Porträt

Die Cellistin

Anita Lasker-Wallfisch Foto: Marco Limberg

Porträt

Die Cellistin

Zum 95. Geburtstag von der Schoa-Überlebenden und Zeitzeugin Anita Lasker-Wallfisch

von Karen Miether  15.07.2020 11:32 Uhr Aktualisiert

»Hier spricht Anita Lasker, eine deutsche Jüdin. Ich befinde mich mit meiner Schwester seit drei Jahren in Haft.« Am 16. April 1945 strahlt das deutsche Programm der BBC einen der ersten Augenzeugenberichte aus deutschen Konzentrationslagern aus, einen Tag nach der Befreiung des KZ Bergen-Belsen nahe der niedersächsischen Stadt Celle.

»Ich war 19 und fühlte mich wie 90«, beschreibt Anita Lasker-Wallfisch später ihren Zustand damals, ausgezehrt und dem Tode nah. Sie überlebte Bergen-Belsen und Auschwitz, wo sie im Mädchenorchester spielte. Am 17. Juli wird Anita Lasker-Wallfisch 95 Jahre alt.

Die Cellistin aus London zählt zu den prominentesten Zeitzeuginnen des Holocaust. Ob im Januar 2018 in einer Rede vor dem Deutschen Bundestag oder immer wieder vor Schulklassen - sie wird nicht müde, aus ihrem Leben zu berichten und vor neu aufkommendem Antisemitismus zu warnen.

Sie spielte im Mädchenorchester von Auschwitz und wurde dadurch vor dem Tod bewahrt.

»Dass die, die überlebt haben, die Stimmen der verstummten Millionen sein müssen«, darin sehe sie eine Pflicht, sagte sie im April zum 75. Jahrestag der Befreiung von Bergen-Belsen. Sie hätte die Hauptrede der Gedenkveranstaltung halten sollen. Doch wegen der Corona-Pandemie konnte ihr Beitrag nur per Video veröffentlicht werden, gefilmt von ihrem Enkel in ihrem Garten.

ELTERN Anita Lasker-Wallfisch wächst in Breslau als jüngste von drei Schwestern auf. Sie ist begabt, entdeckt früh ihre Liebe zum Cello. Mit acht Jahren erlebt sie zum ersten Mal antisemitische Anfeindungen. »Ich verstand überhaupt nicht, was da eigentlich los war«, schreibt sie in ihren Lebenserinnerungen. Nach und nach wird ihre Familie ihrer Rechte beraubt. Der Vater Alfons Lasker, ein angesehener Rechtsanwalt, bemüht sich ebenso verzweifelt wie vergeblich, aus Deutschland herauszukommen. Im April 1942 werden die Eltern deportiert und später ermordet.

Während die älteste Schwester schon früher nach England emigriert ist, müssen die beiden jüngeren, Anita und Renate, Zwangsarbeit in einer Papierfabrik leisten. Sie fälschen Pässe, werden erwischt und landen im Gefängnis. Dann werden sie nach Auschwitz verschleppt.

Lange schwieg sie über ihre Zeit im KZ. Heute ist sie eine der letzten Zeitzeuginnen des Holocaust.

 Es sei unmöglich, das Leben in Auschwitz-Birkenau zu beschreiben, blickt sie in ihrem Buch zurück: »Einige Stichworte fallen mir ein, die Ingredienzien dieser Hölle waren: Gestank brennender Leichen, Rauch, Hunger, Angst, Verzweiflung, Geschrei.« Weil Anita kurz nach ihrer Ankunft beiläufig erwähnt, dass sie Cello spielt, wird sie Mitglied im Frauenorchester des Lagers. Das rettet ihr und ihrer Schwester das Leben.

HUNGER Auch als sie später in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert werden, geben die beiden Schwestern einander Halt. Die Bilder von Leichenbergen, die die Briten dort nach der Befreiung vorfanden, gingen um die Welt. In Bergen-Belsen starben während der NS-Zeit rund 20.000 Kriegsgefangene und mehr als 52.000 KZ-Häftlinge an Hunger und Seuchen oder durch Übergriffe der SS. »Auschwitz war ein Lager, in dem man Menschen systematisch ermordete«, schreibt Lasker-Wallfisch später: »In Belsen krepierte man einfach.«

Nach der Befreiung sagt die junge Frau im ersten großen NS-Kriegsverbrecherprozess in Deutschland aus. Als bizarr habe sie es wahrgenommen, wie über eine völlig gesetzlose Zeit auf einmal vor Gericht verhandelt worden sei, erzählt sie später in einem Telefonat mit dem Evangelischen Pressedienst: »Die Verbrechen lagen ja vor den Augen.«

Es dauert 40 Jahre, bis Anita Lasker-Wallfisch sich entschließt, die Geschichte der Familie für ihre Kinder aufzuschreiben.

Anita wandert schließlich nach England aus und heiratet den Pianisten Peter Wallfisch, mit dem sie zwei Kinder hat. Sie macht als Cellistin Karriere und ist Mitbegründerin des »English Chamber Orchestra«. Lange hat Anita Lasker-Wallfisch über ihre Geschichte geschwiegen.

»Es war, als hätte Mutter sich in zwei Personen aufgespalten, eine von vorher, eine von nachher, und wir kannten nur letztere«, schreibt ihre Tochter Maya, die sich in einem kürzlich erschienenen Buch mit den Auswirkungen der traumatischen Familiengeschichte auf ihr eigenes Leben auseinandersetzt. »Ich glaube, dadurch war sie in der Lage, für sich ein neues ’normal‘ zu schaffen, ein neues Leben mit einer Familie.«

Es dauert 40 Jahre, bis Anita Lasker-Wallfisch sich entschließt, die Geschichte der Familie für ihre Kinder aufzuschreiben. Sie sei eine der wichtigsten intellektuellen Stimmen aus der Welt der Holocaust-Überlebenden, sagt der Historiker Jens-Christian Wagner von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, zu der auch Bergen-Belsen gehört. Ihre mahnenden Worte gegen Antisemitismus und Rassismus seien dabei stets deutlich und ohne falsche Rücksichtnahme, dabei zugleich »von einem tiefen Humanismus getragen«.

Von der Zeit im KZ will sie auch in Zukunft erzählen. Eine Woche lang hat sie für das Projekt »Dimensions in Testimony« mehr als 1000 Fragen beantwortet.

2019 wird sie mit dem Deutschen Nationalpreis ausgezeichnet. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigt dabei ihr Engagement: »Es ist auch ein Verdienst um die Zukunft dieses Landes, ein Verdienst von unschätzbarem Wert.«

HOLOGRAMM Von der Zeit im KZ will Anita Lasker-Wallfisch auch in Zukunft erzählen. Eine Woche lang hat sie für das Projekt »Dimensions in Testimony« mehr als 1000 Fragen beantwortet und ist dabei von allen Seiten gefilmt worden. Jetzt können zum Beispiel Jugendliche Fragen stellen, die das dabei entstandene interaktive Hologramm beantwortet.

In ihrer Rede im April wandte sie sich ausdrücklich an junge Menschen: »Sprecht miteinander, spielt Fußball miteinander, trinkt Kaffee miteinander, ladet euch in eure Häuser ein, erklärt euch eure verschiedenen Feiertage und ihr werdet finden, dass ihr viel mehr gemeinsam habt, als euch trennt.«

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