Das Rathaus von Sarajevo, der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, ist ein überaus prachtvolles Gebäude und heute auch eine große Touristenattraktion. Erbaut zum Ende des 19. Jahrhunderts im sogenannten pseudo-maurischen Stil nach dem Vorbild von Moscheen in Kairo, ist es eines der architektonischen Denkmäler, das an die Herrschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie in dem Balkanland erinnern, die 1878 begann und 1918 mit der Niederlage der Habsburger im Ersten Weltkrieg endete. Diese »Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts« hatte ihren Anfang ebenfalls in Sarajevo genommen, und zwar mit der Ermordung des Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gattin durch serbische Nationalisten – nur wenige Hundert Meter von diesem Rathaus entfernt.
In ebenso geringer Distanz, aber durch den Fluss Miljacka getrennt, liegt die aschkenasische Synagoge der Stadt. Wie das Rathaus ist auch sie in der Zeit der österreichischen Herrschaft vor 1918 erbaut worden – eine Epoche, in welcher der aschkenasische Einfluss in der bis dato stark sefardisch geprägten Gemeinde deutlich stieg.
Im Eingangsbereich des prachtvollen, äußerlich aber eher unscheinbaren Gebäudes gibt es neben den obligatorischen Sicherheitsleuten auch einige ältere Personen zu sehen, die Kaffee trinken und rauchen. Eine Gruppe von etwa 30 Angehörigen der bosnisch-herzegowinischen Armee verlässt gerade das Gebäude und bedankt sich bei Igor Benzion Kozemjakin für die eben zu Ende gegangene Synagogenführung.
Chasan und so etwas wie das »geistige Oberhaupt« der jüdischen Gemeinde
Igor Kozemjakin ist Chasan und so etwas wie das »geistige Oberhaupt« der jüdischen Gemeinde von Sarajevo, die heute etwa zwischen 300 und 400 Mitglieder zählt. Einen Rabbiner hat die Gemeinde nicht. Kozemjakin, der aus der Region stammt, seine Ausbildung zum Chasan in Israel absolvierte und daraufhin wieder in seine Heimatstadt zurückkehrte, wo er heute mit seiner Familie lebt, will dieses Amt ausdrücklich nicht. »Diesen Hut ziehe ich mir nicht an.«
An der Brücke, die Rathaus und Synagoge trennt, prangt eine Palästina-Fahne.
Dass sich Armeeangehörige, die aus Personen aller bosnischer Volksgruppen zusammengestellt sind, also katholische Kroaten, muslimische Bosniaken und orthodoxe Serben, für die jüdische Religion interessieren, wertet Kozemjakin als ermutigendes Zeichen in einer Zeit, in der es sonst wenig Grund zur Freude und Hoffnung für die jüdische Gemeinschaft der Stadt gibt. »Unsere Situation hier hat sich in den vergangenen Jahren erheblich verschlechtert, vor allem seit dem 7. Oktober 2023.«
Das zeigt sich schon auf den ersten Blick in der Stadt, in der propalästinensische und anti-israelische Graffitis noch zahlreicher sind als anderswo, gleichzeitig der muslimische Einfluss, nicht zuletzt auch durch die zahlreichen Touristengruppen aus den Golfstaaten und der Türkei, deutlich wächst. Der TV-Sender »Al Jazeera«, der gern für die Muslimbruderschaft die Werbetrommel rührt, verfügt hier gleichfalls schon länger über ein Büro.
