Belgien

Soldaten vor Synagogen

Seit vergangenem Schabbat bewachen Sicherheitskräfte jüdische Einrichtungen. Foto: dpa

Nach den Anti-Terror-Razzien in Belgien geht das Leben im jüdischen Viertel Antwerpens fast wieder seinen gewohnten Gang. Abgesehen natürlich davon, dass seit vergangenem Schabbat zum Teil bewaffnete Soldaten in Tarnuniformen und kugelsicheren Westen Synagogen und andere jüdische Einrichtungen bewachen. Wer genauer hinschaut oder -hört nimmt freilich Unterschiede wahr: etwa, dass Kinder nur noch das Schulgebäude verlassen, wenn es nicht anders geht. Normalität ist hier ein dehnbarer Begriff.

Die Schulen im Viertel sind freilich ein Gradmesser dafür, dass diese Dehnbarkeit begrenzt ist. Als sie vergangenen Freitag nach den Hausdurchsuchungen im dschihadistischen Milieu, nach 13 Festnahmen in Belgien und zwei in Frankreich und dem Fund eines kleinen Kriegswaffenarsenals geschlossen blieben, geschah das zum ersten Mal seit dem tödlichen Autobombenanschlag auf eine Synagoge im Diamantenviertel vor mehr als 30 Jahren.

Angst Peggy Malfet, Direktorin der Tachkemoni-Schule, sagte Anfang der Woche in einem Radiointerview, dass die Mittagspause im Gebäude verbracht werde, und neben besorgten Eltern hätten auch Lehrer Fragen und ein »ängstliches Gefühl«. Isi Morsel, Verwaltungschef der Antwerpener Schule Jesode Hatora, hatte unmittelbar nach den Razzien die vorübergehende Schließung so begründet: »Wir wurden informiert, dass wir eine mögliche Zielscheibe sind und wollen daher kein Risiko eingehen.«

Noch in derselben Nacht wurde das allgemeine Bedrohungsniveau für einen terroristischen Anschlag in Belgien auf der vierstufigen Skala von zwei auf drei angehoben. Zuerst hatte dies nur für Polizei- und Justizgebäude gelten sollen, die offenbar das Ziel von Anschlägen sein sollten. Wer am Wochenende die Medienberichte aus Belgien verfolgte, musste zu dem Schluss kommen, dass die jüdische Bevölkerung des Landes am stärksten gefährdet ist. Dutzende Pressefotos von Militärs neben flanierenden Chassidim am Schabbat wurden veröffentlicht. Camouflage und Strejmel – ein verlockendes Motiv: symbolisch, aussagekräftig und sehr beklemmend.

Dschihadismus Für den künftigen Diskurs um Dschihadismus, Terrorbekämpfung und zurückgekehrte Syrienkämpfer fragen sich manche in Belgien, ob dieses Bild nicht die Möglichkeit bietet, die Bedrohung ins Antwerpener jüdische Viertel abzuschieben.

In ihrem Radiointerview erklärte Direktorin Malfet, ihre Schule stehe ohnehin das ganze Jahr unter Bewachung. Worauf der Journalist fragte: »Ist das nötig?« Gerade vor diesem Hintergrund empfinden es viele Juden als entscheidend, ob die Mehrheitsgesellschaft in den kommenden Monaten das Potenzial für eine Stellungnahme à la »Je suis Strejmel« aufbringen kann – ganz unabhängig davon, dass die Antwerpener Chassidim nur ein Teil der jüdischen Gemeinschaft in Belgien sind.

Wie in anderen Ländern Europas hat auch in Belgien die Diskussion darum begonnen, wie viel Freiheit man bereit ist gegen Sicherheit einzutauschen. Der jüdische Journalist Hans Knoop wägt in der Zeitschrift Joods Actueel ab: »Rechtsstaatliche Prinzipien zu schänden, um den Rechtsstaat langfristig zu erhalten, ist ein schwerer Eingriff. Dem steht gegenüber, dass die offene und demokratische Gesellschaft, in der jedem Individuum Rechtsschutz garantiert wird, die verletzbarste ist und Minderheiten wie der jüdischen immer weniger Schutz bietet.«

Wien

Vermisste Israelinnen: Gerüchte sorgen für Aktiensturz

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter in Österreich haben Gerüchte in den sozialen Medien zu einem Kurssturz bei der israelischen Bank geführt, bei der eine der Frauen arbeitet

 13.08.2026

Italien

Ein Tempel für alle

Über der Biennale in Venedig schwebt eine Synagoge. Was sich die ukrainische Künstlerin Anna Kamyshan dabei dachte und wie sie es geschafft hat

von Sophie Albers Ben Chamo  13.08.2026

Antisemitismus

»Schade, dass Hitler den Job nicht vollendet hat«

Ein Mann aus Irland äußerte sich bei einer Begegnung mit jüdischen Touristen in einem französischen Supermarkt antisemitisch und drohte dem Paar gar mit Erschießung.

 13.08.2026

Judenhass

Tourist mit Kippa in Rom zweimal attackiert

Antisemitische Vorfälle in Italien nehmen seit Jahren zu. Nun wurde ein junger Tourist in der Hauptstadt gleich zweimal angegriffen. Er trug eine Kippa

von Severina Bartonitschek  12.08.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität

von Nicole Dreyfus  12.08.2026

Österreich

Vermisste Israelinnen in Wien: Familie befürchtet das Schlimmste

Im Fall der vermissten Mutter und Tochter gibt es neue Details. Unter anderem über die Unterkunft in Wien. In Israel wurde eine Nachrichtensperre erlassen

 12.08.2026 Aktualisiert

Schweiz

Den eigenen Weg gehen

Kollektive Begeisterung macht blind und dumm, ganz gleich, ob sie von rechts oder links kommt, findet Berns Botschafter in Israel. Und liefert literarische und filmische Quellen als Inspiration für das Schwimmen gegen den Strom

von Simon Geissbühler  11.08.2026

Frankreich

Schrecken der Milliardäre

Der jüdische Ökonom Gabriel Zucman fordert eine stärkere Besteuerung der Superreichen. Beim Geldadel stoßen seine Ideen jedoch auf heftigen Widerstand

von Christine Longin  11.08.2026

Österreich

Zwei Israelinnen in Wien vermisst

Die israelische Botschaft vor Ort bittet die Öffentlichkeit um Hilfe

 11.08.2026 Aktualisiert