Ungarn

Verriegelte Synagoge

Als die Situation eskalierte, wurde die orthodoxe Synagoge in der Budapester Kazinczy-Straße vorübergehend abgesperrt. Foto: Marco Limberg

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Verriegelte Synagoge

Ein hitziger Machtkampf spaltet die jüdische Orthodoxie des Landes

von György Polgár  05.07.2023 14:26 Uhr

In Ungarn gibt es zwei orthodoxe Religionsgemeinschaften: die Ungarische Autonome Orthodoxe Israelitische Glaubensgemeinschaft MAOIH und die Einheitliche Ungarische Israelitische Glaubensgemeinschaft EMIH.

Die von der chassidischen Chabad-Bewegung gesteuerte EMIH ist klein und besteht seit 2004. MAOIH hingegen blickt auf eine 150 Jahre alte Tradition zurück und war einst die größte Gemeinde. Während der Schoa hatte sie schwerste Verluste erlitten, viele Mitglieder wurden ermordet. Von den restlichen, die überlebt hatten, verließen viele das Land später während der sozialistischen Ära bis 1990.

misswirtschaft In den vergangenen Jahren hatte MAOIH nur noch einige wenige Hundert Mitglieder und war in letzter Zeit auch durch – wie man hinter vorgehaltener Hand sagt – mutmaßliche Misswirtschaft in eine finanzielle Notlage geraten. Aufgrund ihrer langen Geschichte genießt die Gemeinde jedoch ein hohes Ansehen in der jüdischen Welt.

Die beiden Gruppen beschimpfen sich in den jüdischen Medien.

In den vergangenen zwei Jahren beantragten viele vermeintliche EMIH-Anhänger ihre Aufnahme in die MAOIH, und sie wurden neue Mitglieder. Der Gemeindevorsitzende Róbert Deutsch begrüßte diese Erweiterung, denn sie wirkte dem Schrumpfen der Gemeinde entgegen. Allerdings soll bei der Aufnahme neuer Mitglieder gegen die Gemeindesatzung verstoßen worden sein. So hätte man zuvor unter anderem die genaue Identität der Antragsteller und ihre eventuelle Mitgliedschaft in anderen Gemeinden prüfen müssen – was nicht geschah.

Weil Deutsch die Mahnrufe der Gemeinschaft außer Acht ließ, wurde er im Oktober vergangenen Jahres kurzerhand abgewählt, und man bestimmte eine neue Leitung. Zu dieser Sitzung hatte man die neuen Mitglieder nicht eingeladen. Deutsch wollte sich nicht fügen und berief seinerseits eine eigene Versammlung ein – auf der die neuen Mitglieder seinen Vorsitz bestätigten. Dem folgten viele Streitigkeiten, doch schien Deutsch im Amt zu bleiben.

NEUWAHL In einer Sitzung im Februar aber wurden Deutsch und sein Generalsekretär mit Stimmen der neuen EMIH-Leute überraschenderweise abgelöst, und man wählte eine neue MAOIH-Spitze – aus den Reihen der gerade erst hinzugekommenen EMIH-Leute.

Plötzlich redeten die alten früher zerstrittenen MAOIH-Mitglieder wieder mit einer Stimme: Man sprach von einem Putsch, damit EMIH sich die alte orthodoxe Gemeinde einverleiben könne. Was als »Rettung« gepriesen werde, könne nicht »darüber hinwegtäuschen, dass es sich hier um eine raffiniert geplante, zynische Machtübernahme handelt«, sagt der gestürzte Präsident Róbert Deutsch.

Viele alteingesessene MAOIH-Mitglieder stimmen Deutsch zu. Seit Jahren schon verfolgt EMIH eine aggressive Expansionspolitik, unterstützt von der Orbán-Regierung. Eine Übernahme der altehrwürdigen orthodoxen Gemeinde könnte nicht nur das EMIH-Image verbessern, sondern auch die wenigen, aber sehr wertvollen Immobilien in bester Budapester Lage kämen ihnen zugute sowie ihr Anteil an der sogenannten Dauerannuität, einer staatlichen Entschädigung für die nach dem Krieg unrechtmäßig enteigneten jüdischen Immobilien.

Sie steht MAOIH zu, aber nicht der 2004 gegründeten EMIH. All die Vorwürfe werden von EMIH heftig bestritten. Doch viele erinnern sich daran, dass deren Oberrabbiner Slomó Köves einer früheren Bitte von MAOIH um finanzielle Hilfe nur dann nachkommen wollte, wenn sich beide Körperschaften verbinden würden. Das Ansinnen war also seit Längerem bekannt.

