Gedenken

Verscharrt und vergessen

Die Schlucht von Babi Jar Foto: Marco Limberg

Über dem hügeligen Acker liegt eine dicke Schneeschicht. Nur vereinzelt ragen ein paar Äste heraus. Ansonsten ist die riesige Fläche weiß. Die Flocken verdecken allerdings nicht nur den Boden im ostukrainischen Ostrozhets, sondern auch die Geschichte des Ortes.

Denn unter der Erdoberfläche befindet sich ein Massengrab, in dem fast die gesamte jüdische Bevölkerung von Ostrozhets liegt. Erschossen 1942 von Truppen des deutschen Sicherheitsdienstes, polnischen und ukrainischen Hilfspolizisten. Bis heute gibt es keinen Hinweis darauf, was hier vor fast 70 Jahren geschah, keine Gedenktafel kein Schild.

Tickende Uhr Seit 2004 kümmert sich der französische Priester Patrick Desbois, Vorsitzender der Initiative Yahad – In Unum (YIU), um Orte wie Ostrozhets. 2010 appellierten das American Jewish Committee (AJC), der Zentralrat der Juden in Deutschland und andere jüdische Organisationen an die Bundesregierung, den Schutz der Gräber nicht nur finanziell, sondern auch politisch zu unterstützen.

In der vergangenen Woche gab das AJC bekannt, dass sich in den letzten zwölf Monaten viel getan habe. Das deutsche Außenministerium fördert das Projekt mittlerweile mit 300.000 Euro, und die Deutsche Kriegsgräberfürsorge steht mit Rat und Tat zur Seite. Ein Bündnis, das vieles möglich macht.

Zum Beispiel die Reise eines Wissenschaftler-Teams in die Ukraine Ende 2010. Die Teilnehmer waren nicht nur auf der Suche nach noch unbekannten Gräbern, sondern auch nach Zeugen. Das sei eine wichtige Aufgabe, sagt Deidre Berger, Leiterin des AJC-Büros in Berlin: »oral testimonies«. Rabbiner Andrew Baker, ebenfalls vom AJC, betont, dass gerade diese Zeugenaussagen manchmal eine entscheidende Hilfe seien, um Gräber zu finden.

Doch die Zeit wird knapp, die zumeist betagten Menschen sterben nach und nach. »Die Uhr tickt« – diese eindringliche Botschaft von Priester Patrick Desbois ist ein Appell. Menschen, die die Schoa überlebt haben oder von Massenerschießungen und anderen Tötungsaktionen gehört haben, müssten schnell gefunden werden.

Zu diesem Zweck werden in diesem Jahr 15 Teams unterwegs sein, sagt William Menegbier von der französischen Organisation Yahad – In Unum. »Wir fahren landauf, landab, klopfen an Haustüren und fragen, ob die Bewohner schon vor dem Krieg dort gelebt haben. Unsere Teams sammeln die Aussagen, und im besten Fall können die Befragten zeigen, wo zum Beispiel Erschießungen stattgefunden haben.«

Die Interviewer werden bei Yahad – In Unum für ihre Einsatz vorbereitet. Und vielleicht bekommen sie von einem Zeugen Folgendes zu hören: »Sie kamen am Morgen, versammelten die Juden und gruben ein Loch. Und das Loch war groß.«

Bildungsarbeit Neben den Interviewern nehmen auch Rabbiner auf diesen Erkundungsfahrten teil. Denn sollten Überreste von Ermordeten gefunden werden, müssen diese den religiösen Vorschriften gemäß bestattet werden. Das komme ziemlich oft vor, denn ein weiteres Problem, neben dem Verfall der Gräber, seien Plünderungen.

Oberstes Ziel der gemeinsamen Arbeit ist es, den Opfern wieder ein Stück Würde zurückzugeben. Dabei spielt die Entfernung keine Rolle. Die Teams reisen auch in die entlegensten Winkel. »Allein bei uns gibt es mehr als 500 Massengräber«, sagt Eduard Dolinsky, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinden in der Ukraine. Er selbst wuchs nur 20 Kilometer entfernt von einer solchen Stätte auf. Sie nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, gehört zu den großen Herausforderungen. Dolinsky ergänzt: »Nach dem Krieg sind einige Denkmäler entstanden, meist auf Initiative der Überlebenden.

Manchmal trat auch die sowjetischen Regierung in Erscheinung.« Allerdings seien diese Orte schnell wieder in Vergessenheit geraten. So, dass »zu einem Gedenktag, zu dem auch staatliche Organisationen eingeladen hatten, nur Juden kamen.«

Babi Jar Deshalb hält es Eduard Dolinsky für unverzichtbar, Geld in Projekte für Jugendliche zu investieren. Das sieht Anatoly Podolsky vom Ukrainischen Zentrum für Holocaust-Studien ähnlich. Der Direktor der 2002 gegründeten Bildungseinrichtung kümmert sich nicht nur um Heranwachsende, sondern auch um Erwachsene.

Zum Beispiel werden Workshops für Lehrer angeboten. Dieses Engagement allein reicht allerdings nicht aus. Der Staat müsse anfangen zu verstehen, dass beispielsweise das Massaker von Babi Jar, bei dem 1941 fast 34.000 Juden systematisch ermordet wurden, ein Teil ukrainischer Geschichte sei.

Philip Carmel, Direktor der europäischen Gräberinitiative Lo Tischkach, die 2006 als gemeinsames Projekt der Conference of European Rabbis und der Claims Conference gegründet wurde, wünscht sich, dass die Erinnerung an die grausamen Ermordungen in der Bevölkerung wachgehalten wird.

»Wenn Jugendliche zum Beispiel Fußballspielen gehen und sich dieser Platz in der Nähe einer Synagoge befindet, dann sollten sie durch eine Tafel daran erinnert werden, dass hier einst jüdisches Leben war.«

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