Niederlande

Spirituelles Zuhause

Wurde erst spät Rabbinerin: Hannah Nathans Foto: privat

Niederlande

Spirituelles Zuhause

Rabbinerin Hannah Nathans betreibt ein Zentrum für jüdische Erneuerung

von Pieter Lamberts  23.02.2022 08:46 Uhr

Spirituelle Erneuerung. Das ist das Bestreben von Rabbinerin Hannah Nathans. Die 77-Jährige amtiert in der niederländischen Stadt Delft in der Nähe von Rotterdam. Vor einigen Jahren hat sie HaMakor (»Die Quelle«) gegründet, ein Zentrum für Menschen mit einem jüdischen Hintergrund, die sich spirituell entwickeln möchten, sowie für Nichtjuden mit dem starken innerlichen Wunsch, herauszufinden, ob das Judentum ihr spirituelles Zuhause sein kann.

»Ich kam auf die Idee für HaMakor, als ich regelmäßig von liberalen Juden hörte, sie hätten das Bedürfnis nach mehr Spiritualität im Judentum«, erzählt Nathans, Mitglied der Reconstructionist Rabbinical Association. Ihre Smicha hat sie vor sieben Jahren von ALEPH: Alliance for Jewish Renewal, bekommen, einer selbstständigen progressiven jüdischen Strömung, gegründet von Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi, einem der bekanntesten Idole der jüdischen 68er-Bewegung. »Ich war die letzte Studierende, die aus seinen Händen die Smicha bekommen hat«, sagt Nathans.

Herkunft Dass sie einmal Rabbinerin werden würde, war in ihrer Jugend nicht abzusehen. Von ihrer Mutter hörte sie erst als 13-Jährige, dass sie einen jüdischen Großvater gehabt hatte. Aber weil sie christlich erzogen wurde, hatte Nathans lange kaum ein Verhältnis zum Judentum.

Das änderte sich schlagartig, als sie auf einem Kongress an einem jüdischen Gottesdienst teilnahm: »Meine eigene Stunde der Wahrheit kam, als mir die Gelegenheit geboten wurde, an einem Kabbalat-Schabbat-Gottesdienst teilzunehmen. Ich war tief betroffen. (…) Ich fühlte in meinem tiefsten Innern, dass dies mein Zuhause war. Ich heulte eine Woche lang und wusste, dass ich damit etwas machen sollte«, schreibt sie in ihrem Buch Joods worden in Nederland (Jüdisch werden in den Niederlanden).

Sie fing an, an der Universität von Amsterdam Hebräisch zu lernen, trat mit über 50 zum Judentum über und wurde Mitglied der liberalen Gemeinde in Utrecht. Letztendlich begann sie ein Rabbinatsstudium. »Ich weiß, wie verzwickt der Weg zum Judentum sein kann. Vor allem auch, wenn man erst später im Leben dazu findet. Bei diesem Prozess möchte ich Menschen helfen.«

Bei HaMakor kann man sich spirituell entwickeln und sich auf den Giur vorbereiten.

Bei HaMakor kann man sich spirituell entwickeln und sich auf den Giur, den Übertritt zum Judentum, vorbereiten. »Ich habe inzwischen an die 30 Männer und Frauen dabei begleitet«, sagt Nathans.

Der Übertritt sei eine Entdeckungsreise. »Es gibt Aspiranten, die herausfinden, dass sie sich bei der Orthodoxie mehr zu Hause fühlen. Sie entschließen sich dann, auch einen orthodoxen Giur zu machen. Man kann nur froh sein, wenn man die Berufung findet, die mit der eigenen Seele im Einklang ist.«

MEDITATION Auch jenen, die nicht Giur machen möchten oder schon jüdisch sind, bietet HaMakor ein spirituelles Zuhause. So gibt es Veranstaltungen wie »Einführung in die jüdische Meditation«, »Jüdische Mystik für das tägliche Leben« oder »Tehillim als spirituelle Praxis«. Zudem werden auch Reisen organisiert, zum Beispiel zu den Stätten der chassidischen Meister in Osteuropa. All dies tut HaMakor, um Juden spirituell zu inspirieren, und Nichtjuden, die den innigen Wunsch hegen, jüdisch zu werden, auf diesem Weg zu begleiten.

In Nathans’ Buch – einer Doktorarbeit über Art und Verlauf des Giurs in den Niederlanden – berichten rund 20 Frauen und Männer von ihrem Übertritt. Eigentlich, sagt die Rabbinerin, seien diese Menschen schon vor dem Giur innerlich jüdisch. Sie wollten aber auch offiziell jüdisch werden. »Dafür muss man halt Giur machen. Das sind nun mal die Spielregeln.«

Österreich

Bericht: Wien wird zur Anlaufstelle für deutsche Juden

Wien als sicherer Hafen für Juden? Immer mehr jüdische Familien zieht es dem Vernehmen nach aus Deutschland in die österreichische Hauptstadt. Antisemitismus nimmt aber auch hier zu

 20.09.2026

Weimar

Gedenkstätte Buchenwald bittet um Spenden für Kyryl Romantschenko

Die Familie Romantschenko ist der Gedenkstätte Buchenwald seit Jahrzehnten eng verbunden. Nun benötigt der 18-jährige Kyryl Romantschenko Unterstützung

 19.09.2026

Ranking

Das sind die 50 einflussreichsten Juden weltweit

von Michael Thaidigsmann  19.09.2026

Großbritannien

Burnham will Beschränkungen für katholische und jüdische Premiers abschaffen

Die Regierung in London legt einen Gesetzentwurf zur Aufhebung religiöser Beschränkungen vor, die aus dem 19. Jahrhundert stammen

 18.09.2026

Synagoge in Mailand (Archiv)

Mailand

»Niemand wird mich hier erniedrigen«

Nach antisemitischer Attacke durch arabische Männer: Jetzt spricht der angegriffene Rabbiner

 17.09.2026 Aktualisiert

Nachruf

Peter Max: Der Künstler hinter den bunten Bildern der Hippie-Ära

Peter Max Finkelstein ist tot. Er wurde in Berlin geboren. Seine Familie und er flohen vor den Nazis nach Shanghai und kamen später über Israel nach Amerika.

 17.09.2026

München

Rabbiner: Plan gegen islamistischen Terror ist Vorbild für Europa

Mit einem Zehn-Punkte-Plan sollen in Deutschland Radikalisierung und islamistischer Terror bekämpft werden. Zustimmung kommt von Rabbinern, die über die Landesgrenzen hinaus denken

von Leticia Witte  17.09.2026

Hilfe in Zeiten des Krieges

Wie geht es Juden in der umkämpften Ukraine und im angrenzenden Rumänien? Unser Autor begleitete eine ZWST-Delegation auf ihrer Reise nach Czernowitz und Suceava

von Michael Thaidigsmann  17.09.2026

Der jüdische Kardinal

Den einen zu jüdisch, den anderen zu katholisch: Heute vor 100 Jahren wurde Aron Jean-Marie Lustiger geboren

von Andrea Krogmann  16.09.2026