Argentinien

Starke Gesten, klare Worte

WJC-Präsident Ronald S. Lauder (r.) sprach dem argentinischen Präsidenten Mauricio Macri erneut sein Vertrauen aus. Foto: dpa

Buenos Aires, Straßenkreuzung Calle Arroyo und Calle Suipacha – wo einst die Botschaft Israels stand, befindet sich heute ein leeres Grundstück. Es ist der Ort des Gedenkens an die Opfer des Bombenanschlags vom 17. März 1992. Hier starben Botschaftsmitarbeiter, Passanten und Anwohner, insgesamt 22 Menschen. An sie erinnern die Argentinier jedes Jahr mit einem feierlichen Akt.

Dieses Jahr war die Veranstaltung größer als sonst, denn die Delegierten des Jüdischen Weltkongresses (WJC) nahmen daran teil. Der WJC hatte seine Vollversammlung in Buenos Aires für den 15. bis 17. März einberufen, um die Opfer des bis heute nicht aufgeklärten Attentats ehren zu können.

Nach einer Schweigeminute ergriff WJC-Präsident Ronald S. Lauder das Wort und erklärte, der Weltkongress stehe an der Seite Israels und der jüdischen Gemeinschaft Argentiniens: »Das jüdische Volk ist klein und hat sehr gelitten. Vielleicht ist das der Grund, dass wir so tiefen Anteil aneinander nehmen.« Lauder bekräftigte die Forderung des WJC nach Gerechtigkeit. Er bezog sich nicht nur auf den Anschlag auf Israels Botschaft, sondern auch auf das Attentat auf das jüdische Gemeindezentrum AMIA zwei Jahre später, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen – auch dieser Terrorakt wartet noch immer auf Aufklärung.

vertrauen Dem argentinischen Präsidenten Mauricio Macri, der im Dezember mit einem Mitte-Rechts-Bündnis an die Macht kam, sprach Ronald Lauder erneut sein Vertrauen aus – wie er es bereits zum Auftakt der Vollversammlung getan hatte. Macri versprach den mehr als 400 Delegierten aus 67 Ländern, seine Regierung werde alles in ihrer Macht Stehende tun, um die Ermittlungen voranzubringen.

Den im Januar 2015 tot aufgefundenen Staatsanwalt Alberto Nisman, der die Ermittlungen zu diesem Terrorakt leitete, würdigte der Weltkongress in Anwesenheit von dessen Tochter und Mutter. Auch Nismans Tod hat die Justiz bisher nicht aufklären können.

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wurde bei der WJC-Vollversammlung von Zentralratspräsident Josef Schuster vertreten, der auch Vizepräsident des Jüdischen Weltkongresses ist. Schuster sagte: »Dass der argentinische Präsident Macri nun versprochen hat, alles zu tun, um die Hintergründe der Anschläge und den ungeklärten Tod des Staatsanwalts Alberto Nisman aufzudecken, setzt ein wichtiges, wenn auch spätes Zeichen. Denn Terror darf nicht straffrei bleiben.«

Atmosphäre Die jüngste WJC-Tagung war die erste in Argentinien, wo mit rund 200.000 Menschen die größte jüdische Gemeinschaft Lateinamerikas lebt. »Wir spüren hier eine freundliche Atmosphäre und fühlen uns sehr willkommen«, sagte der Generalsekretär des Lateinamerikanischen Jüdischen Kongresses, Saúl Gilvich, der Jüdischen Allgemeinen. Den Auftritt von Präsident Macri und seiner Außenministerin Susana Malcorra bei der Vollversammlung bezeichnete er als »starke Geste«.

Malcorra erhielt für ihre Rede lebhaften Beifall. Sie versprach, Argentinien werde unter der neuen Regierung ein »vertrauenswürdiger Nachbar« sein. Die Ministerin hob auch das gute Miteinander der Kulturen und Religionen in ihrem Land hervor: »Wir haben gelernt, in Frieden zusammenzuleben und unsere Kulturen in einer Weise zu verschmelzen, die für viele Länder in der Welt Vorbild sein könnte.«

An der Vollversammlung nahm auch der israelische Minister für Diaspora-Angelegenheiten, Naftali Bennett, teil. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sandte ein Grußwort. Die Delegierten verurteilten die antiisraelische BDS-Kampagne »Boycott, Divestment and Sanctions« in einer Resolution als »Ausdruck von Antisemitismus gegen das einzig wirklich demokratische Land im Nahen Osten«.

herausforderungen Als »besonders bösartig« bezeichneten sie Bemühungen, israelische Akademiker an Hochschulen zu boykottieren. Die Delegierten empfahlen der WJC-Führung, im New Yorker Büro eine eigene Abteilung einzurichten, um Kampagnen wie BDS entgegenzutreten.

»Über 70 Jahre nach der Schoa zählt der Antisemitismus immer noch zu den größten Herausforderungen der jüdischen Gemeinschaft weltweit«, betonte Zentralratspräsident Schuster. Gerade in seiner modernen Form, der unsachlichen und unverhältnismäßigen Kritik am Staat Israel, finde der Antisemitismus vor allem durch Anhänger der BDS-Bewegung Verbreitung: »Auch diese Form des Antisemitismus muss für Deutschland inakzeptabel bleiben.«

Es sei lobenswert, dass Länder wie Frankreich und Großbritannien den Boykott israelischer Waren neuerdings unter Strafe gestellt haben, so Schuster.

WJC-Präsident Ronald Lauder übte außerdem scharfe Kritik an den Vereinten Nationen. Diese seien zu einer »Jauchegrube des Antisemitismus« geworden. Lauder sagte Judenhass und Antisemiten den Kampf an, »wo und wann auch immer sie in Erscheinung treten«. Und er fügte hinzu: »Wir werden auf die Lügen im Internet und in den Medien mit der Wahrheit antworten. Lasst uns nicht vergessen: Wir sind nicht mehr die Juden der 30er-Jahre. Wir haben Einfluss, wir haben Macht und Ressourcen, und unsere Kreativität weckt den Neid der Welt.«

strategie In einer Resolution gegen den internationalen Terrorismus forderte der Jüdische Weltkongress eine gemeinsame Strategie von Politikern, religiösen Autoritäten und internationalen Organisationen, um die Anwerbung von Extremisten zu beenden.

Der Präsident des Israelitischen Zentralkomitees von Uruguay, Sergio Gorzy, berichtete von dem Mord an einem jüdischen Händler, der sich am 8. März in der Kleinstadt Paysandú ereignet hatte. Der Täter war ein Mann muslimischen Glaubens, der nach bisherigen Erkenntnissen keiner terroristischen Vereinigung angehört.

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