Grossbritannien

Spielfrei am Schabbat

Der lächelnde ältere Herr im grauen Wollsportanzug mit Oberlippenbart und Nickelbrille ist enthusiastischer Fußballfan, doch selbst spielt er schon lange nicht mehr – »und als ich das noch tat, war ich ohnehin nicht so gut«, bemerkt er. Dennoch organisierten einige Leute kürzlich eine Jubiläumsparty für seine 50-jährige ehrenamtliche Arbeit.

David Wolff (69) ist seit mehreren Jahrzehnten Präsident der Maccabi GB Southern Football League (MGBSFL), einer Liga von 41 jüdischen Fußballmannschaften in vier Klassen. Alle Spieler sind – nach eigenen Angaben – jüdisch, so verlangt es die Satzung der Liga. Auch Masterteams für altgediente Kicker gibt es hier. Die Mannschaften kommen aus allen Teilen Londons und aus dem Umland. Oft haben ihre Namen einen jüdischen Bezug – so heißen die Teams zum Beispiel Boca Jewnior, Redbridge Jewish Care oder Brady Maccabi.

Freunde Überall auf der Welt erwarten jüdische Eltern, die ihre Kinder in den örtlichen Maccabi-Sportverein schicken, dass die Sprösslinge über den Sport jüdische Freunde und Bekannte finden. In der Maccabi GB Southern Football League kommt Judentum, ja sogar Israel nur sehr am Rande vor, allerhöchstens, wenn ein Team für die Maccabia ausgewählt wird. In jüdischen Sportvereinen anderer Länder ist das nicht so.

»In Australien zum Beispiel haben die Maccabi-Fußballklubs eine viel stärkere jüdische Identität als hier in England«, sagt Robert Richman (31), Vizepräsident des MGBSFL-Klubs Norstar, »bei unseren Teams muss nicht einmal der Davidstern aufs Trikot.« Allerdings werden alle Spiele – im Gegensatz zur nichtjüdischen Liga – an Sonntagen ausgetragen. Trotz dieser Schabbattreue sind die wenigsten Spieler religiös. »Die meisten Teams haben zwar einige religiöse Spieler, und es gibt sogar ein paar streng orthodoxe Teams, aber mehr auch nicht«, sagt Wolff.

Wozu braucht man dann aber eine jüdische Liga, wenn es in London doch zahlreiche andere Möglichkeiten gibt, Fußball zu spielen? Wolff erklärt es mit der Größe der jüdischen Gemeinschaft in London: »Die meisten Spieler kennen sich schon vorher, und der Klub liegt einfach in der Nähe. So zieht es sie eher zu einem MGBSFL-Klub, weil da auch die Freunde spielen.« Robert Richman, der auch das britische Maccabi-Fußballteam leitet, bestätigt dies: »Die Spieler treffen und helfen einander auch außerhalb des Fußballs«, sagt er.

Enthusiasmus Ein weiterer, nach eigenen Angaben leidenschaftlicher Maccabi-Enthusiast und jahrelanger Manager einer der Klubs ist Rob Shooman (60). Er könne sich ein Leben ohne Maccabi nicht mehr vorstellen, sagt er. »Für den Klub und die jüdische Sportbewegung arbeite ich nicht nur ehrenamtlich, sondern zahle sogar aus eigner Tasche drauf.« Shooman prophezeit, dass es die jüdische Liga noch lange geben wird, obwohl sie über die Jahre etwas geschrumpft ist und die Professionalität nachgelassen hat. »Die Leute haben heute mehr zu tun als in meiner Jugend. Trotzdem kommen viele jeden Sonntag zu den Spielen.«

Schlechte Karten hat nach Ansicht von Shooman allerdings der Frauenfußball: »Wir haben nur wenige Frauen, und daran wird sich wohl so schnell nichts ändern. Wenn ich an meine eigenen Töchter denke: Die schauen sich ja noch nicht mal Fußball im Fernsehen an!«

Für ihre Spieler ist die MGBSFL nicht bekannt, obwohl die Zeitung Jewish Chronicle jede Woche über sie berichtet. »Die wirklich Guten schicken wir weiter in Profiklubs. Es gibt gute jüdische Fußballmanager in England, die es zu Ruhm gebracht haben«, sagt David Wolff. Doch auf Zuschüsse von Größen wie Roman Abramovich, der sich den Londoner Erstligisten Chelsea FC kaufte, wartet Wolff bis heute. »Abramovich sollte wissen, dass es eine Mizwa wäre, uns zu unterstützen«, scherzt er.

