Russland

Tikkun Olam an der Newa

Im Gemeindehaus in der Petersburger Rubinstraße: eine ehrenamtliche Lehrerin mit ihren Schützlingen aus Usbekistan, Tschetschenien und Kirgistan Foto: Ute Weinmann

Willst du bis zur Rente Tom Sawyer lesen?!« So streng und energisch die Stimme auch klingt, liegt in ihr doch echte Anteilnahme. Sie gehört einer schlanken, charismatischen Frau mit langem blonden Haar. Neben ihr in einem der Räume des jüdischen Gemeindezentrums in St. Petersburg sitzt ein Erst‐ oder Zweitklässler, der nicht so recht weiß, wie er auf die drängende Frage reagieren soll. Russisch ist nicht seine Muttersprache, und ein ganzes Buch zu lesen, hat von ihm bisher noch niemand verlangt.

Unterricht Wer vom Newski‐Prospekt im historischen Stadtzentrum St. Petersburgs in die von schicken Restaurants und Bars dominierte Rubinsteinstraße einbiegt, muss nur wenige Meter gehen. Dichter Baumbewuchs im Hinterhof verdeckt den Eingang zum Gemeindezentrum, das jedem offensteht. Wer hier nach Leokadia Frenkel fragt, stößt auf irritierte Blicke. »Ach so, Lika. Die ist gerade beschäftigt.«

An diesem Nachmittag kontrolliert sie, ob sich die Kinder auf ihren Unterricht vorbereitet haben. In den staatlichen Schulen sind zwar inzwischen Ferien, aber hierher kommen sie freiwillig. Es geht darum, Russisch zu lernen. Die Kinder stammen aus Usbekistan, Kirgistan, auch ein Junge aus Tschetschenien war schon da und sogar drei Mädchen aus Tuwa. Die Republik liegt im südlichen Teil von Sibirien, aber in ihrer Dorfschule wurden ihnen nur marginale Sprachkenntnisse vermittelt. In Russland gibt es keine Willkommensklassen. Entweder die Kinder sind in der Lage, dem Unterricht zu folgen, oder nicht.

Zweimal pro Woche, mittwochs und freitags, finden sich zwei Dutzend oder mehr Grundschulkinder ein. Jetzt zur Ferienzeit kommen auch Vorschulkinder. Alle sind Migranten, und für viele ist ungewiss, ob sie in Russland bleiben dürfen. Ihre Eltern müssen hart arbeiten, um über die Runden zu kommen. Da bleibt kaum Zeit, den Kindern den Zugang zum Bildungssystem zu erleichtern.

Genau das jedoch ist Lika Frenkels Intention. Sie ist ausgebildete Russischlehrerin und hat sich zur Aufgabe gemacht, diejenigen zu fördern, die in der Rangordnung der russischen Gesellschaft ganz unten stehen. Sie verlangt ihren Schützlingen einiges ab, offenbar mit Erfolg. So verstand Said, ein Junge aus Kirgistan, als er vor neun Monaten kam, kein einziges Wort, doch inzwischen spricht er Russisch und hat keine Verständigungsprobleme.

Vor fünf Jahren hat alles angefangen. Mit den Bürgerprotesten gegen unfaire Wahlen entstand eine ganze Reihe von Initiativen, und das enorme Potenzial an freiwilligem Engagement sollte nicht einfach so verpuffen. Da entstand die Idee, Kindern aus migrantischen Familien Russisch beizubringen. »Ich sagte, ich habe einen Raum, und bin dann zur Projektkoordinatorin geworden.«

Lika Frenkel sprüht nur so vor Energie. Wer es nicht besser weiß, könnte die Frau des Gemeindezentrumsdirektors für Ende 20 halten. Dabei hat sie schon einen erwachsenen Sohn. Anfangs hat sie Flugblätter auf der Straße verteilt, aber gemerkt, dass das nichts bringt. Schließlich hat sie Kontakt zu den umliegenden Schulen aufgenommen und ist dort bei den Lehrern auf großes Interesse gestoßen. Denn weder verfügen sie über entsprechendes Lehrmaterial, noch haben sie Kapazitäten, zusätzlichen Unterricht anzubieten.

Lika Frenkel spricht mit den Schulen und überredet Eltern, ihre Kinder legal zur Schule zu schicken. Nicht alle halten das für nötig, und ohne die erforderlichen Papiere sträuben sich die Schulen gegen eine Aufnahme. Aber Frenkel besteht darauf, alles zu tun, um den Kindern ein geregeltes Leben zu bieten. Sie unterstützt also nicht nur die Kinder, sondern auch die Schulen. »Ich helfe Russland!«, sagt sie prompt und ganz ohne Ironie.

Freiwillige Inzwischen hat Lika Frenkel auch einige ehrenamtliche Mitarbeiterinnen. Swetlana, die immer davon geträumt hatte, anderen etwas beizubringen, ist seit zwei Jahren dabei. Viele Jahre in verschiedenen Jobs tätig, hat sie nun endlich ihre Berufung gefunden. Dina studiert an der Fakultät für östliche Sprachen und ist ebenfalls begeistert bei der Sache. Die dritte Kraft fällt heute aus einem profanen Grund aus: Ihre Autobatterie wurde gestohlen.

Frenkel betont, ohne die Freiwilligen wäre sie nichts. Doch ohne ihre allseitige Präsenz und ihr unermüdliches Streben nach einem anderen Umgang mit Ausgegrenzten gäbe es die Schule gar nicht erst.

Lika Frenkel will die Welt ein wenig besser machen – Tikkun Olam ist ihr Leitmotiv. »Mein Großvater kam Mitte der 1920er‐Jahre nach Leningrad, ganz allein. Jüdische Organisationen haben ihn unterstützt.« Bis zur Perestroika seien die Juden die am wenigsten akzeptierte Minderheit in der Stadt gewesen, sagt Frenkel. Jetzt sei es an der jüdischen Gemeinde, jenen zu einer Ausbildung zu verhelfen, die aufgrund der festgefahrenen Hierarchien in Russland keine Chance hätten, eine gute Schule zu besuchen.

Die Kinder verstehen am Anfang oft nicht recht, mit wem sie es zu tun haben. Lika ist keine Russin, aber in Russland geboren. Auch manche Eltern kommen mit Vorurteilen. »Einmal hat der Vater eines Jungen gefragt, ob hier alle Lehrkräfte jüdisch seien«, erzählt Frenkel. »Ich habe das bestätigt – obwohl es nicht stimmt.«

Aus Israel gab es teils negative Reaktionen, die Kinder seien doch Muslime. Der Nahostkonflikt hat in St. Petersburg zwar keine Relevanz, aber die Gesellschaft ist gespalten. Viele begegnen anderen mit Hass. Lika Frenkel will sich damit nicht abfinden und verteidigt ihre Einstellung – wenn es sein muss, auch auf der Straße.

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