Identität

»Uns interessiert die Perspektive«

Jonathan Boyd Foto: Gregor Zielke

Identität

»Uns interessiert die Perspektive«

Jonathan Boyd über Juden in Europa, Antisemitismus und eine Umfrage des JPR-Instituts

von Tobias Kühn  27.04.2018 15:39 Uhr

Herr Boyd, nächste Woche startet Ihr Institut im Auftrag der Europäischen Grundrechteagentur eine Umfrage zu Antisemitismus in Europa. Was genau wollen Sie herausfinden?
Es ist eine Umfrage unter der jüdischen Bevölkerung in 13 europäischen Ländern, darunter auch Deutschland. Wir wollen herausfinden, wie Juden Antisemitismus wahrnehmen und welche Erfahrungen sie damit haben. Oft wird Judenhass anhand von Polizeistatistiken erfasst, oder man macht Umfragen unter Nichtjuden über ihre Einstellung gegenüber Juden. Doch uns interessiert die Perspektive derer, die Ziel dieses Hasses sind – das macht unseren Zugang einmalig und wird uns erlauben, die Realität von Juden in Europa zu zeigen.

Wer kann an der Umfrage teilnehmen?
Sie ist offen für jeden, der sich als jüdisch versteht, in einem der 13 Länder lebt und älter als 16 Jahre ist. Wir wollen, dass möglichst viele Menschen daran teilnehmen und die Fragen beantworten.

Wie repräsentativ wird das Ergebnis der Umfrage sein?
Wir haben im Vorfeld die demografische Situation der jüdischen Bevölkerung in den teilnehmenden Ländern sehr genau erfasst: also Alter, Geschlecht, Wohnort und die Zugehörigkeit zu den jeweiligen jüdischen Strömungen. Dabei haben wir mit Gemeinden und verschiedenen jüdischen Organisationen zusammengearbeitet, um sicherzugehen, dass wir orthodoxe und liberale Juden gleichermaßen erreichen. Die demografischen Profile, die wir daraus erstellt haben, erlauben uns, die in der Umfrage erhaltenen Antworten richtig zu gewichten.

Wie können Sie garantieren, dass die Daten vertraulich behandelt werden?
Wir sammeln keine persönlichen Daten. Uns interessieren weder Name noch Anschrift, Telefonnummer oder Mailadresse. Die Umfrage erfolgt im Auftrag der Europäischen Union und hält sich strikt an das EU-Datenschutzrecht.

Was muss man tun, um an der Umfrage teilzunehmen?
Wenn die Erhebung am 9. Mai beginnt, werden in den 13 Ländern Tausende Juden eine Mail mit dem Link zu der Umfrage bekommen. Und jeder, der teilnimmt, kann wiederum andere ermutigen, ebenfalls daran teilzunehmen. Ich denke, dieses Schneeballsystem wird innerhalb kurzer Zeit dazu führen, dass sehr viele Menschen den Link erhalten. Und wer nicht so lange warten will, kann ab dem 9. Mai natürlich auch direkt ins Internet gehen und unter www.eurojews.eu an der Umfrage teilnehmen.

Bis wann ist es möglich, sich an der Studie zu beteiligen?
Vermutlich bis Ende Juni, Anfang Juli.

Und wann werden die Ergebnisse bekanntgegeben?
Wir rechnen damit, dass die EU-Grundrechteagentur sie Ende des Jahres veröffentlichen wird.

Es ist die zweite Umfrage dieser Art. Welche Auswirkungen hatte die erste im Jahr 2012?
Einige Zeit nach der Veröffentlichung der Ergebnisse beschloss die EU, das Amt einer Koordinatorin zur Bekämpfung von Antisemitismus zu schaffen, das einem der Vizepräsidenten der Europäischen Kommission direkt unterstellt ist. Außerdem forderte das EU-Parlament die Mitgliedstaaten auf, die Antisemitismus-Definition der Internationalen Allianz für Holocaust-Gedenken anzunehmen.

Und welche Auswirkungen erwarten Sie von der neuen Umfrage?
Das ist schwer zu sagen, es hängt ja von den Ergebnissen ab. Aber ich bin mir sicher: Die Europäische Kommission wird dafür sorgen, dass man sie sehr wohl beachten und nutzen wird.

Mit dem Direktor des Londoner Institute for Jewish Policy Research (JPR) sprach Tobias Kühn.

Buenos Aires

Argentinien: Richter ordnet Prozess wegen Terroranschlags von 1994 an

Über 32 Jahre ist es her, dass Terroristen einen Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA in Buenos Aires verübten. 85 Menschen wurden ermordet. Nun entschied ein Richter, den Prozess gegen die Verdächtigen zu eröffnen

 22.09.2026

Kanada

Schüsse vor Synagoge: Polizist und mutmaßlicher Angreifer schwer verletzt

Der Vorfall ereignete sich am Sonntagabend, während sich rund 25 Menschen in der Sons of Jacob Synagogue zum Jom Kippur versammelt hatten

 22.09.2026

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026