Geschichte Die Geschichte jüdischer Sportvereine geht auf die Diskriminierung und Nichtzulassung von Juden in den nationalistischen Sport- und Turnvereinen des 19. Jahrhunderts zurück. Als Reaktion darauf gründeten Juden ihre eigenen Vereine, etliche gibt es bis heute. Eine ganze jüdische Liga jedoch kennt man weltweit nur in London und im kleineren Format in Manchester. Juden sind in London jedoch nicht die Einzigen mit einer eigenen Liga. So gibt es in der Stadt auch eine türkische und eine zypriotische Liga sowie eine ausschließlich für Schwule, Lesben und Bisexuelle.

Danny Lynch, der Gleichberechtigungsbeauftragte der britischen Football Association (FA), ist sich dieser geschichtlichen Ursprünge bewusst. »Dennoch ist es unsere Hoffnung, dass es irgendwann einmal weniger Abgrenzung gibt und Teams ohne Wert auf den ethnischen oder religiösen Hintergrund, auf Hautfarbe, Abstammung oder sexuelle Ausrichtung miteinander zu Wettkämpfen antreten können.« Immerhin spielt die Spitzenmannschaft der London Maccabi Lions bereits in der allgemeinen Regionalliga, ihr B-Team jedoch in der jüdischen MGBSFL.

Stark etabliert wie sie ist, leidet die jüdische Liga weder unter Antisemitismus noch unter fehlendem Sportsgeist, sondern unter gewöhnlichen englischen Problemen: Auf die letzte Saison zurückblickend, merkte David Wolff kürzlich im Jewish Chronicle an, dass »das miserable Wetter mitten in der Spielsaison das Weiterspielen derart erschwert hatte, dass es alle schwierig fanden, ihren Rhythmus wiederzufinden«. Der Traum von Zion bleibt also erhalten – wenn offenbar auch nur zum Kicken bei Sonnenschein.

Crans-Montana

Nach tödlicher Brandkatastrophe: Drei jüdische Personen vermisst

Unklarheit über jüdische Opfer, die israelische Freiwilligenorganisation ZAKA ist vor Ort angereist und hilft nach Brandkatastrophe im Schweizer Nobelskiort Crans-Montana

 02.01.2026

Sydney

Das Mizwa-Haus am Bondi Beach

Chabad-Rabbiner laden am Bondi Beach Juden und Nichtjuden zum Beten, gemeinsamen Essen und Gedenken an die Opfer des Massakers vom 14. Dezember ein

 01.01.2026

Crans-Montana

Inferno bei Silvesterparty: Dutzende Tote in der Schweiz - Chabad-Betsaal vom Großbrand nicht betroffen

Was bislang über die Explosion im Schweizer Nobel-Skiort bekannt ist

von Christiane Oelrich  01.01.2026 Aktualisiert

New York

Neuer Bürgermeister holt Anti-Israel-Aktivisten-Anwalt ins Führungsteam

Zohran Mamdani hat sein Amt als Bürgermeister New Yorks angetreten. Ein Neuzugang in seinem Führungsteam beunruhigt die jüdische Gemeinschaft mehr denn je

 01.01.2026

Sydney

Sydney: Neujahrszeremonie mit Gedenkminute

Mit einer Gedenkminute und Projektionen wurde während der Neujahrszeremonie der Opfer des Bondi-Massakers gedacht

 31.12.2025

Iran

Proteste im Iran nehmen zu - Hinrichtungen auch

Ein Videoclip, in dem ein Mann in Teheran Regierungspolizisten auf Motorrädern trotzt, sorgt online für Begeisterung. Derweil verspricht der Mossad den Demonstranten Unterstützung

 31.12.2025 Aktualisiert

Australien

»Ich wollte verhindern, dass unschuldige Menschen getötet werden«

Ahmed Al-Ahmed, der »Held von Sydney«, hat sich erstmals persönlich zu seinem mutigen Eingreifen während des Massakers an einer Chanukka-Feier am Strand geäußert

von Nicole Dreyfus  29.12.2025

Sydney

Großes Sicherheitsaufgebot nach dem Terror am Bondi Beach

Schwer bewaffnete Polizisten sollen das berühmte Feuerwerk zum Jahreswechsel schützen. Zuvor will die Stadt in einer Schweigeminute der Opfer des Anschlags gedenken

 28.12.2025

Australien

Brandanschlag auf Auto eines Rabbiners in Melbourne

Kurz nach dem Terroranschlag am Bondi Beach geht im Süden Australiens ein Fahrzeug mit »Happy Chanukah!«-Schriftzug in Flammen auf

 25.12.2025