Großbritannien

Spielend kennenlernen

Toleranz durch interreligiösen Austausch: ein Workshop von »3FF« Foto: 3FF

Es nennt sich »3FF«: Three Faiths Forum. Das Dreier-Glaubensforum wurde vor Jahren von Sir Sigmund Sternberg gegründet, einem ungarisch-jüdischen Geschäftsmann, der 1939 nach England flüchtete, und soll dem Austausch von Juden, Christen und Muslimen im Schulbereich dienen.

Dem Bildungsmodell der britischen Organisation folgen inzwischen auch andere Länder wie Schweden und die Slowakei. In den USA und in Israel haben sich Tochterorganisationen gegründet, und in Deutschland werden demnächst Lehrer auf dieser Grundlage weitergebildet. Während man am Anfang gemeinsam vor allem noch religiöse Texte miteinander verglich, ist die Organisation inzwischen zu einer offenen interreligiösen Einrichtung Europas geworden.

Differenz »Wir machen alles ›inter‹«, betont 3FF-Direktor Stephen Shashoua. »Interreligiös, interkulturell, aber auch intra, also über Differenzen hinweg. Beispielsweise vermitteln wir zwischen orthodoxem und Reform-Judentum.« Dass »3FF« den Bildungssektor in Großbritannien so dominiert, hängt mit seiner Arbeitspraxis zusammen: »Wir arbeiten grundsätzlich selbstreflektierend und selbstkritisch«, erklärt Shashoua, der in Kanada aufwuchs und eine christliche Schule besuchte.

Er stammt aus einer irakisch-jüdischen Familie, zu der auch Mitglieder der Bahai-Gemeinde gehören. »Unsere Arbeit geht vom Persönlichen aus. Was bedeutet meine Glaubens- und Kulturzugehörigkeit für mich?« Durch diese Fragestellung werde eine fremde Kultur oder Religion »vermenschlicht«, findet er. »Niemand soll als Vertreter einer Religion, sondern nur als Repräsentant seiner oder ihrer selbst auftreten.«

Regeln Deshalb hat die britische Organisation Grundregeln aufgestellt. Bei Meinungsäußerungen soll darauf hingewiesen werden, dass es außer der eigenen auch andere gebe; dass Unterschiede bestehen, wie zum Beispiel zwischen Schiiten und Sunniten. Dabei sind alle Fragen erlaubt.

Auch wenn eine Frage beleidigend klingen sollte, solle immer davon ausgegangen werden, dass Fragen grundsätzlich gut gemeint sind. Außerdem will man den religiösen Dialog an der Basis und nicht auf institutioneller Ebene führen. Ein Erfahrungsaustausch solle nicht unter Gleichgesinnten stattfinden, Unterschiede sollten offen angesprochen und Konfliktthemen nicht gescheut werden.

Hauptzielgruppe der Bildungseinrichtung aus Großbritannien sind Zehn- und Elfjährige. Viele Schulen wüssten oft nicht, wie sie den interkulturellen und -religiösen Austausch oder den Unterricht über andere Kulturen und Religionen richtig gestalten sollten, erzählt die Managerin für die Schulprogramme, Aisling Cohn. Allerdings arbeitet »3FF« nicht nur in Schulen, wo viele unterschiedliche Gruppierungen aufeinander treffen, sondern agiert gerne auch dort, wo es vermeintlich keine Minderheiten gibt. »Auch dort muss am Einsehen und Verständnis gearbeitet werden. Das gilt nicht nur unter den Schülerinnen und Schülern, sondern auch für Lehrer und Eltern«, sagt Cohn.

Treffen Der Projektzeitraum in den Schulen beträgt meist ein Jahr und dabei treffen Schüler und Schülerinnen zweier unterschiedlicher Schulen bis zu sechsmal aufeinander. Rabbiner Daniel Kerbel, Direktor einer jüdischen Schule in Nordlondon, schildert schmunzelnd, wie sich seine Schüler mit denen einer islamischen Schule in einem »neutralen« öffentlichen Park trafen. »Die Jogger sind fast gegen die Bäume gelaufen, als sie unsere jüdischen Kinder gesehen haben, wie sie mit den islamischen Schülern zusammen spielten.«

Rabbi Kerbel ist ein großer Befürworter der Initiative. »Obwohl wir und die Lehrer der islamischen Schule so ein Programm starten wollten, gab es viel Misstrauen der Eltern von beiden Seiten. Sie thematisierten die Sicherheit und fragten uns, ob wir ihre Kinder einer Gehirnwäsche unterziehen wollten.«

Nur durch Vermittlung von »3FF« als neutraler Organisation war es möglich, betont Kerbel, die Eltern vom Sinn zu überzeugen. Die Lehrerin Aliya Azam, Kerbels Partnerin aufseiten der islamischen Schule, räumt ein, dass ihre Kinder beim ersten Treffen nervös gewesen seien, »bis sich plötzlich herausstellte, dass einige der jüdischen Kinder, genau wie die unsrigen, aus Irak und Indien abstammten. Es überraschte alle und beseitigte vorhandene Barrieren.«

Fokus Am Anfang auf die drei Religionen Abrahams fokussiert, arbeitet »3FF« heute auch mit Hindus, Sikhs und sogar Atheisten. Deshalb meidet die Bildungsinstitution inzwischen auch den Namen »Three Faith Forum« und nutzt lieber die einprägsame Abkürzung. Die Pädagogin Aliya Azam findet es richtig, dass die Unterschiede thematisiert werden: »Im Koran steht, dass Gott die Menschen geschaffen hat, damit sie sich gegenseitig begegnen können. Was andere religiöse Einstellungen betrifft, auch die von Atheisten, wird es am Ende Gott sein, der das zu beurteilen hat. Wichtig ist, dass wir nicht aufgrund einseitigen Wissens andere beurteilen.«

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