Ukraine

Streit ums Gedenken an Babyn Jar

Mahnmal in Babyn Jar Foto: Stephan Pramme

Ukraine

Streit ums Gedenken an Babyn Jar

In größerem Rahmen soll an das Massaker vor 80 Jahren erinnert werden, doch die Aufarbeitung bleibt innenpolitisch kompliziert

von Denis Trubetskoy  05.10.2021 13:47 Uhr Aktualisiert

Im September 1941 wurde die Schlucht Babyn Jar in Kiew zum Ort des größten Einzelmassakers an Juden im Zweiten Weltkrieg. Vor der Schoa lebten in der Hauptstadt der damaligen Ukrainischen Sowjetrepublik rund 50.000 Juden.

Ende September 1941 wurden in der ganzen Stadt Anzeigen aufgehängt, die Juden aufforderten, sich mit Dokumenten, Wertsachen und warmer Kleidung in Babyn Jar zu sammeln. Wer nicht komme, dem drohe die sofortige Hinrichtung, hieß es.

Tatsächlich wurde, wer kam, erschossen: fast 34.000 Menschen an zwei Tagen, dem 29. und 30. September. Mehr als 30.000 von ihnen waren Juden. Bis 1943 sind in der Schlucht rund 100.000 Menschen ermordet worden.

Jahrestag In wenigen Tagen jährt sich das Massaker zum 80. Mal. Zahlreiche Politiker sowie Holocaust-Überlebende aus aller Welt werden am 6. Oktober zu Gedenkveranstaltungen in Kiew erwartet.

Vor fünf Jahren, im September 2016, erinnerte das offizielle Kiew zum ersten Mal in größerem Rahmen an das Massaker. Damals kamen unter anderem der amtierende Bundespräsident Joachim Gauck und der israelische Präsident Reuven Rivlin nach Kiew. Zuvor war der Park um Babyn Jar neu gestaltet worden, und die Gedenkstätten hatten erstmals eine gewisse Struktur erhalten.

Mittlerweile ist die Ukraine noch einen Schritt weiter. Ende 2020 unterzeichnete Präsident Wolodymyr Selenskyj einen Erlass, der die Schaffung eines Holocaust-Gedenkzentrums Babyn Jar offiziell anordnet. Seit 2015 versucht eine private Stiftung, deren Projekt auch von Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko unterstützt wird, die Idee voranzutreiben. Noch in diesem Jahr wird der erste Teil des Zentrums eröffnet, und bis 2024 soll ein Museumskomplex entstehen. Doch es gibt Gegenwind.

STIFTUNG Die Stiftung wird überwiegend von den beiden aus der Ukraine stammenden russischen Unternehmern Michail Fridman und German Chan finanziert. Allein dies sorgt aufgrund der komplizierten Beziehungen mit Moskau in der ukrainischen Zivilgesellschaft für Kritik.

Zudem fungiert der russische Regisseur Ilja Chrschanowskij, bekannt durch das umstrittene Filmprojekt Dau, als künstlerischer Leiter des Zentrums. In einem öffentlich gewordenen Konzeptpapier ging es vergangenes Jahr unter anderem um Chrschanowskijs Pläne, dass die Besucher des Museums interaktiv die Rolle der Opfer, Nazis oder Kollaborateure übernehmen könnten – was für scharfe Kritik sorgte. Ob es dazu kommt, ist noch unklar.

Ein alternatives Erinnerungsprojekt, für das der Weltkongress der Ukrainer 20 Millionen Dollar Unterstützung zugesagt hat, will den Fokus weniger auf die jüdischen Opfer legen. Seine Unterstützer betonen, Fridmans und Chans Projekt diene der Erzählung, die Ukrainer seien Nazi-Kollaborateure gewesen.