NEOLOGIE Für pikant halten es viele, dass der von den EMIH-Leuten installierte neue MAOIH-Präsident Gábor Keszler seine Zuneigung zur Orthodoxie erst kürzlich entdeckte. Früher war er Vorstandsmitglied einer neologen Budapester Gemeinde.

Die Neologie ist eine spezifisch ungarische Innovationsbewegung, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Anfang nahm und mit dem konservativen Judentum vergleichbar ist. Der überwiegende Teil der observanten ungarischen Juden gehört ihr an.

Die abgesetzte MAOIH-Spitze akzeptiert die neue Situation nicht und hat sich deshalb ans Rabbinatsgericht von Eda Haredit, einer ultraorthodoxen Gemeinde in Jerusalem, gewandt. Das Gericht hat entschieden, dass die früheren Gemeinde­vorsteher erst nach einer Anhörung vor einem rabbinischen oder einem anderen, von beiden Parteien akzeptierten Gericht abgelöst werden. In der Zwischenzeit soll die Beteiligung der neuen Mitglieder ruhen, einschließlich derer, die sich als der neue Vorstand betrachten. Der neu installierte MAOIH-Präsident Gábor Keszler lehnt die Zuständigkeit der Jerusalemer Richter jedoch ab.

kontrahenten Vor einigen Wochen eskalierte die Situation, als Róbert Deutsch den Eingang zur MAOIH-Synagoge und der Gemeindezentrale verriegeln ließ. Am Folgetag brachen seine Kontrahenten das Tor auf, nahmen die Büros in Besitz, löschten alte Inhalte der Website und veröffentlichten neue.

Der Streit verschärfte sich, als das Staatssekretariat für Religionsfragen den Beschluss der jüngsten Versammlung gegenzeichnete – und damit legalisierte. Um diesen Schritt rückgängig zu machen, hat sich Deutsch an das Verwaltungsgericht gewandt.

Seitdem beschimpfen sich die beiden Gruppen in jüdischen Medien vehement. Aussage steht gegen Aussage. So behauptet Keszler, schwerwiegende Unstimmigkeiten in der Buchhaltung entdeckt zu haben, die eventuell mit Machenschaften des Privatunternehmens seines Rivalen zu tun haben könnten. Der abgesetzte Gemeindechef wiederholt immer wieder die illegale Übernahme, hinter der EMIH stehe.

Er und eine kürzlich gegründete informelle Gruppierung der alten Mitgliedschaft bezichtigt die neue Spitze der Lügen, zum Beispiel, als diese darüber berichteten, dass in dem angeblich verdreckten Archiv Torarollen unter unwürdigen Umständen gelagert würden.

Ein Jerusalemer Rabbinatsgericht soll den Frieden wiederherstellen.

Seinem Kampf um Gerechtigkeit erwies Deutsch allerdings einen Bärendienst, als er in einer Radiosendung behauptete: »Was den Nazis nicht gelungen ist, nämlich die Budapester Orthodoxie zu vernichten, das versucht nun eine jüdische Gruppe zu vollbringen.«

Der Großteil der ursprünglichen MAOIH-Mitglieder scheint gegen den Wechsel an der Spitze zu sein. »Was wollen die von uns?«, fragt einer von ihnen, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. »Wir brauchen keine sogenannte Hilfe, um unsere Probleme zu lösen! Sind denn diese Leute überhaupt orthodox?«, wettert der Mann.

entscheidungen Die EMIH versichert indes immer wieder, mit dieser Kontroverse nichts zu tun zu haben. Sie respektiere lediglich die Entscheidungen der orthodoxen Gemeinschaft und von deren Führung. Der neu gewählte MAOIH-Generalsekretär Smuel Oirechman, der zugleich EMIH-Rabbiner ist, beteuert, ihn motiviere ausschließlich die Liebe zum Judentum.

Keszler versprach, er werde das Urteil des Verwaltungsgerichts auch dann akzeptieren, wenn es nicht in seinem Sinne ausfallen würde. Doch dieses Problem stellte sich ihm nicht. Die ungarische Justiz steht seit einigen Jahren in dem Ruf, nicht unabhängig zu sein. Ende Juni gaben die Verwaltungsrichter dem neuen Gemeindevorstand Recht, hinter dem die regierungstreue EMIH steht.

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