Jamaika

Totenschädel und Priesterhände

Der erste Arbeitsschritt ist abgeschlossen. Ainsley Henriques amtet durch bei der Aufzählung der einzelnen Phasen des Mammutprojekts. »Wir haben alle jüdischen Friedhöfe in Jamaika katalogisiert«, sagt der 80-Jährige sichtbar zufrieden. Zwölf Jahre Arbeit liegen hinter dem ehemaligen Vorsitzenden der »United Congregation of Israelites Jamaica – Synagogue Shaare Shalom« in Kingston. Henriques ist auch der ehemalige Vorsitzende des Jamaica National Heritage Trust, der sich um die historischen Besitztümer des Landes kümmert.

Hunderte von Gräbern auf 14 noch immer existierenden jüdischen Begräbnisplätzen hat der jüdische Forscher Grab für Grab, Stein für Stein und manchmal nur noch das, was davon übrig geblieben ist, erfasst, um diese Informationen jetzt für die weitere Katalogisierungsarbeit aufzubereiten. »Ohne Dutzende von jüdischen Jugendlichen, die jedes Jahr als Freiwillige aus den USA gekommen sind, um in den Semesterferien zu helfen, hätten wir die Arbeit gar nicht geschafft.«

Inschriften Die Volunteers halfen dabei, die überwucherten Gräber freizulegen und zu säubern, Steine adäquat zu reinigen und so herzurichten, dass sie nicht weiter verfallen. Sie identifizierten und übertrugen die teils hebräischen, teils englischen, niederländischen und portugiesischen Inschriften.

Für die Dokumentation wurden diese nicht nur von allen Seiten fotografiert, sondern auch vermessen. »Wir haben auch die Abstände zwischen den Gräbern gemessen, Lage und Himmelsrichtung genau bestimmt.«

Zu guter Letzt wurden auch die GPS-Daten festgehalten. »Künftig kann jeder, der zum Beispiel das Grab eines Vorfahren sucht, dieses bei uns im Internet finden, die genaue Lage des Grabes online prüfen«, sagt der stolze Genealogieforscher, der der jamaikanischen Gesellschaft für jüdische Genealogie vorsteht. Auch wurden Gräber identifiziert, bei denen keine Steine mehr gesetzt wurden.

Aber die Arbeit ist noch längst nicht getan, schränkt Henriques ein. Denn jetzt müssen die Feldergebnisse mit den Dokumenten in den britischen und jamaikanischen Staatsarchiven abgeglichen und komplettiert werden. Künftig soll jeden Stein und jedes Grab auch die dazugehörende Lebensgeschichte des Verstorbenen im weltweiten Web begleiten.

Karibik Insgesamt gab es in Jamaika, das im 17. und 18. Jahrhundert zeitweise die größte jüdische Gemeinschaft in der Karibik beherbergte, 21 Friedhöfe. »In fast allen größeren Städten der drittgrößten Insel der Großen Antillen wohnten Juden«, berichtet Ainsley Henriques.

Entsprechend zahlreich seien die Friedhöfe, die über die Jahrhunderte seit der Eroberung der Insel durch Kolumbus im Jahr 1494 entstanden sind. Aus der Frühzeit fanden Henriques und seine Helfer in der Nähe der ehemaligen Piratenhochburg Port Royal, wo viele Juden lebten und am Schabbat das Leben stillstand, einen Beisetzungsort der besonderen Art.

Auf einigen Grabsteinen auf dem Friedhof in Hunt’s Bay konnten die Forscher eindeutig Gravuren identifizieren, die Piratensymbole wie den knochengekreuzten Totenschädel und jüdische Elemente wie segnende Priesterhände, das Kohanim-Zeichen mit den gespreizten Fingern, miteinander vereinen. »Der älteste Grabstein ist aus dem Jahr 1672«, erzählt Henriques, »20 Jahre, bevor Kingston gegründet wurde. Der Friedhof gehörte zur jüdischen Gemeinde von Port Royal.«

Montego Bay Zwei Drittel der 21 Beisetzungsorte sind erhalten geblieben und sollen in den nächsten Jahren auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. »Das muss allerdings noch der Synagogen- und Gemeindevorstand beschließen«, schränkt Henriques ein. Bedeutend waren die Friedhöfe in Spanish Town, der ehemaligen Hauptstadt der Insel, Savanna La Mar, Lucea, Montego Bay, Old Harbour und Mandaville.

Besonders der Friedhof in Montego Bay steht auf der Prioritätenliste für die Rekonstruktion, weil er zentral an einem der Hotspots des jamaikanischen Tourismus liegt, dem Hip Strip. Tausende Touristen bummeln hier vorbei. Eine historische Attraktion, die inzwischen auch das Jamaica Tourist Board nutzen will, denn jedes Jahr machen rund um Montego Bay zahlreiche jüdische Touristen Urlaub. »Für Juden war Jamaika schon in den 50er- und 60er-Jahren ein beliebtes Reiseziel«, weiß Ainsley Henriques.

Jetzt sammelt der rührige Aktivist, der die treibende Kraft bei der historischen Forschung über das Judentum in Jamaika ist, gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde Geld für den Jewish Cemetery Preservation Fund, um die Archivarbeit und die nutzerfreundliche Aufbereitung zu finanzieren. »Es bleibt für mich in den nächsten Jahren noch viel zu tun«, sagt Ainsley Henriques. »Und ich freue mich auf die jungen Leute, die auch jetzt wieder dabei sein werden, wenn es darum geht, Archive zu durchforsten und Dokumente für die Online-Nutzung zu digitalisieren.«

Bonn/Berlin

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