»Ich trage meine Kippa nur noch unter einer Baseball-Kappe«
Wie zum Beweis prangt an der Brücke, welche Rathaus und Synagoge trennt, unübersehbar ein Transparent mit Palästina-Fahne und der Aufschrift »From Sarajevo with Love and Resistance«. Chasan Kozemjakin hat für sich schon vor einiger Zeit entschieden: »Ich trage meine Kippa auf der Straße nicht mehr, sondern nur noch unter einer Baseball-Kappe.«
Zum allgemeinen Klima passt auch, dass die Konferenz europäischer Rabbiner, die im Juni in Sarajevo hätte tagen sollen, ausgeladen wurde. Das machte international ebenso Schlagzeilen wie das Nationalmuseum Bosniens, das einen Teil der Eintrittsgelder für die weltberühmte »Sarajevo Hagada« weiterhin zweckentfremdet »für Palästina« verwendet und damit aus einem jahrhundertealten jüdischen Kultgegenstand eine anti-israelische politische Manifestation macht. Die Schwierigkeiten der jüdischen Gemeinde blieben aber nicht auf diese offensichtlich antijüdischen Stimmungen in der Öffentlichkeit beschränkt, weiß Igor Kozemjakin zu berichten.
Er ist auch viel in den jüdischen Gemeinden anderer Staaten auf dem Balkan unterwegs, beispielsweise in Kroatien und Serbien. »Wenn wir in unserer historischen Synagoge bauliche Veränderungen vornehmen wollen, warten wir oft Monate, wenn nicht sogar Jahre, bis wir eine Antwort der Behörden erhalten.« Nicht selten falle diese dann negativ aus. Auf eine finanzielle Unterstützung dürfe man ohnehin nicht hoffen, der bosnische Staat ist nicht besonders liquide. Jüdische Belange seien da gewiss nicht prioritär.
Jede Woche wird für Bedürftige gekocht, und zwar unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit.
Dabei engagiere sich die Gemeinde auch sehr für die Allgemeinheit. Jede Woche wird für Bedürftige gekocht, und zwar unabhängig von ihrer religiösen Zugehörigkeit. Das ist durchaus in der Tradition der Gemeinde und des sefardischen Hilfsvereins »Benevolencija«, der, Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, sich im Bürgerkrieg in den Jahren zwischen 1992 und 1995 sehr für die Bevölkerung eingesetzt hatte. Im Stadtbild ist »Benevolencija« auch heute sehr präsent.
In der Zeit des mörderischen Konflikts und der Belagerung der Stadt durch die serbischen Milizen war die kleine jüdische Gemeinschaft ebenfalls so etwas wie ein neutraler Vermittler – allerdings verließen auch zahlreiche Jüdinnen und Juden damals Bosnien unter dramatischen Bedingungen und kehrten nicht mehr zurück.
Koscheres Fleisch bezieht die Gemeinde aus Ungarn oder Belgrad
Das jüdische Alltagsleben, etwa die Versorgung mit koscheren Lebensmitteln, ist schwierig geworden. Koscheres Fleisch bezieht die Gemeinde zumeist aus Ungarn oder der serbischen Hauptstadt Belgrad. Selbst Chabad Lubawitsch, ansonsten in Städten mit kleinerer jüdischer Bevölkerung oft ein sicherer Versorger, ist in Sarajevo nicht existent. Ein kleiner Laden, der jüdische Kultgegenstände verkauft und direkt neben einer früheren Synagoge liegt, hat nur wenige Stunden in der Woche geöffnet. Die Kinder der freundlichen Ladenbesitzer, einem Ehepaar, leben längst nicht mehr in Sarajevo.
Dennoch will sich Igor Kozemjakin seinen grundsätzlichen Optimismus nicht nehmen lassen: »Wir versuchen nach Möglichkeit, den Menschen unserer Gemeinde ein jüdisches Leben zu bieten.« Dazu gehören Gottesdienste an den Feiertagen ebenso wie die am Schabbat, wobei derzeit nur am Freitagabend ein Minjan zustande kommt. »Ich hoffe aber, dass wir bald auch am Schabbatmorgen die Tefilla durchführen können.« Die jüdische Gemeinde von Sarajevo gibt also nicht auf – und hofft auch auf einen positiven Effekt durch die Rabbinerkonferenz. Denn die soll nun doch noch in Sarajevo stattfinden, und zwar in diesem Jahr.