STREITPUNKT Tatsächlich macht die Tatsache, dass Teile der Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) als Hilfspolizei an dem Massaker in Babyn Jar teilgenommen haben, die Erinnerung zu einem weiteren Streitpunkt. Als Israels damaliger Präsident Rivlin 2016 vor dem ukrainischen Parlament die Rolle der OUN ansprach, griff ihn das Staatliche Institut für Nationale Erinnerung wegen der Verbreitung »sowjetischer Mythen« an. Und tatsächlich wurden in Babyn Jahr später auch viele ukrainische Nationalisten ermordet.

Mit dem ersten Teil des Gedenkzentrums soll zum 80. Jahrestag unter anderem das Objekt »Kurgan« eröffnet werden, ein großes 3D-Modell von Babyn Jar, das die Ereignisse von 1941 widerspiegelt. Außerdem wird gerade die »Kristallwand der Tränen« der Künstlerin Marina Abramowitsch gebaut. Bereits gezeigt wurde der Film des Regisseurs Sergei Loznitsa, Babi Yar. Kontext, der dokumentarische Beweise der Ereignisse enthält, die zu dem Massaker führten. »Das Massaker von Babyn Jar ist ein globales Ereignis. Ohne historische Gerechtigkeit und historische Erinnerung kann sich die Menschheit nicht weiterentwickeln«, sagt Andrij Jermak, Chef des Präsidentenbüros.

Schweiz

Das sind die beliebtesten Vornamen für neugeborene Jungen und Mädchen

Eine neue Erhebung liefert den Überblick

von Nicole Dreyfus  24.08.2026 Aktualisiert

Österreich

Exodus über die Alpen

Zehntausende Juden flohen nach der Schoa über die Hohen Tauern nach Italien und weiter nach Palästina. Heute folgen ihre Nachfahren und andere Wanderer der historischen Route

von Pascal Beck  24.08.2026

Russland

Putins Doppelschlag gegen Jabloko

Die einzige Antikriegs-Partei wurde von der Wahl ausgeschlossen und ihr Anführer zu mehr als elf Jahren Straflager verurteilt

von Alexander Friedman  24.08.2026

New York

Gouverneurin Hochul fordert Mamdani auf, sich weniger auf Israel zu konzentrieren

In einem Interview legt die Gouverneurin des Bundesstaats New York dem Bürgermeister der gleichnamigen Metropole nahe, seinen Fokus auf das »Handwerkszeug der Stadtregierung« zu legen

 23.08.2026

Frankreich

»Fick dich, Gisèle, fickt euch, ihr Zionisten«

Gisèle Journo ist Jüdin und betreibt in Paris eine Agentur für Influencer. Jetzt ist sie Zielscheibe antisemitischer Anfeindungen geworden. Auslöser war der Boykottaufruf einer Europaabgeordneten

von Michael Thaidigsmann  21.08.2026

Philanthropie

Lauder-Stiftung lässt Förderung jüdischer Schulen in sieben europäischen Städten auslaufen

Zum Abschluss der jahrzehntelangen Förderung stellt die Ronald S. Lauder Foundation noch einmal 75 Millionen Dollar bereit. Die Strategie: Hilfe zur Selbsthilfe

 21.08.2026

Yotam Ottolenghi (l.) und Anthony Bourdain

Kulinarisches

Als Yotam Ottolenghi mit Anthony Bourdain einmal in der Wüste landete

Der israelisch-britische Koch erinnert sich zum Filmstart von »Tony« an seine Begegnung mit seinem berühmten amerikanischen Kollegen

von Katrin Richter  21.08.2026

Schweiz

»Death to Zionism«: Anti-Israel-Demo sorgt in Basel für Unruhe

Ausgerechnet am Jahrestag des Ersten Zionistenkongresses soll eine Kundgebung stattfinden, bei der die Vernichtung Israels propagiert wird

 20.08.2026

Wien

Sieben Tage vermisst

Das Verschwinden zweier Israelinnen löste eine groß angelegte internationale Suchaktion aus. Die Geschichte aus realer Angst, einer Nachrichtensperre und wilden Gerüchten hat zwei Versionen

von Sophie Albers Ben Chamo  20.08.2026