent der Teilnehmer trotzdem der Meinung, es seien viel zu viele.

Nachruf

»Grey’s Anatomy«-Star Eric Dane im Alter von 53 Jahren gestorben

Nach Angaben seiner Familie erlag er Komplikationen infolge seiner ALS-Erkrankung

 20.02.2026

Meinung

Königliches Versagen im Kulturbetrieb

Das renommierte Reina-Sofía-Museum in Madrid setzt eine Schoa-Überlebende vor die Tür. Die Existenz des Juden wird zur Provokation, die Befindlichkeit des Antisemiten zum schützenswerten Gut. Spanien ist verloren!

von Louis Lewitan  19.02.2026

Pilot Adam Edelman (links) und Bremser Menachem Chen auch Israel, was noch keinem israelischem Bob-Team vor ihnen gelang: eine Olympia-Qualifikation ohne Trainer

Winterspiele

RTS entschuldigt sich für Olympia-Kommentar

Ein Live-Kommentar über den israelischen Bobfahrer Adam Edelman sorgte für Empörung – nun entschuldigt sich RTS und spricht von einem »unangemessenen Format«

von Nicole Dreyfus  19.02.2026

Belarus

Die Kushner-Karte

Alexander Lukaschenko sucht die Nähe zu den USA und gibt sich philosemitisch

von Alexander Friedman  18.02.2026

Antisemitismus

In Andorra wird zum Karneval eine Israel-Puppe hingerichtet

In dem kleinen Fürstentum in den Pyrenäen wurde beim Karneval einer Puppe mit Davidstern der Prozess gemacht - die jüdische Gemeinschaft ist empört

 18.02.2026

Meinung

Eklat im Schweizer öffentlich-rechtlichen: Das RTS und der Israelhass

Der eigentliche Skandal ist die Rechtfertigung des öffentlich-rechtlichen Senders. Eine Rundfunkanstalt sollte ihre publizistischen Leitlinien immer einhalten und auch bei Israel keine Ausnahme machen.

von Nicole Dreyfus  17.02.2026

Der israelische Bobfahrer Adam Edelman nimmt die Hasstiraden gegen seine Person gelassen und will sich auf den Wettkampf konzentieren.

Olympische Winterspiele

Sender verteidigt »Genozid«-Kommentar, nimmt ihn aber offline

Die politischen Einordnungen eines Schweizer TV-Kommentators bei der Abfahrt des israelischen Bobfahrers Adam Edelman sorgen für Debatten. Der Sender verteidigt sich, der Sportler sieht es gelassen

 17.02.2026

Brüssel

Streit um Beschneider: US-Botschafter nennt Belgien »antisemitisch«

In mehreren X-Posts griff Bill White die belgische Regierung scharf an, die wiederum sich die Einmischung verbat. Hintergrund ist ein Strafverfahren gegen drei Mohelim in Antwerpen

von Michael Thaidigsmann  17.02.2026

Boston

Dokumentarfilm-Pionier Frederick Wiseman gestorben

»Dokumentarfilme sind wie Theaterstücke, Romane oder Gedichte – sie haben keine messbare soziale Nützlichkeit«, sagte der Verstorbene einst. Er wurde 96 Jahre alt

 17.02.2026