Gewalt

»Tod den Juden!«

Protest am 19. Juli in Paris »gegen Gewalt im Gazastreifen«. Wegen befürchteter Ausschreitungen war die Demo verboten worden. Foto: Reuters

Die Steine kamen am Ende der Nacht. Es wurde schon hell in Amersfoort, dem kleinen Städtchen bei Utrecht, als Binyomin Jacobs von einem lauten Krachen aus dem Schlaf gerissen wurde. Drei große, schwere Steine hatten eine Scheibe durchschlagen. Zum zweiten Mal innerhalb einer Woche war das Haus des niederländischen Oberrabbiners Ziel eines Angriffs. Beim ersten Mal hatte die Doppelverglasung den Steinen noch standgehalten.

Binyomin Jacobs ist ein positiv denkender Mensch. Es gab in den vergangenen Jahren vergleichbare Situationen. Trotzdem schwärmte er, ein Verfechter der multikulturellen, offenen Gesellschaft, davon, wie viel Solidarität er erfahren habe. Auch nach den jüngsten Angriffen, betont er, hätten jüdische und nichtjüdische Menschen ihm Hilfe angeboten. »Doch das ändert nichts daran, dass die Aggressivität zunimmt.«

Hakenkreuze Es ist Krieg in Gaza, und wie immer in den vergangenen Jahren zieht diese Tatsache in Europa eine Welle von Antisemitismus nach sich. Zwischen den beiden Angriffen von Amersfoort sah man auf einer Pro-Palästina-Kundgebung im Zentrum von Den Haag Flaggen, die Davidstern und Hakenkreuz gleichsetzten. Auch Hitlergrüße werden gezeigt. Den Haag und Amersfoort sind keine Einzelfälle. Antwerpen, am selben Wochenende: Bei einer weiteren Kundgebung gegen den Gaza-Krieg im Quartier Borgerhout wurden nicht nur Solidaritätserklärungen mit Palästina verlesen, es ertönte auch der antijüdische Kampfruf »Khaybar ya yahud«.

»Wenn Demonstranten wütend sind auf Israel, sollen sie ihren Unwillen nicht auf alle Juden richten«, kommentierte Michael Freilich, Chefredakteur der Antwerpener Zeitung Joods Actueel. Dringend rief er dazu auf, »den Konflikt nicht in unser Land zu importieren«. Eine Warnung, die zu spät kommt: Am vergangenen Wochenende lief eine Palästina-Demonstration in Brüssel aus dem Ruder. Gegen Ende scherten rund 100 junge Demonstranten aus der Gruppe der etwa 2000 friedlichen Protestierer aus, schlugen Autofenster ein und liefen über die Dächer der Wagen. Eine amerikanische und eine israelische Flagge wurden verbrannt; der Ruf »Tod den Juden« erklang.

In Frankreich ist man offenbar dabei, solchen Worten Taten folgen zu lassen. Nach Angriffen auf mehrere Pariser Synagogen und der Belagerung einer weiteren, in der sich 200 Betende befanden, verlief auch das vergangene Wochenende gewalttätig. Trotz eines Verbots des französischen Innenministeriums fand im nördlichen Vorort Sarcelles, in dem eine größere jüdische Gemeinschaft wohnt, eine anti-israelische Kundgebung statt. Eine kleine Gruppe sonderte sich ab, ein Brandsatz wurde auf eine Synagoge geschleudert, ohne größeren Schaden anzurichten. Die Polizei setzte Tränengas ein, etwa 30 Mitglieder der French Jewish Defense League schützten den Eingang der Synagoge.

Solidarität »Absolut schockierend«, kommentiert Serge Cwajgenbaum, Generalsekretär des European Jewish Congress in Paris. »Wir können verstehen, dass Menschen demonstrieren, ihre Besorgtheit äußern und ihre Solidarität mit dem palästinensischen Volk ausdrücken wollen. Aber sie müssen sich an die Gesetze in Europa halten. Unglaublich, dass sie die palästinensische Sache als Vorwand benutzen, um offen antisemitisch zu werden.«

Cwajgenbaum lässt keinen Zweifel daran, dass die aktuelle antijüdische Welle »viel stärker ist, als was wir in der Vergangenheit sahen«. Neben der Situation in Gaza sieht er den Dschihadismus in der Verantwortung. Von »Khaybar ya yahud«-Rufen berichtet Cwajgenbaum auch aus Frankreich. Und es ist wohl kein Zufall, dass man just diese Parole auch Anfang Juli in Den Haag hörte, bei einer Demonstration für die Freilassung eines niederländischen Muslims, der wegen der vermeintlichen Rekrutierung von Syrienkämpfern festgenommen wurde.

Was Symbolik betrifft, gibt es noch mehr Überschneidungen: In vielen europäischen Städten sind türkische Flaggen ein beliebtes Accessoire auf Pro-Palästina-Kundgebungen – etwa in Wien, wo es trotz antisemitischer Hass-Propaganda im Internet am Sonntag friedlich blieb.

Erdogan In Ankara verglich Premier Erdogan derweil das israelische Vorgehen in Gaza mit Hitler und sprach von einem »systematischen Genozid« an Palästinensern. Dem innenpolitisch angeschlagenen Erdogan, mutmaßen Beobachter, könnten die Ausschreitungen der vergangenen Woche sogar recht kommen. Dabei bewarfen Demonstranten das israelische Konsulat mit Steinen und anderen Gegenständen und versuchten, über die Mauern zu klettern.

Laut Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, trifft die Medien eine Teilschuld an der explosiven Lage. Das Bild von »Juden als Schuldigen, die wehrlose Menschen umbringen« diene vielfach als Anlass für gewalttätige Proteste. In dieser Interpretation vollzieht sich nun auch in den Städten Europas eine immer plakativere Polarisierung. Muslime und Juden stehen sich zunehmend als Blöcke gegenüber.

Ein Alarmsignal ist nicht zuletzt, dass jene, die zur Nuancierung mahnen, überhört werden. Wie Binyomin Jacobs, der sich seit Jahren gegen die antimuslimische Stimmungsmache der niederländischen Rechtspopulisten ausspricht. Der darauf hinweist, er mache seinen türkischen Nachbarn nicht für »Zypern« verantwortlich und marokkanische Bekannte nicht für die Situation in der West-Sahara. Und der sich in seinem Haus trotz Polizeibewachung nicht mehr sicher fühlt.

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