Sachbuch

Stimmen der Nachgeborenen

Die Rede »To Our Children« (1984) des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel leitet das Buch ein. Foto: Woodstock

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Stimmen der Nachgeborenen

Menachem Z. Rosensaft interviewte weltweit Kinder und Enkel von Überlebenden

von Katrin Diehl  19.01.2015 17:56 Uhr

Ein achtjähriger Junge steht vor dem Spiegel und kämmt sich die Haare nicht wie sonst von links nach rechts, sondern von rechts nach links. Die Mutter schreit auf. Als der verschreckte Junge wissen will, was los ist, bekommt er eine Ohrfeige.

Der Einzige, der sich von rechts nach links gekämmt habe, sei Hitler gewesen, erfährt er. »Hitler?«, fragt der Junge. Wieder schreit die Mutter: »Das ist der, der dafür verantwortlich ist, dass du weder Großeltern noch Tanten oder Onkel hast!« Von diesem Tag an weiß der Junge, dass er ein Nachkomme von Schoa-Überlebenden ist. Mehr erfährt er nicht.

Die Geschichten ähneln sich und sind so verschieden, wie die Menschen, zu denen sie gehören. Zum 70. Jahrestag der Befreiung der Konzentrations- und Vernichtungslager hat Menachem Z. Rosensaft die erste, zweite und auch dritte Generation in einem Sammelband zu Wort kommen lassen, der in dem amerikanischen Verlag Jewish Lights erschienen ist.

Schoa Rosensaft, 1948 im DP-Camp Bergen-Belsen geboren, heute Juraprofessor in New York und Justiziar des Jüdischen Weltkongresses, kennt den Wert von Erinnerungen. Mit Fragen an die Nachkommen zu Auswirkungen der Schoa auf ihre jüdische Identität, ihren Glauben und ihr heutiges Leben vollzieht er den Schritt in die Gegenwart und das, worauf sie hindeutet.

Mehr als 80 Menschen aus 16 Ländern geben Auskunft über sich in dem Buch God, Faith & Identity from the Ashes: Reflections of Children and Grandchildren of Holocaust Survivors. Und am Ende kann man sagen, dass dieses Buch trotz traurigster Geschichten ein großes Es-geht-weiter-Gefühl hinterlässt. Muster sind zwar zu erkennen, häufiger aber werden ganz individuelle Ansätze, mit der Familiengeschichte umzugehen, geäußert. Die Tiefe der Gedanken steht für die stete Beschäftigung mit dem schweren Erbe.

Manchmal meint man, aus den Texten eine Art Erleichterung herauszuhören, sich unter seinesgleichen öffnen zu dürfen. Schon seit einigen Jahrzehnten melden sich die Kinder von Überlebenden zu Wort. Doch standen dabei vor allem die psychischen Folgen, mit denen die Nachkommen zu kämpfen hatten, im Fokus.

Beteiligte In Rosensafts Buch berichten Menschen, die es in die obersten Etagen des öffentlichen Lebens geschafft haben – wie Großbritanniens früherer Außenminister David Miliband oder Israels Inlandsgeheimdienstchef Avi Dichter, ebenso Rabbiner, Wissenschaftler, Mediziner, Juristen, Künstler und viele, die sich in ihrem Beruf mit Erinnerungsarbeit befassen. Aus Deutschland haben sich unter anderem der Historiker Michael Brenner und und ZEIT-Herausgeber Josef Joffe an dem Projekt beteiligt.

Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel, den Rosensaft seinen Lehrer nennt und dessen Rede »To Our Children« aus dem Jahr 1984 das Buch einleitet, hat mit seinen Texten Gott für die Verstörten zurückgeholt. Er hat ihn den Überlebenden wie den Ermordeten zur Seite gestellt. In vielen Antworten der Nachfahren spiegelt sich zurückgewonnene Stabilität wider – wenngleich Unsicherheiten bleiben. So fragt die New Yorker Rabbinerin Lilly Kaufman: »Ist es erlaubt, nach der Schoa unversehrt (healthy) zu sein?« Und der australische Philosoph Peter Singer äußert Zweifel, ob »nach dem, was passiert ist, der freie Wille immer noch als so hohes Gut zu achten« ist.

Die mit dem Leben davongekommenen Eltern sahen in ihren Kindern oft die Auserwählten, »memorial candles« – »und wir glaubten ihnen«, sagt die israelische Künstlerin Aliza Olmert. Das hatte Folgen. Viele erzählen, dass sie, in allem, was sie anpackten, die Besten sein »wollten«.

Glaube Was fast alle Befragten an ihre Kinder weitergeben möchten, ist der jüdische Glaube. Der zieht manchmal seine Kraft direkt aus dem Holocaust. So sagt Rabbi Bernhard H. Rosenberg: »Ich wurde Rabbiner wegen dieser Nummern.« Und Rabbiner Mordechai Liebling stellt fest: »Wenn mein Großvater bei seinem Schicksal Gott danken konnte, sollte ich es auch tun.«

Bei vielen der Befragten ist die Schoa mit der Identität verwachsen: »Sie ist Teil meiner DNA«, sagt Vivian Glaser Bernstein, die Jahrzehnte lang bei den Vereinten Nationen Bildungsprogramme entwarf. Auffallend oft sehen sich Kinder und Enkel von Schoa-Überlebenden in der Pflicht, gegen Ungerechtigkeit und Not in der Welt vorzugehen. Es gibt »eine große Empfindlichkeit gegenüber Leiden«, sagt Peter Singer. Und so wirkt auf viele Nachkommen Tikkun Olam, die Verbesserung der Welt, als geradezu befreiende Kraft und Energie, die auch vor dem Leser nicht haltmacht.

Menachem Z. Rosensaft: »God, Faith & Identity from the Ashes: Reflections of Children and Grandchildren of Holocaust Survivors«. Jewish Lights, Woodstock 2015, 352 S., 25 $.

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