Interview

»Sie haben Angst«

Herr Delshad, Ende Dezember wurde in Teheran ein junger Jude ermordet, wenige Wochen zuvor in Isfahan eine jüdische Frau. Wie sicher leben Juden im Iran?
Solange sie sich aus der Politik heraushalten, sich nicht mit Israel identifizieren und nichts über den Holocaust sagen, garantiert ihnen der Staat ein sicheres Leben.

Iranische Medien berichten, dass dieses Jahr in Teheran zum zweiten Mal eine internationale Holocaust-Karikaturenausstellung gezeigt werden soll. Wie reagiert die jüdische Gemeinde darauf?
Sie schweigt dazu, aus Angst. Übrigens wäre das bereits die dritte Ausstellung dieser Art. Ein genauer Termin steht aber noch nicht fest.

Wie viele Juden leben derzeit noch im Iran?
Der Staat sieht es nicht gern, dass die Zahl sinkt, deshalb veröffentlicht er dazu keine Statistik. Er möchte nicht, dass es so aussieht, als ob Juden das Land verlassen würden. Nach meinen letzten Recherchen von 2011 leben noch zwischen 20.000 und 25.000 Juden im Iran. Sie haben sich vor allem in den großen Städten Teheran, Isfahan, Hamedan und Shiraz niedergelassen.

In den vergangenen Jahren hat es in Israel und den USA Versuche gegeben, Juden durch finanzielle Anreize dazu zu bewegen, den Iran zu verlassen. Warum wandern so wenige aus?
Die Juden im Iran blicken auf eine mehr als 2500-jährige Geschichte zurück. Natürlich fühlen sie sich als Juden, aber in erster Linie betrachten sie sich als Perser; sie sind dem Land kulturell eng verbunden. Einige haben es beruflich zu etwas gebracht, sie sind wohlhabend und befürchten, dass sich ihre wirtschaftliche Situation in Israel oder den USA deutlich verschlechtern würde. Viele andere sind alt und sprechen nur Farsi. Für sie wäre es schwer, in der Fremde Fuß zu fassen.

Viele haben Verwandtschaft in Israel. Können sie ihre Familien besuchen?
Manche reisen über ein Drittland nach Israel. Die israelischen Behörden wissen das und drücken ihnen keinen Stempel in den Pass. Doch zurück im Iran werden sie befragt, ob sie »das besetzte Land Palästina« besucht haben. Man muss sehr wagemutig sein, wenn man Israel besucht und danach in den Iran zurückkehrt.

Im Teheraner Parlament sitzt laut Verfassung ein jüdischer Abgeordneter. Was kann er bewirken?
Nicht viel. Das Wichtigste, was einer je erreicht hat, war die Modifizierung der islamischen Gesetzgebung bezüglich des Blutpreises der Juden im Land. Das heißt, der Mörder eines jüdischen Iraners bekommt seit 2004 die gleiche Strafe wie der Mörder eines Muslims.

Ihre Mutter und zwei Geschwister gehören zur jüdischen Gemeinde im Iran. Wie vorsichtig müssen Sie sein, wenn Sie in Europa einer Zeitung ein Interview geben?
Ich bin nicht ängstlich. Aber wenn ich mit Journalisten spreche, achte ich darauf, meine Familie nicht zu gefährden.

Mit dem Berner Orientalisten sprach Tobias Kühn.

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